1. Home
  2. Geld
  3. AHV/IV
  4. IV-Rente: Ein Leben lang gearbeitet – vom Gericht abgestraft

IV-RenteEin Leben lang gearbeitet – vom Gericht abgestraft

Werner Mäder* quält sich trotz Schmerzen jahrzehntelang zur Arbeit. Bis er irgendwann eine IV-Rente beantragt. Doch die Gerichte stoppen den Mann.

Besonders bitter: Werner Mäder* musste auch die 17'000 Franken Prozesskosten berappen.
von aktualisiert am 04. Januar 2018

Man kann sich den «gmögig» wirkenden Mann als Traumangestellten vorstellen: fleissig, pflichtbewusst, loyal. Doch wenn Werner Mäder* auf den Gerichtsentscheid zu sprechen kommt, verliert er die Gelassenheit. «Was dieser Richter geschrieben hat, ist eine Frechheit.» Man habe ihn als faul hingestellt.

Dabei war es für Mäder immer eine Selbstverständlichkeit, hart zu arbeiten. Er wuchs ohne Vater in einer kinderreichen Familie auf, ging als Kind den Bauern helfen, «weil es dort gutes Essen gab». 

Durch die Schule kam er mit Ach und Krach. In der Lehre als Schlosser fingen dann die Beschwerden an. «Ich habe nichts anderes gekannt, als unter Schmerzen zu arbeiten.» 

Anzeige

Am ganzen Körper Schmerzen

Es begann mit Entzündungen in den Gelenken, an den Armen, Beinen, Hüften, die immer schlimmer wurden. Mäder hatte unter anderem eine Hüftarthrose und Lähmungserscheinungen in den Beinen, konnte kaum noch gehen, musste mehrmals die Ellbogen operieren lassen. Zum Arzt ging er trotzdem jahrelang nicht. Heute hat er von der Schulter bis zu den Füssen Schmerzen. Woher die Beschwerden kommen, dafür hat er letztlich keine Erklärung.

Doch Jammern ist nicht seine Art, immer hat er die Zähne zusammengebissen und sich so arrangiert, dass es irgendwie weiterging. In seinem angestammten Beruf konnte er bald nicht mehr arbeiten, also wechselte er mehrmals die Branche und den Wohnort. Um seine Anstellungen nicht zu gefährden, verschwieg er, dass er körperliche Probleme hatte. Auf Anraten von Ärzten nahm er jahrelang enorme Dosen von Schmerzmitteln. Ohne hätte er nicht arbeiten können.

2006, als die Beschwerden schon weit fortgeschritten waren, diagnostizierte ein Arzt eine «Erkrankung der Wirbelsäule, der Hüfte und der Schultergelenke und des linken Fusses». Mäder solle Arbeiten aussuchen, die «regelmässige Positionswechsel sowie eine Entlastung der Wirbelsäule erlauben» – genau so hatte er es schon lange gemacht. Manchmal hatte er zwei Jobs gleichzeitig, um die körperlichen Belastungen auszugleichen: Beim einen konnte er sitzen, beim anderen stehen. Und damit er weiterhin Chancen auf dem Arbeitsmarkt hatte, bildete er sich stetig weiter, holte in Abendkursen die Matura nach.

«Was dieser Richter geschrieben hat, ist eine Frechheit!»


Werner Mäder*, IV-Rentner

Werner Mäder war unter anderem Zugbegleiter und Wachmann bei der Securitas. Doch nach einigen Jahren konnte er nicht mehr so lange stehen. Also suchte er sich eine Arbeit im Detailhandel. Als er keine Gestelle mehr auffüllen konnte, wechselte er an die Kasse. 

Mit der Zeit waren die Schmerzen aber so stark, dass er nur noch mit einer Hand arbeiten konnte. «Die Kunden in der Warteschlange fluchten laut, weil es so langsam vorwärtsging.» Mäder war an einem Wendepunkt angelangt. Nach Jahrzehnten des Sich-Durchbeissens musste er einsehen, dass er nicht mehr konnte. Doch statt sich krankschreiben zu lassen, kündigte er die Stelle. 2011 meldete er sich bei der IV an.

Zuletzt war er zu 60 Prozent bei der Migros angestellt gewesen und hatte daneben an einer Fernuniversität Rechtswissenschaften studiert. Seine Idee war, in einer Anwaltspraxis im Sekretariat zu arbeiten, doch auf seine Bewerbungen hagelte es Absagen. «Eine gewisse Naivität ist mir nicht abzusprechen», sagt Mäder, und ein leichtes Schmunzeln erscheint auf seinem Gesicht. Einen Quereinsteiger über 50 würde wohl kaum ein Anwalt als Sekretär anstellen.

Es war die Pensionskasse, die klagte

Vier Jahre lang wartete er auf den Rentenentscheid, lebte von der Sozialhilfe und leistete Freiwilligenarbeit als Museumsaufseher. 2015 sprach ihm die IV eine volle Rente zu. Neben zahlreichen körperlichen Leiden diagnostizierten die Ärzte auch mittelschwere Depressionen. Mäder wurde als zu 50 Prozent arbeitsunfähig eingestuft, seine «Restarbeitsfähigkeit» galt für die IV als «nicht verwertbar». Der damals 57-jährige, offensichtlich kranke Mann fände realistischerweise keine Anstellung mehr.

Gegen den IV-Entscheid legte die Migros-Pensionskasse Beschwerde ein. Sie wäre zu einer Rentenzahlung verpflichtet gewesen. Sie brachte vor, der entscheidende Gesundheitsschaden sei erst nach der Anstellung bei der Migros bekanntgeworden, daher sei sie nicht zahlungspflichtig. Die Pensionskasse bekam vor Sozialversicherungsgericht recht. Mäders Anwalt kann den Entscheid nachvollziehen.

Doch das Gericht hob gleich die ganze IV-Rente auf. Selbst für Juristen schwer verständlich, errechneten die Richter eine Arbeitsunfähigkeit von lediglich 15 Prozent. Damit entfällt der Rentenanspruch. Das Gericht fand, Mäder – 59 und kaum fähig, irgendeine Tätigkeit ohne Schmerzen auszuüben – sei sehr wohl vermittelbar im Arbeitsmarkt. Und da er jahrelang vollkommen freiwillig Teilzeit gearbeitet habe, sei sein Rentenanspruch sowieso stark reduziert. 

Diese Begründung empört Mäder: «Ich habe Teilzeit gearbeitet, weil ich daneben ein Studium machte – und auch wegen der Schmerzen.» Mäders Anwalt, Andreas Noll, findet die Urteilsbegründung «sachlich falsch». Die Richter hätten schlicht ignoriert, dass Mäder neben der Arbeit studiert habe. «Somit wird ein Mensch abgestraft, der stets die Zähne zusammengebissen hat.» Es sei stossend, dass das Gericht einen Entscheid der IV aufhebe, der auf mehreren ärztlichen Gutachten beruhe – ohne neue Abklärungen vorzunehmen. «Manche Richter wollen wohl den sozialpolitischen Sparkurs stützen», sagt Noll.

Er mag nicht mehr kämpfen

Doch auch der Gang vors Bundesgericht half Mäder nicht: Die höchste Instanz stützte das Urteil des Sozialversicherungsgerichts im Wesentlichen. Nun muss Mäder erneut Sozialhilfe beziehen. «Dass es einmal so weit kommen würde, hätte ich nicht im Traum gedacht.» Besonders bitter: Er musste auch die Prozesskosten von 17'000 Franken berappen, da er keine unentgeltliche Rechtspflege bekam. Offen ist, ob er die bereits bezogenen IV-Gelder zurückzahlen muss.

Kämpfen mag Werner Mäder nicht mehr, jammern mag er auch nicht. Doch etwas wird bleiben: Er fühlt sich von der Justiz betrogen.


*Name geändert

Guider Logo

Mehr zum Abklärungsverfahren der IV bei Guider, dem digitalen Berater des Beobachters

Hat jemand Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung, wird abgeklärt, zu welchem Grad der Anspruch besteht. Das IV-Verfahren ist sehr komplex und kann sich über eine längere Zeit ziehen, was viele verunsichern und frustrieren kann. Bei Guider erfahren Mitglieder wie die IV vorgeht, wenn sie sich für eine Rente anmelden und was sie tun können, wenn sie einen Entscheid anfechten wollen.

Bitte melden Sie sich an, um zu diesem Artikel zu kommen­tieren.

3 Kommentare

Sortieren nach:Neuste zuerst
Sozialversicherungsberater
Der Artikel hinterlässt viele Fragen und erlaubt es dem Leser nicht diesen Fall zu beurteilen. Hat das Bundesgericht die anonymisierte Fassung des Urteils noch nicht veröffentlicht, sodass man nicht die Urteilsnummer oder gar einen Link auf das Urteil angeben konnte? Was soll der Satz "Selbst für Juristen schwer verständlich, errechneten die Richter eine Arbeitsunfähigkeit von lediglich 15 Prozent." bedeuten? Für welche Juristen war das konkret schwer verständlich? Hat der Beobachter nur den Anwalt von Herrn "Mäder" gefragt oder ist das die Meinung von namhaften Experten im Invalidenversicherungsrecht? Hat der Anwalt von Herrn "Mäder" in der Beschwerde beim kantonalen Versicherungsgericht nicht erwähnt aus welchen Gründen Herr "Mäder" nur Teilzeit gearbeitet hat? Auf Grund des Verbots des Vorbringens von neuen Tatsachen in Artikel, welche man schon im Verfahren vor der Vorinstanz hätte nennen können in Artikel 99 des Bundesgerichtsgesetzes, kann man dies nicht in der Beschwerde beim Bundesgericht nachholen. Es ist nicht neu, wie das Bundesgericht bei Teilzeiterwerbstätigen den Invaliditätsgrad berechnet. Der Artikel erläutert nicht mit welcher Begründung im Urteil des Bundesgerichts Herr "Mäder" keine unentgeltliche Rechtspflege erhalten hat. War er wegen Vermögen oder Einkommen allenfalls einer Ehefrau nicht prozessual bedürftig? Oder wurde die Beschwerde beim Bundesgericht vom Bundesgericht als von vorneherein aussichtslos eingestuft? Wenn letzteres der Fall war, hat der Anwalt von Herrn "Mäder" dies vor der Einreichung der Beschwerde erkannt und Herrn "Mäder" vor dem Kostenrisiko gewarnt? Gerade wenn Begründung des Urteils des kantonalen Versicherungsgerichts so "schwer verständlich" ist, wundert man sich wieso er im Verfahren vor Bundesgericht keine unentgeltliche Rechtspflege bekam.
heinz.v
Ich finde das auch schlimm. Aber eigentlich interessiert mich, was unternimmt jetzt der Beobachter. Wichtig, für mich, dass dies nach dem Artikel stehen würde. Denn. Der letzte Abschnitt des Artikel lässt mich lesen, dass nichts mehr geschieht.
derbeobachter
Danke für Ihren Kommentar. Wir bleiben bestimmt dran am Fall. Es ist aber nicht die Aufgabe des Beobachters, dem Mann konkret zu helfen. Sondern es ist unsere Aufgabe, zu berichten – und so versuchen, etwas zu ändern. Beste Grüsse
ellen3
@Beobachter Aber wo haben Sie bitte berichtet, als gerade DER Richter zum Bundesgerichtspräsidenten ernannt wurde, der kurz zuvor noch vom EGMR wegen einer Verletzung der Menschenrechtskonvention gerügt wurde? Wir sind stolz auf die direkte Demokratie, aber es ist nicht das Volk sondern die Politiker welche die Richter wählen. Richter deren Aufgabe es eigentlich wäre die verfassungsmässigen Rechte der Bürger zu schützen. Man prangert gerne politisch motivierte Urteile im Ausland an, aber wie nah man im eigenen Land daran ist übersieht man gerne. Und die so bestimmten Bundesrichter betreiben selbst gerne Politik, denn wo der Gesetzgeber nicht tätig werden will um die gesetzliche Situation klarzustellen da darf das Bundesgericht praktisch ohne Kontrolle in weiten Bahnen frei walten. Falls doch einmal ein Fall vor den EGMR gelangt muss man sich für das vergangene Verhalten nicht verantworten. Im Gegenteil, man wird sogar belohnt dafür. So wundert es mich auch nicht, dass die Anpassung der IV für Menschen mit Depressionen mit Urteil vom Ende letzten Jahres nun dazu benutzt wird zukünftig praktisch sämtliche psychologischen Einschätzungen in Frage zu stellen. Dies kommt rein zufällig zu einem Zeitpunkt, in dem die durch den EGMR Entscheid nötig gewordene Anpassung der IV zu Mehrkosten von mindestens 35 Millionen Franken im Jahr führen wird...
brigitte
was für ein Horror - gottseidank kümmert Ihr Euch nun um diesen Mann! Ich hoffe, Ihr helft schnell und angemessen - nicht wie die Migros Pensionskasse, das Sozialversicherungsgericht, das Bundesgerecht. Ich hoffe, jeden einzelnen Entscheider holt das Karma blitzschnell ein.
sonja
Beobachter "kümmert" sich leider nicht um diesen "Fall", sondern hat nur berichtet. Ich hatte auch gehofft dies würden sie tun nach diesem Bericht, aber dagür müsste man wohl eine Versicherung abgeschlossen haben&der Herr müsste noch die Kraft haben zu Kämpfen um etwas in die Wege zu leiten!!! aber irgendwann mag man nicht mehr kämpfen (und gerade Leute die eine IV bräuchten sind ja oft auch ausgeqowert oder sog.psychisch angeschlagen. rede da aus erfahrung!) und genau dann, wenn man hilfe am nötigsten hätte.... (ohne selbst grossartig was tun zu müssen!! da man einfach nicht mehr kann!!!!......da ist man dann oft einfach alleine!! traurig!!