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Schusselige KinderMein Sohn vergisst alles!

Dass Kinder schusselig und vergesslich sind, muss nichts Schlimmes heissen. Eltern können trotzdem etwas dagegen tun. Bild: Getty Images

Mützen, Turnsäcke und so weiter: Kinder vergessen ständig alles Mögliche. Ärgerlich für die Eltern – aber kein Grund zur Sorge.

von Gabriele Herfortaktualisiert am 2017 M03 30

Schon wieder! Felix hat seine Turnschuhe in der Garderobe vergessen. Dabei haben die Eltern dem Elfjährigen schon zweimal neue gekauft. Er hat auch hoch und heilig versprochen, sie nicht mehr liegen zu lassen. «Wie kann man nur so vergesslich sein?», ärgert sich die Mutter. Sie findet es nicht mehr lustig. Denn mindestens einmal pro Woche fehlt dem Sprössling irgendein Gegenstand. «Etwas stimmt nicht mit Felix», denkt sie.

Nur die Ruhe bewahren, es ist nicht immer eine Störung, wenn Kinder schusselig und vergesslich sind. Natürlich ist es wichtig, bei sehr gravierender Unaufmerksamkeit abzuklären, ob etwa ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) vorliegt. «Doch grundsätzlich treten Schusseligkeit und Vergesslichkeit bei Kindern genauso auf wie bei Erwachsenen», sagt der Hamburger Kinder- und ­Jugendpsychologe Michael Thiel. «Vergesslichkeit ist ein zutiefst menschliches Phänomen, das sich oft durchs ganze Leben zieht. Genauso können andere indi­viduelle Eigenschaften fürs ganze Leben typisch bleiben.»

Vergesslichkeit bei Kindern hat oft einen Grund

Häufig verschlampen die Kleinen ausgerechnet Dinge, die im Zusammenhang mit der Schule stehen. Das hat seinen Grund. Denn Kinder wie Erwachsene sind in unangenehmen Situationen besonders vergesslich. «Ein Kind, das sich gegen den Turnunterricht sträubt, lässt den Turnsack eher liegen. Und wenn ihm das Pausenbrot nicht schmeckt, vergisst es dies öfter zu Hause», so Psychologe Thiel. Das läuft meist unbewusst ab.

Kommt hinzu, dass vor allem kleinere Kinder noch kein Bewusstsein dafür haben, dass Dinge, die sie liegen lassen, auf Nimmerwiedersehen verschwinden können. Zudem wechselt ihre Aufmerksamkeit sprunghaft von Reiz zu Reiz.

Aber irgendwann muss jedes Kind lernen, seine Siebensachen zusammenzuhalten. Trösten statt Schimpfen ist dabei der beste Rat, Strafen bewirken meist das Gegenteil. Wenn allerdings das zweite Paar Turnschuhe oder die dritte Mütze unauffindbar bleibt, ist fertig lustig. Dann sollte man das Kind mit den Folgen seiner Unachtsamkeit konfrontieren.

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Die Konsequenzen zu spüren bekommen

Daher ist es richtig und wichtig, dass die Mutter von Felix darauf besteht, dass er mit ihr zur Schule geht und beim Abwart nach den vergessenen Turnschuhen sucht. Die Erfahrung‚ dass das mit Aufwand verbunden ist, kann sich als heilsam erweisen und führt hoffentlich dazu, dass Felix beim nächsten Mal aufmerk­samer ist.

Eine weitere Möglichkeit, das Kind in die Verantwortung miteinzubeziehen, ist, dass es beim Kauf der neuen Turnschuhe einen Beitrag aus seinem Taschengeld beisteuert. Das könnte beim nächsten Verlust dann richtig wehtun.

Den Kindern nicht alles nachtragen

Doch sollen die Eltern bei einem Verlust immer sofort Ersatz beschaffen oder dem Sprössling den vergessenen Znüni stets in die Schule nachtragen? Natürlich nicht, denn Kinder lernen aus den Folgen. Wer den Znüni zu Hause vergisst, wird Hunger bekommen. Wer das Deutschheft nicht einpackt, erhält Tadel vom Lehrer. Ob das Kind seinen Thek mit allen Uten­silien wieder heimbringt, liegt letztlich in seiner Verantwortung.

Grundsätzlich machen sich Eltern schnell zu viele Sorgen und wollen ihre Jüngsten vor Unannehmlichkeiten bewahren. Wenn das überhandnimmt, können Kinder nicht genügend Erfahrungen sammeln. Eltern sollten vielmehr Schritt für Schritt etwas von der Verantwortung abgeben. Das stützt die Entwicklung und das Selbstvertrauen ihrer Kinder.

Kleine Tricks gegen die Vergesslichkeit

Praktische Tipps für Eltern, um die Schusseligkeit ihrer Kinder in den Griff zu bekommen:

  • Rituale: Packen Sie mit dem Kind jeden Abend den Schulthek und legen Sie zusammen die Kleider für den nächsten Tag bereit.
  • Verschlüsse: Bringen Sie dem Kind bei, Verschlüsse bei Taschen, Hosen und Jacken zu schliessen, damit nichts herausfällt.
  • Namensschilder: Kennzeichnen Sie Handy, Thek, Etui oder anderes mit einem Namensschild oder einer Telefonnummer. Bei jüngeren Kindern sind auch Namensschilder in Jacken und Mützen eine gute Idee.
  • Reizüberflutung: Wir sind es gewohnt, mehrere Dinge gleichzeitig anzupacken. Diese Reizüberflutung prägt Erwachsene wie Kinder – und leistet der Vergesslichkeit Vorschub. Schaffen Sie deshalb Entspannungsmomente im Alltag. Sitzen Sie einfach mal beieinander und lassen Sie sich durch nichts ablenken, selbst wenn das Telefon klingelt.
  • Ordnung und Strukturen: Wichtige Gegenstände sollten einen fixen Platz zur Aufbewahrung haben. Mit anderen Worten: Hausschlüssel und Portemonnaie liegen immer in derselben Schublade, derselben Jackentasche oder im selben Thekfach. So fällt schneller auf, wenn etwas fehlt.
  • Vorbildfunktion: Kinder lernen durch Nachahmung. Deshalb sollten sich Mütter und Väter selbstkritisch fragen: Wie sieht es eigentlich mit meiner eigenen Ordnungsliebe aus? Hat ebenfalls jedes meiner Dinge seinen Platz? Räume auch ich immer auf?

Buchtipp

Barbara Hennings, Gisela Niemöller: «Ermutigen statt kritisieren»; Verlag Herder, 2014, 192 Seiten, CHF 14.90