Die Angst war gross, dass mit der Pandemie die Zahl der Sozialhilfebeziehenden stark steigen würde. Mitte Dezember gab das Bundesamt für Statistik aber vorläufig Entwarnung. Gemäss den neusten Zahlen ist die Sozialhilfequote im zweiten Pandemiejahr sogar gesunken. Sie nahm um 0,1 Prozentpunkte auf 3,1 Prozent ab. Die Sozialhilfequote ist damit so tief wie zuletzt vor zehn Jahren. Die Quote berücksichtigt aber nur jene Menschen, die Sozialhilfe tatsächlich beziehen. Das ist jedoch nur ein Teil der Bevölkerung, der mit grossen finanziellen Problemen zu kämpfen hat.
 

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Frau Beyeler, warum beziehen immer weniger Menschen Hilfe vom Staat? 
Weil mehr Stellen offen sind und der Arbeitsmarkt mehr Leute aufnehmen kann. 

Während der Pandemie ist der Arbeitsmarkt aber nicht gewachsen. 
Aber es gibt immer weniger Fachkräfte. Die Migrationsströme haben sich durch Corona verändert. Es sind mehr Personen in ihre Heimatländer zurückgekehrt und weniger Personen neu eingereist, um hier Arbeit zu finden. Das hat auch den Niedriglohnbereich betroffen. Damit ist auch das Risiko gesunken, die eigene Stelle zu verlieren oder keine neue Stelle zu finden.

Heisst das, es gibt weniger Armutsbetroffene in der Schweiz? 
Wir können nur sagen, dass weniger Menschen neu Sozialhilfe beziehen. Es ist meiner Meinung nach ein Fehler, Armut und Sozialhilfebezug direkt miteinander zu verbinden. Viele Menschen in prekären Lebensumständen beziehen keine Sozialhilfe. Mit den derzeit steigenden Lebenshaltungskosten ist von einer Zunahme der Haushalte auszugehen, deren Mittel sehr knapp sind. Ein Teil davon hat auch keinen Anspruch auf Sozialhilfe oder andere Sozialversicherungsleistungen. 
 

Sie meinen Menschen ohne legalen Aufenthaltsstatus. 
Ja. Oder Menschen, die nicht legal angestellt und versichert sind. Das sind oft Personen, die Care-Arbeit leisten – Nannys oder Altenbetreuerinnen. Wenn sie ihren Job verlieren, stehen sie ohne Krankenversicherung und Anspruch auf Sozialhilfe da und müssen um ihre Existenz fürchten. Während der Pandemie wurden solche Schicksale sichtbarer, da die Leute auf Lebensmittelhilfen angewiesen waren. Meist handelt es sich um alleinerziehende Frauen, die in höchst prekären Situationen leben müssen. Es wäre wichtig, solche Arbeitsverhältnisse zu überdenken. – Auch verzichten viele freiwillig auf Sozialhilfe, obwohl sie einen Anspruch darauf hätten. Im Kanton Bern wird die Quote der Nichtbeziehenden auf ein Viertel geschätzt. 

 

«Vielen ist aber nicht klar, dass Sozialhilfe auch Förderprogramme umfasst.»

Warum verzichten diese Menschen auf Sozialhilfe? 
Weil Sozialhilfe mit Scham behaftet ist. Es herrscht ein Stigma, man sei tief gesunken. Dass man nicht arbeiten will. Dabei wollen die meisten schnell wieder auf eigenen Beinen stehen und eine Arbeit annehmen. Einige haben auch nur Anspruch auf wenig Sozialhilfe und wollen deshalb den Aufwand nicht auf sich nehmen. Vielen ist aber nicht klar, dass Sozialhilfe auch Förderprogramme umfasst, die helfen, dass man seine finanzielle Situation aus eigener Kraft verbessern kann. Daneben sind es ganz praktische Gründe, die einen abhalten, Sozialhilfe zu beantragen. Zum Beispiel, wenn man noch etwas Vermögen hat. Man muss das eigene Auto verkaufen und die Mietwohnung aufgeben, wenn sie zu viel kostet. In gewissen Kantonen muss man sogar das Altersguthaben der zweiten Säule aufgeben. 
 

Viele ausländische Staatsangehörige verzichten auf Sozialhilfe, weil sie fürchten, aus der Schweiz ausgewiesen zu werden. 
Das ist tatsächlich ein Riesenproblem. Die Sozialdienste müssen die Daten der ausländischen Bezügerinnen und Bezüger an die Ausländerbehörde weitergeben. Darum verzichten viele Menschen lieber auf Sozialhilfe, als ihre Aufenthaltsbewilligung zu riskieren. Damit haben sie leider auch weniger Möglichkeiten, notwendige Angebote wie Bildungs- und Sprachprogramme zu nutzen, die ihnen helfen würden, aus der Arbeitslosigkeit herauszukommen. Die Politik muss hier unbedingt bessere Rahmenbedingungen schaffen.

«Niemand muss sofort die Wohnung oder das Auto aufgeben.»


Ist es sinnvoll, den Bezug von Sozialhilfe so lange wie möglich hinauszuzögern?
Zögern führt oft in eine Negativspirale. Anfangs verliert man nur eine Stelle, irgendwann die Wohnung, dann den Glauben an sich selbst. Das hat häufig gesundheitliche Folgen. Dann ist es noch viel schwieriger, eine neue Stelle zu finden. Am besten ist es, frühzeitig Kontakt mit der Sozialhilfe aufzunehmen. Sie vergibt ja nicht nur Geld, sondern sie bietet auch Sozialberatung und vermittelt an Fachstellen. Ausserdem schafft sie Zugang zu Bildungsprogrammen wie beruflichen Weiterbildungen. Das erhöht die Chancen auf dem Arbeitsmarkt. 


Was sollen jene machen, die davor zurückschrecken, Sozialhilfe zu beziehen? 
Sie sollten sich eines klarmachen: Es kann allen passieren, dass das Geld plötzlich nicht mehr reicht. Ich empfehle allen Bedürftigen, Sozialhilfe zu beantragen, um wenigstens eine Notsituation zu überbrücken. 
 

Das eigene Auto abgeben zu müssen, wirkt für viele sehr abschreckend. 
Die Sozialdienste haben Spielraum. Niemand muss sofort die Wohnung oder das Auto aufgeben. Ausserdem ist niemand gezwungen, Sozialhilfe weiter zu beziehen. Man kann sich jederzeit zurückziehen. Wer sich in einer schwierigen Lebenssituation befindet, sollte sich unbedingt beraten lassen. Sofern man Skrupel hat, sich hierzu direkt an die Sozialhilfe zu wenden, findet man am Wohnort allenfalls auch alternative Anlaufstellen. 
 

Zur Person

Michelle Beyeler ist Professorin für Sozialpolitik an der Berner Fachhochschule.

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