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IV-RenteEin Leben lang gearbeitet – vom Gericht abgestraft

Werner Mäder* quält sich trotz Schmerzen jahrzehntelang zur Arbeit. Bis er irgendwann eine IV-Rente beantragt. Doch die Gerichte stoppen den Mann.

Besonders bitter: Werner Mäder* musste auch die 17'000 Franken Prozesskosten berappen.
von aktualisiert am 04. Januar 2018

Man kann sich den «gmögig» wirkenden Mann als Traumangestellten vorstellen: fleissig, pflichtbewusst, loyal. Doch wenn Werner Mäder* auf den Gerichtsentscheid zu sprechen kommt, verliert er die Gelassenheit. «Was dieser Richter geschrieben hat, ist eine Frechheit.» Man habe ihn als faul hingestellt.

Dabei war es für Mäder immer eine Selbstverständlichkeit, hart zu arbeiten. Er wuchs ohne Vater in einer kinderreichen Familie auf, ging als Kind den Bauern helfen, «weil es dort gutes Essen gab». 

Durch die Schule kam er mit Ach und Krach. In der Lehre als Schlosser fingen dann die Beschwerden an. «Ich habe nichts anderes gekannt, als unter Schmerzen zu arbeiten.» 

Am ganzen Körper Schmerzen

Es begann mit Entzündungen in den Gelenken, an den Armen, Beinen, Hüften, die immer schlimmer wurden. Mäder hatte unter anderem eine Hüftarthrose und Lähmungserscheinungen in den Beinen, konnte kaum noch gehen, musste mehrmals die Ellbogen operieren lassen. Zum Arzt ging er trotzdem jahrelang nicht. Heute hat er von der Schulter bis zu den Füssen Schmerzen. Woher die Beschwerden kommen, dafür hat er letztlich keine Erklärung.

Doch Jammern ist nicht seine Art, immer hat er die Zähne zusammengebissen und sich so arrangiert, dass es irgendwie weiterging. In seinem angestammten Beruf konnte er bald nicht mehr arbeiten, also wechselte er mehrmals die Branche und den Wohnort. Um seine Anstellungen nicht zu gefährden, verschwieg er, dass er körperliche Probleme hatte. Auf Anraten von Ärzten nahm er jahrelang enorme Dosen von Schmerzmitteln. Ohne hätte er nicht arbeiten können.

2006, als die Beschwerden schon weit fortgeschritten waren, diagnostizierte ein Arzt eine «Erkrankung der Wirbelsäule, der Hüfte und der Schultergelenke und des linken Fusses». Mäder solle Arbeiten aussuchen, die «regelmässige Positionswechsel sowie eine Entlastung der Wirbelsäule erlauben» – genau so hatte er es schon lange gemacht. Manchmal hatte er zwei Jobs gleichzeitig, um die körperlichen Belastungen auszugleichen: Beim einen konnte er sitzen, beim anderen stehen. Und damit er weiterhin Chancen auf dem Arbeitsmarkt hatte, bildete er sich stetig weiter, holte in Abendkursen die Matura nach.

«Was dieser Richter geschrieben hat, ist eine Frechheit!»


Werner Mäder*, IV-Rentner

Werner Mäder war unter anderem Zugbegleiter und Wachmann bei der Securitas. Doch nach einigen Jahren konnte er nicht mehr so lange stehen. Also suchte er sich eine Arbeit im Detailhandel. Als er keine Gestelle mehr auffüllen konnte, wechselte er an die Kasse. 

Mit der Zeit waren die Schmerzen aber so stark, dass er nur noch mit einer Hand arbeiten konnte. «Die Kunden in der Warteschlange fluchten laut, weil es so langsam vorwärtsging.» Mäder war an einem Wendepunkt angelangt. Nach Jahrzehnten des Sich-Durchbeissens musste er einsehen, dass er nicht mehr konnte. Doch statt sich krankschreiben zu lassen, kündigte er die Stelle. 2011 meldete er sich bei der IV an.

Zuletzt war er zu 60 Prozent bei der Migros angestellt gewesen und hatte daneben an einer Fernuniversität Rechtswissenschaften studiert. Seine Idee war, in einer Anwaltspraxis im Sekretariat zu arbeiten, doch auf seine Bewerbungen hagelte es Absagen. «Eine gewisse Naivität ist mir nicht abzusprechen», sagt Mäder, und ein leichtes Schmunzeln erscheint auf seinem Gesicht. Einen Quereinsteiger über 50 würde wohl kaum ein Anwalt als Sekretär anstellen.

Es war die Pensionskasse, die klagte

Vier Jahre lang wartete er auf den Rentenentscheid, lebte von der Sozialhilfe und leistete Freiwilligenarbeit als Museumsaufseher. 2015 sprach ihm die IV eine volle Rente zu. Neben zahlreichen körperlichen Leiden diagnostizierten die Ärzte auch mittelschwere Depressionen. Mäder wurde als zu 50 Prozent arbeitsunfähig eingestuft, seine «Restarbeitsfähigkeit» galt für die IV als «nicht verwertbar». Der damals 57-jährige, offensichtlich kranke Mann fände realistischerweise keine Anstellung mehr.

Gegen den IV-Entscheid legte die Migros-Pensionskasse Beschwerde ein. Sie wäre zu einer Rentenzahlung verpflichtet gewesen. Sie brachte vor, der entscheidende Gesundheitsschaden sei erst nach der Anstellung bei der Migros bekanntgeworden, daher sei sie nicht zahlungspflichtig. Die Pensionskasse bekam vor Sozialversicherungsgericht recht. Mäders Anwalt kann den Entscheid nachvollziehen.

Doch das Gericht hob gleich die ganze IV-Rente auf. Selbst für Juristen schwer verständlich, errechneten die Richter eine Arbeitsunfähigkeit von lediglich 15 Prozent. Damit entfällt der Rentenanspruch. Das Gericht fand, Mäder – 59 und kaum fähig, irgendeine Tätigkeit ohne Schmerzen auszuüben – sei sehr wohl vermittelbar im Arbeitsmarkt. Und da er jahrelang vollkommen freiwillig Teilzeit gearbeitet habe, sei sein Rentenanspruch sowieso stark reduziert. 

Diese Begründung empört Mäder: «Ich habe Teilzeit gearbeitet, weil ich daneben ein Studium machte – und auch wegen der Schmerzen.» Mäders Anwalt, Andreas Noll, findet die Urteilsbegründung «sachlich falsch». Die Richter hätten schlicht ignoriert, dass Mäder neben der Arbeit studiert habe. «Somit wird ein Mensch abgestraft, der stets die Zähne zusammengebissen hat.» Es sei stossend, dass das Gericht einen Entscheid der IV aufhebe, der auf mehreren ärztlichen Gutachten beruhe – ohne neue Abklärungen vorzunehmen. «Manche Richter wollen wohl den sozialpolitischen Sparkurs stützen», sagt Noll.

Er mag nicht mehr kämpfen

Doch auch der Gang vors Bundesgericht half Mäder nicht: Die höchste Instanz stützte das Urteil des Sozialversicherungsgerichts im Wesentlichen. Nun muss Mäder erneut Sozialhilfe beziehen. «Dass es einmal so weit kommen würde, hätte ich nicht im Traum gedacht.» Besonders bitter: Er musste auch die Prozesskosten von 17'000 Franken berappen, da er keine unentgeltliche Rechtspflege bekam. Offen ist, ob er die bereits bezogenen IV-Gelder zurückzahlen muss.

Kämpfen mag Werner Mäder nicht mehr, jammern mag er auch nicht. Doch etwas wird bleiben: Er fühlt sich von der Justiz betrogen.


*Name geändert

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29 Kommentare

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walterroos
Ich danke allen Ärzten (über ein duzend), die Wahrheitsgetreu in jeder Hinsicht und ohne Ausnahme, korrekte Diagnosen erstellten und weiter transferierten. (Ansonsten wäre man noch ganz verzweifelt an der Menschheit!) Auch dem anonymen Versicherungsfachmann einen Dank, er hat mich nach seinem Kommentar motiviert Kommentare zu Verfassen. Einen dank an den Beobachter, an Herr D. Bütler für seinen Bericht. Er verstand es die Sache auf den Punkt zu bringen. Ebenso möchte ich Herr S. Vinci danken für das dazu passende professionelle Foto und zu Letzt ein Dank an meinen Anwalt auf dessen Intervention die IV einlenkte. Gegen die Gerichtsurteile war auch er letztendlich machtlos. Mein Vertrauen in diesen Rechtsstaat ist gegen 0 gesunken. Es ist der Dank an einen, der mit allen Mitteln versuchte bis zu Letzt im Arbeitsprozess zu bleiben. «Ein Leben lang gearbeitet - vom Gericht abgestraft»

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walterroos
BGE
walterroos
4 Kommentare anschl. 3 Kommentare Vorinstanz

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walterroos
zu 5.1 in den Anfängen habe ich teils bis 150% gearbeitet, teils auch mehr. Aber etwas bequem, wenn die Bundesrichterin einfach der Vorinstanz nachplappert, wenn der Richter der Vorinstanz nicht rechnen konnte, weil er nicht wollte. Doch dazu mein letzter Beitrag, der Aufdeckt wie verklausuliert, dieser Richter vorging und verschiedene Methoden anwendete (wie Verkürzte wieder gabe, Halbsätze bilden um so einen falschen Eindruck zu erwecken, Anmerkungen kreieren, die mit meiner Person rein gar nichts zu tun haben, Schlagworte nennen ohne Inhalt um so einen falschen Eindruck zu erwecken etc. etc.), um den im alter invalid gewordene Mann zu desavouieren.

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walterroos
walterroos
Im Sachverhalt wir festgehalten, dass ich in einem 60% Pensum tätig gewesen sein soll. In Tatsache war ich faktisch nachweisbar 64% tätig. Es gibt einen Vertrag in Theoria und es gibt nachweislich geleistete Arbeitszeit in Praktika. Daneben war ich im BLaw eingeschrieben. In der Erwägung steht unter Pkt. 4.1 «…, denn er habe in der Vergangenheit immer wieder Anstellungen gehabt, welche dieses Pensum nicht überstiegen hätten». Ja, nach der Anmeldung bei der IV, habe ich mir Tätigkeiten ausgesucht, die für mich noch machbar waren. Teils im sozial- caritativen Bereich, wo ich zu einem bescheidenen Entgelt oder kostenlos Jugendliche mit Migrationshintergrund und junge sowie ältere Erwachsene unterstützt v. a. in Mathematik, sodass sie ihre Visionen und Träume (Gymi- Berufswunsch etc.) folgen können. Der Eine wird sich demnächst wie er mir sagte, in Rechtswissenschaft einschreiben und Anwalt werden und anderseits leistete ich u. a. Freiwilligenarbeit. Dies zu erwähnen wurde notwendig, da die Gerichte, Richter und Richterin sowie die Gegenpartei, die Migros und dessen Vertreterin alles versuchten um mich, einer im Alter invalid Gewordener schlecht zu reden. Daher die explizite Erwähnung.
walterroos
Und wenn das Gericht behauptet, dass es in den medizinischen Unterlagen keine Stütze gebe bezüglich diversen Einschränkungen in körperlicher Hinsicht, so ist dies schlicht weg Akten- und Wahrheitswidrig. Dabei stütze ich mich auf sämtliche IV- Berichte, die von meinen behandelnden Ärzten/Speziallisten von der IV eingeholt wurden. Und gerade deshalb, weil ich die vom Gericht plakativ aufgezählten Tätigkeiten meide, konnte ich mich von den Schmerzmitteln lossagen. Soll ich mich mit 60 Jahre etwa mit Schmerzmittel vergiften nur damit ich noch den Arbeitsalltag aushalte? und in Spätfolge Magen und Nierenversagen in Kauf nehmen. // Das Studium habe ich nicht einfach ohne Grund abgebrochen, wie das Gericht zu darstellen versucht. Dies ist eine Schande für gebildete Leute, die Jahre lang in die Schule gingen und widerspiegelt wohl ihren Charakter.
walterroos
Zu jener Zeit hatte ich immer mehr zunehmende Lähmungserscheinungen und zu guter Letzt, konnte ich den Arm nicht mehr bewegen. Ein BS- Vorfall mit Nervenwurzelkompressionen war zu jener Zeit die Hauptursache. Weitere div. körperliche Schäden in der Schulter taten das seine. Die sind aufgeführt und unter Diagnose nachlesbar und jeder Halbgebildete weiss, dass solche Schäden nicht heute auf morgen einfach da sind. Dies sind schleichende Prozesse. Bei mir fing dies alles schon sehr früh an. Ist wohl mein Fehler, wenn die Aufbewahrungspflicht verjährt ist und keine Unterlagen mehr vorhanden sind. // Und dort wo es einige Jahre später Akten gab, schrieb die IV ins Dossier, er war dort nie in Behandlung, dies geht auf die Jahre zurück wo ich als Werkstudent das Abendgymnasium nachholte. Dazu habe ich einen eigenen Kommentar verfasst unter "DIE MIGROS BEHAUPTETE"...
walterroos
- Das tatsächlich geleistete Arbeitspensum betrug 64%, dies geht aus den Akten hervor und nicht 60%. - Wieso der erste IV- Bericht obsolet wurde, geht aus den Akten hervor, daher forderte die IV- zurecht einen zweiten Bericht an, damit die relevanten Daten, die noch nicht vorhanden waren, gebührend einfliessen konnten. Und IV- Akteneinträge wie, «…er war nicht bei Ihnen in Behandlung,» sind nicht gerade Vertrauenserweckend. Vor allem wenn es nicht der Tatsache entspricht. Dies wurde nachträglich richtiggestellt. - Nach dem Medas Bericht 100 AUF dem erlernten Beruf und 100% Auf auf der zuletzt ausgeführten Tätigkeit, war die Rede von einem IV- Grad 44% und nicht wie der Richter schreibt «halbe Rente». Dies habe ich seinerzeit der IV gemeldet und trotzdem schreibt der Richter, den Fehler ab! und unterlässt es den IV- Grad von 44% zu erwähnen. Jeder Richter weiss oder sollte wissen, dass 44% eine viertel Rente ist. - In 3.5 erwähnt man wieder den obsolet gewordenen IV- Bericht und unterlässt es, den nachfolgende Zweite zu erwähnen. Warum? Es ist mir leidig alle diese Fehler weiter zu kommentieren. Der Bericht des Beobachters ist Abschliessend und bringt es auf den Punkt. «Ein Leben lang gearbeitet – vom Gericht abgestraft»
walterroos
Es ist der Dank und das Los der Arbeiterschaften (Männer und Frauen), dass selbst Gerichte, Richter und Richterinnen die Realität verkennen und verzerren, ein theoretisches Gedankengebäude errichten, das in sich weder schlüssig noch nachvollziehbar ist und am Realitätssinn in sich zusammenkracht. Auch scheint es angebracht, im Alter invalid Gewordene Menschen schlecht zu reden. Dies belegen auch unangepasste Anmerkungen des Richters und weisen auf Vorurteile, die einige Richter unbegründet teils (un)bewusst hegen. Einfach aus dem NICHTS bringt man Tiefenpsychologisch gesprochen nicht einfach so solchen Anmerkungen an. Mit welchen Vorurteilen der Richter der Vorinstanz belastet ist, zeigt dieser von Ihm bewerk-stelligte Eintrag deutlich, indem er die in jeder Hinsicht zu recht erfolgten positiven Einträge im Arbeitsbericht zu meiner Person versucht anzuzweifeln und so den im Alter invalid geworden Mann schlecht zu reden mit den Worten //«auch wenn es sich hierbei um wohlwollende Aussagen des ehemaligen Arbeitgebers handeln sollte»// …nein, nein lieber Herr Richter, es ist so wie es da steht.
walterroos
Das bin ich mir schon seit Kind- und Jugendzeit ge-wohnt, positive zusätzlich angebrachte Einträge. Von seriösen Arbeitgebern, kenne ich nichts anderes. Gehen sie 30-35 Jahre vom Letzten- zum ersten Arbeitsbericht zurück, dann hätten sie gemerkt, dass ihre Anmerkungen völlig unangebracht sind. Wollen sie einfach nur in Konkreta mich schlecht reden, oder haben sie ein Problem und Vorurteile gegenüber im Alter invalid gewordenen Menschen. Schon als Kind- und Jugendlicher bin ich mich es gewohnt, sei es beim Bauer im Stall oder auf dem Feld, in der Mechanischen und im austragen von Prospekten ganze Arbeit zu leisten. Und als ich verspätet eine Lehre nachholte, arbeitete ich zusätzlich in einem zweiten Job. Auch hier nur anerkennende und lobende Worte. (… was haben Sie sie in jenem Alter gemacht? vermutlich in der warmen Stube gehockt, gelernt und von Papa und/oder Mama durchgefüttert.) Und nun glauben sie als fremder Richtergeselle unangebrachte Anmerkungen zu meinen Leistungen ins Urteil zu «schmuggeln», sprich: anbringen zu müssen. Etwas Merkwürdig….! Auf weiterführende Tiefenpsychologische Analysen verzichte ich und belasse es mit den Worten von Viktor Frankel «Es gibt nur zwei "Rassen": die Rasse der anständigen Menschen und die Rasse der unanständigen Menschen. Gerade deshalb, weil wir wissen, dass die Anständigen in der Minorität sind, ist jeder einzelne aufgerufen, diese Minorität zu stärken und zu stützen».

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