Die Familie ist etwas wert in der Schweiz. Aber bei 1,2 Milliarden Franken hört die Liebe offensichtlich auf. 1,2 Milliarden, das würde es ­etwa kosten, wenn Eltern nach der Geburt eines Kindes zusätzlich zum Mutterschaftsurlaub eine 24-wöchige berufliche Auszeit gewährt würde, wie das die Eid­genössische Koordinationskommission für Familienfragen (EKFF) vorschlägt.

Während dieser Zeit soll jener Elternteil, der zu Hause bleibt, 80 Prozent des Bruttolohns erhalten, maximal aber 196 Franken pro Tag. Die 24 Wochen könnten die Eltern am Stück, in Tranchen oder in Form reduzierter Arbeitszeit beziehen – und zwar von der Geburt bis zum Zeitpunkt der Einschulung des Kindes. Je vier Wochen davon wären reserviert für die Mutter, vier für den Vater. Das soll Männer dazu bringen, sich wenigstens diesen ­«Vaterschaftsurlaub» lang dem Nachwuchs zu widmen. Das Wort «Urlaub» vermeidet die EKFF allerdings; das sei nicht die «tref­fende Bezeichnung für die Übernahme von familialen Betreuungsaufgaben».

Der Preis: «Zehn Franken mehr im Monat»

Just als das, als subventionierte Familien­ferien, sehen viele den Vorschlag. Kritik kommt vor allem von der Wirtschaft. Aber auch SVP und FDP taten die Idee als «So­zialphantasie» ab. Die SP zeigt zwar offen Sympathien. Doch nur die Grünen haben es gewagt, die Idee aufzunehmen und im Wahljahr 2011 damit auf Stimmenfang zu gehen. Sie haben im März eine parlamentarische Initiative eingereicht, die die Umsetzung des EKFF-Vorschlags verlangt.

EKFF-Präsident Jürg Krummenacher erstaunt die Kritik nicht. Doch er meint: «Dass uns gewisse Kreise als zu progressiv wahrnehmen, ehrt uns eher.» Er wehrt sich aber entschieden gegen den Vorwurf, eine Luxuslösung zu propagieren: «Im internationalen Vergleich ist unser Vorschlag sehr bescheiden.» Tatsächlich: Fast alle Indus­trie­länder kennen teils seit Jahrzehnten weit grosszügigere Elternzeitregelungen als die Schweiz (siehe nachfolgende Grafiken).

Auch die Kosten nennt Krummen­acher «massvoll». Finanziert soll das Elterngeld via Erwerbs­ersatzordnung oder via Mehrwertsteuer sein. Letztere müss­te um 0,4 bis 0,5 Prozentpunkte erhöht werden. Eine Finanzierung via Erwerbsersatzordnung brächte für Arbeitnehmer und Arbeitgeber je 0,2 Prozentpunkte mehr Abzüge. «Bei einem Lohn von 5000 Franken wären das je zehn Franken – kein Riesenbetrag.»

Zudem erinnert Ex-Caritas-Direktor Krummenacher daran, dass, gemessen am Bruttoinlandprodukt, kaum ein ande­res Land in Europa so wenig Geld für Familien und Kinder ausgibt wie die Schweiz. 2007 lagen die Leistungen bei 1,2 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Weniger gab es nur in Malta und Polen. Skandinavische Länder, aber auch Deutschland und Österreich, ­geben das Doppelte bis Dreifache aus.

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Überdies fliessen laut Krummenacher mehr als 70 Prozent der Sozialausgaben in der Schweiz in den Bereich Alter und Gesundheit. Nicht mal fünf Prozent kommen den Familien zugute, «ein Missverhältnis, das generationenpolitisch fragwürdig ist». Hier brauche es dringend ein Umdenken in Richtung einer präventiv verstandenen Sozialpolitik. «Denn die Unter­stützungs­leistungen für Familien sind nicht einfach Kosten, sondern Investitionen in die Kinder und in die Zukunft unserer Gesellschaft.»

Gleichwohl muss kein Prophet sein, wer behauptet: Käme das Elternzeitmodell der EKFF heute zur Abstimmung, es hätte keine Chance. Krummenacher sieht dafür vor allem ideologische Gründe: «In der Schweiz ist man noch mehrheitlich der Ansicht, dass die Familie Privatsache sei, aus der sich der Staat weitestgehend heraushalten soll.» Elternzeit oder auch Vaterschaftsurlaub seien, wenn schon, eine Angelegenheit der Sozialpartner, also von Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbänden.

Die Überzeugung dahinter: Erachtet eine Firma das Prädikat «familienfreundlich» als Vorteil im Markt und im Wettstreit um gute, vor allem weibliche Arbeitskräfte, wird sie auch entsprechende Massnahmen ergreifen und innovative Arbeitsmodelle anbieten – und zwar von sich aus. Eine Haltung, die auch Judith Uebersax teilt, das neue familienpolitische Aushängeschild der SVP. Bezahlte Elternzeit mit Arbeitsplatzgarantie lehnt sie ab: «Damit würde kein Problem gelöst, sondern nur die Bequemlichkeit gefördert – auf Kosten der Unternehmen» (siehe Artikel zum Thema «Elternzeit: ‹Schön, aber wer bezahlt das?›»).

Wie blockiert die Debatte ist, zeigt auch der neuste Lösungsvorschlag. Er kommt von Männer.ch, dem Dachverband der Män­ner- und Väterorganisationen. Da eine öffentliche Finanzierung offenbar undenkbar und eine durch die Wirtschaft nicht mehrheitsfähig sei, schlägt Männer.ch vor, Elternzeit und Vaterschaftsurlaub privat über eine «Familienvorsorge» zu finanzieren: Analog dem Sparen für die Alters­vorsorge sollen Frau und Mann über die Pensionskasse oder über eine private Vorsorgeeinrichtung steuerbefreit Geld bei­seitelegen können. Kommt dann ein Kind, steht dieses Geld als (Eltern-)Zeitguthaben zur Verfügung.

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Quelle: Patric Johansson
Quelle: Patric Johansson
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Schweden
Für jedes Neugeborene gibt es 480 Tage Elternzeit. Zwei Monate sind reserviert für Vater oder Mutter. Während der ersten 13 Monate erhalten sie 80 Prozent des letzten Lohns, maximal 58'000 Franken pro Jahr. Davon werden allerdings noch Steuern abgezogen (rund 30 Prozent). Für die restlichen drei Monate gibts eine Tagespauschale von 25 Franken. Zusätzlich erhalten Väter nach der Geburt automatisch zehn Tage frei.

Deutschland
Seit 2007 haben beide Elternteile Anrecht auf bis zu drei Jahre Elternzeit. Während zwölf Monaten erhalten sie 67 Prozent ihres Nettoeinkommens (steuerfrei), maximal rund 2200 Franken pro Monat. Teilen sich Frau und Mann den Urlaub, gibts zwei Monate mehr. Seit der Neuregelung nehmen viel mehr Väter Elternzeit: 18,6 Prozent im Frühjahr 2009 – verglichen mit 3,5 Prozent unter dem alten Gesetz.

Schweiz
Mütter erhalten nach der Niederkunft eine 14-wöchige Lohnfortzahlung in der Höhe von 80 Prozent ihres bisherigen Einkommens. Eine Elternzeit gibt es nicht, genauso wenig wie einen gesetzlichen Vaterschaftsurlaub; die meisten der jährlich 75000 werdenden Väter müssen spätestens zwei Tage nach der Geburt wieder arbeiten gehen, ausser sie ziehen Ferientage ein oder bitten um unbezahlten Urlaub.

Italien
Der Mutterschaftsurlaub dauert 20 Wochen. In ­dieser Zeit erhalten Mütter 80 Prozent des letzten Gehalts. Bis das Kind acht Jahre alt ist, haben Eltern Anspruch auf Elternurlaub von bis zu zehn Monaten. Wenn der Vater mindestens drei Monate des Urlaubs beantragt, wird ein weiterer Monat gewährt. Allerdings werden nur sechs Monate bezahlt, in der Höhe von 30 Prozent des letzten Gehalts – auch das nur für Kinder unter drei Jahren.

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«Politik für Privilegierte»

Laut den Initianten bildet der Vorschlag einen Minimalkonsens ab. Der kleinste gemeinsame Nenner, wenn es denn einen gibt, ist allerdings sehr klein. Gerade bei der politischen Linken dürfte das Modell auf wenig Gegenliebe stossen, soll doch, wie es SP-Nationalrätin Christine Goll formuliert, das individuelle Sparen anstelle einer solidarischen sozialen Absicherung gefördert werden: «Damit wird Politik für Privilegierte betrieben.»

Was von Männer.ch quasi als histori­scher Schulterschluss von links bis rechts verkauft wird, beurteilt Krummenacher als «unausgegorenen Schnellschuss», der mehr schade als nütze. «Welche jungen Leute verzichten schon freiwillig auf fünf Prozent ihres Lohns? Wo das Geld ohnehin knapp und die Familienplanung noch weit weg ist?», fragt er. «Und von so einem Modell würden nur sehr wenige profitieren.»

Gleichwohl stellt sich auch jenseits der ideo­logischen Grabenkämpfe die Frage, wo genau Nutzen und Notwendigkeit einer Elternzeit liegen. Klar: Zieht man zur Bewertung der Familienfreundlichkeit eines Landes nur staatliche Indikatoren heran wie eben gesetzlich geregelte Elternzeit, Vaterschaftsurlaub oder Höhe der Sozialleistungen, landet die Schweiz vermutlich zu Recht auf den hintersten Rängen. Nach Ansicht des britischen Fatherhood Institute hat die Schweiz sogar den tiefsten «Fairness in Familien»-Index aller 21 führenden Industrienationen.

Die rote Laterne hält die Schweiz auch in Sachen Gleichstellung (Gender Equality Index), so das Urteil des Center for Economic and Policy Research, eines Thinktanks in Washington. Auch die Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) hat Helvetien mehrfach ähnlich miese Zeugnisse ausgestellt.

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Doch irgendwie kann man das – so kritisch man die hiesige Familienpolitik auch beurteilen mag – nicht recht glauben. Die Schweiz mag Familien von staatlicher Seite her zwar in der Tat wenig schenken. Aber das, was dabei rauskommt, lässt sich trotz allem sehen. In Sachen Erwerbsquote von Vätern und Müttern macht der Schweiz kein anderes europäisches Land etwas vor. So schlecht kann es um die Gleichstellungspolitik und die Vereinbarkeit von ­Familie und Beruf also nicht stehen. Die Belastung durch bezahlte und unbezahlte Arbeit liegt unter dem EU-Durchschnitt. Und mit der persönlichen Work-Life-­Balance sind nur die Dänen, Österreicher und Norweger noch zufriedener als wir.

Die Hausfrau: In Schweden ausgestorben

Auch in Sachen Wohlstand, Familien- und Kinderarmut steht die Schweiz verhältnismässig gut da. Genauso, was die steuerliche Belastung der Familien betrifft. Und nicht zuletzt bieten die meisten Gross­firmen von sich aus mehr als nur den gesetzlich geforderten Mutterschaftsschutz von 14 Wochen (siehe «Auszeit für Eltern»).

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Quelle: Patric Johansson
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Zudem zeigt gerade Schweden, gern als familienpolitisches Musterland genannt, was das Prä­di­kat «familienfreundlich» auch heissen kann: Verlust von Wahlfreiheit. Vor allem wenn er einhergeht mit ­hoher fiskalischer Belastung und rigiden gesellschaftlichen Vorstellungen, wie modernes Familienleben auszusehen hat. Denn selbst wenn schwedische Eltern wollten, können sie es sich heute finanziell kaum mehr leisten, weniger zu arbeiten und die Kinder selbst zu betreuen. Die klassische Hausfrau ist so gut wie ausgestorben.

Die bürgerliche Regierung sah sich vor drei Jahren gar veranlasst, Eltern monatlich rund 430 Franken zu zahlen, wenn sie auf ihren garantierten Krippenplatz verzichten. Gebrauch davon machte jedoch fast niemand. Nur 1,8 Prozent beantragten die «Herdprämie», wie sie Kritiker nennen.

EKFF-Präsident Jürg Krummenacher sieht die Elternzeit jedoch nicht als Angriff auf die traditionelle Familie. «Alle Eltern sollen das Modell leben können, das ihnen entspricht.» Oder aber: das ihnen ihre wirtschaftliche Situation aufdrängt. Und da liegt das Problem. Waren vor 20 Jahren in der Schweiz über 60 Prozent aller Mütter ausschliesslich Hausfrauen, sind es heute noch gut ein Drittel. Dies, weil die meisten Familien schlicht auf zwei Einkommen angewiesen sind. Kinder bedeuten eben nicht nur Erfüllung, sondern sie stellen auch eines der grössten Armutsrisiken dar.

Rund zwei Drittel aller Mütter mit einem Kind unter vier Jahren arbeiten heute gar nicht oder weniger als 50 Prozent. Das ist in s Sicht nicht nur eine Verschwendung volkswirtschaftlichen Human­kapitals, sondern zementiert auch die Lohn­ungleichheit zwischen den Ge­schlech­tern. Und die Mütter geben damit oft ihre wirtschaftliche Selbständigkeit auf. Bei Trennung oder Scheidung sind sie dann oft auf Sozialhilfe angewiesen.

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Wie stehts um die kindliche Entwicklung?

«Viele Mütter verzichten nicht freiwillig auf Job oder Karriere, sondern weil sie keine Alternative haben», betont Krummenacher. Oder weil sie sich scheuen, ihr Kind schon mit dreieinhalb Monaten – nur so lange zahlt die Mutterschaftsversicherung – fremd­betreuen zu lassen. Tatsächlich werden in fast keinem anderen Land die Kinder so früh und so lange fremdbetreut wie in der Schweiz. «Das ist Studien zufolge nicht unproblematisch für die kindliche Entwicklung», so Krummenacher.

Eine Elternzeit würde das entschärfen: «Mutter und Vater könnten im Idealfall abwechselnd 38 Wochen zu Hause bleiben und dann wieder voll einsteigen ins alte Berufsleben.» Wenn es denn auch vernünftige Anschlusslösungen gäbe, muss man dazu sagen. «Stimmt», meint Jürg Krummenacher. «Deshalb sehen wir die Elternzeit auch nicht als Ersatz für andere fami­lienpolitische Forderungen, die die Ver­einbarkeit von Familie und Berufsleben verbessern – wie Tagesschulen oder mehr familienergänzende Kinderbetreuung.»