Zwischen Preiskampf und Bankgebühren: Die Rechnung einer kleinen Tankstelle
Autofahrer müssen an der Tankstelle momentan tief ins Portemonnaie greifen. Doch Tankstellenbesitzer Marcel Gerber sagt, er verdiene weniger, wenn die Preise steigen. Der Grund seien die Kartengebühren.

Veröffentlicht am 15. April 2026 - 14:57 Uhr

Treibstoff geht wieder mehr ins Geld: Wie sich der Benzinpreis zusammensetzt, ist für Konsumenten aber nur schwer nachvollziehbar.
Wer momentan tankt, flucht über die Preise. Das merkt auch Marcel Gerber, der eine kleine Tankstelle im Berner Mittelland führt. Viele Kunden glauben, dass Gerber jetzt das grosse Geschäft macht. Doch die Realität sehe anders aus, sagt er zum Beobachter.
Gerber, der eigentlich anders heisst, bezieht den Treibstoff von einem grossen Ölimporteur. Dreimal in der Woche kommt der Tanklaster vorbei – zweimal mit Benzin, einmal mit Diesel. Je nach Einkaufspreis kalkuliert Gerber täglich seine eigenen Preise. Dabei schaut er ständig auf die Konkurrenz. Auf der umkämpften Strecke von nur wenigen Kilometern stehen ein halbes Dutzend andere Tankstellen, darunter Schwergewichte wie BP, Coop und Agrola.
Die Bank verdient mit
Gerber sagt, er verdiene pro verkauftem Liter zwischen 5 und 15 Rappen – je nachdem, wie sich der Benzinpreis in den Tagen direkt nach seinem Einkauf verhält. Wenn ein Kunde die Debit- oder Kreditkarte ans Lesegerät hält, verdient auch die Bank mit. Die Zahlungsanbieter verlangen keinen fixen Betrag pro Liter, sondern einen Prozentsatz des Gesamtumsatzes. Das führt zu einem Paradox: Bei kurzfristigen Preiserhöhungen steigt zwar Gerbers Marge. Aber wenn das Benzin generell teurer ist, muss Gerber mehr an die Banken abgeben – und sein Gewinn sinkt.
Ein Rechenbeispiel verdeutlicht das Problem. Kostet der Liter Fr. 1.80, zieht der Kartenanbieter einen prozentualen Betrag ab. Steigt der Preis auf 2 Franken, erhöht sich auch dieser Abzug automatisch. Da Gerbers Marge nach seiner Aussage bei allen Preisen konstant bleibt, greifen die höheren Gebühren seinen Gewinn an. Wieso passt er nicht seine Marge entsprechend an, um die Gebühren abzufangen? «Dann verkaufen wir keinen Most mehr», meint Gerber. In einer so umkämpften Region sei es unmöglich, den Preis deswegen zu erhöhen.
Preisüberwacher fordert mehr Transparenz
Ob die hohen Benzinpreise berechtigt sind, liesse sich nicht generell sagen, mein Beat Niederhauser, Stellvertreter des Preisüberwachers. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2022 brachte keine systematisch erhöhten Margen bei Tankstellen ans Licht. Allerdings hatte die Preisüberwachung damals von der Branche nur ungenügend Informationen erhalten. Hinweise gab es jedoch auf das sogenannte «Rockets and Feathers»-Phänomen: Steigende Kosten gibt die Branche der Konsumentin schneller weiter als sinkende.
Wie sich der Benzinpreis genau zusammensetzt, sei für den Konsumenten undurchsichtig, bilanziert Niederhauser vom Preisüberwacher. Diese Transparenz beim Endpreis müsse die Branche verbessern.
«Ich verdiene nicht an der Teuerung, ich verwalte sie nur.»
Marcel Gerber, Tankstellenbetreiber im Berner Mittelland
Bargeld lohnt sich mehr
Für Gerber ist bei der ganzen Rechnerei klar: «Am liebsten ist mir das Bargeld.» Da lande jeder Rappen eins zu eins in seiner Kasse. Doch Bargeld bedeutet auch Risiko und Aufwand. Gerber muss den Tresor regelmässig leeren und das Geld zur Bank bringen. Vor vier Jahren scheiterten Einbrecher beim Versuch, ihn mit einer Brechstange zu knacken. Die Beute wäre mickrig gewesen: Lediglich 40 Franken lagen im Safe.
Gerber spürt den Wettbewerb um die Benzinpreise jeden Tag. Er weiss, dass er über den Preis punkten muss, um gegen die grossen Marken zu bestehen. Und wenn die Autofahrer über die hohen Preise schimpfen, sagt er: «Ich verdiene nicht an der Teuerung, ich verwalte sie nur.» Für ihn bedeute ein hoher Benzinpreis ebenfalls weniger Geld in der Tasche.
- Avenergy: Wie setzt sich der Benzinpreis zusammen?
- Avenergy: Beispiel Preiszusammensetzung Benzin bleifrei 95
- TCS: So entstehen und entwickeln sich die Treibstoffpreise
- Preisüberwacher: Analyse der Entwicklung der Margen von Raffinerien und Tankstellen im Zuge der gestiegenen Energiepreise im ersten Halbjahr 2022




