Mit 18 fiel Yvonne Leuenberger aus dem Rahmen. Ihre Kollegen witterten die grosse Freiheit hinter dem Lenkrad, sie dagegen fuhr weiterhin Velo oder ging zu Fuss. Bis heute, mit 57, hat die in Winterthur lebende Bernerin keinen Führerschein. Und ist trotzdem immer ans Ziel gekommen. 

«Ich verzichte aufs Auto, weil ich möglichst wenig Dreck hinterlassen möchte», sagt Leuenberger. Sie sei in einem autofreien Elternhaus aufgewachsen und habe immer gewusst, dass man gut ohne Auto leben kann. Vermisst hat sie den «Lappen» nie wirklich. «Ein einziges Mal im Leben wäre ich froh darum gewesen. Doch da hatte ich wegen einer Gallenkolik solche Schmerzen, dass ich sowieso nicht mehr fahrtauglich gewesen wäre.»

Inzwischen hat zwar jeder fünfte Haushalt in der Schweiz kein eigenes Auto mehr. Dennoch ist Yvonne Leuenberger eine Ausnahme. Gemäss Bundesamt für Statistik liegt die Führerscheinquote bei den 45- bis 64-Jährigen bei 90 Prozent. 

Wie viele trotz Führerschein aufs Autofahren verzichten, ist statistisch nicht erfasst. Aber in städtischen Gebieten gibt es immer mehr autofreie Haushaltungen. Die Spitzenreiterin ist Basel mit über 50 Prozent, gefolgt von Bern und Zürich. 

Im Bekanntenkreis der 36-jährigen Gabriella Hohendahl sind «fast alle» ohne Auto. Die meisten haben zwar mal die Prüfung absolviert, sind dann aber nicht drangeblieben. Die angehende Pflegefachfrau hat nie den Führerschein erworben – unter anderem weil sie sich nie ein Auto kaufen wollte. «Und ohne Praxis ists schwierig.» Auch in ihrer Altersgruppe hat das Seltenheitswert: Die Führerscheinlosen machen bei den 30- bis 45-Jährigen knappe elf Prozent aus. 

Bei den Jüngeren aber kippt die Statistik: In der Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen sinkt der Anteil derer, die den Führerschein erwerben, seit längerem. 1994 hatten noch 71 Prozent das «Billett», 2010 waren es nur noch 59 Prozent.

Steuern wir also auf eine autolose Zukunft zu? Experte Thomas Sauter-Servaes bremst: «Die Frage, ob die junge Generation eher bereit ist, ein Leben lang aufs Auto zu verzichten, kann im Moment noch niemand beantworten», sagt der Mobilitätsforscher an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. «Vielleicht machen sie den Führerschein heute einfach später.»

Anzeige

«Ich komme mit dem Velo überall hin»: Lilian Setenou.

Quelle: Christian Schnur

«Ich verzichte aufs Auto, weil ich möglichst wenig Dreck hinterlassen möchte.»

Yvonne Leuenberger, Velofahrerin aus Überzeugung

Anzeige

Dafür sprechen Erfahrungen der Fahrlehrer. Bei Thomas Hugelshofer in Zürich etwa hat sich das Durchschnittsalter der Schüler in den letzten zehn Jahren um mindestens zwei Jahre nach oben verschoben. «Vier von zehn sind deutlich über 18, wenn sie sich anmelden.» 

Auch der Basler Marco D’Amico hat es heute regelmässig mit 30-jährigen Fahrschülern zu tun – früher eine Seltenheit. «Man ist einfach nicht mehr so sehr auf den Führerschein angewiesen», sagt er. Auch auf dem Land habe das Interesse der Jungen deutlich nachgelassen.

Die Zahl der Autoprüfungen insgesamt bleibt allerdings seit Jahren stabil. Das lässt vermuten, dass das Desinteresse am Führerschein nur eine Alterserscheinung ist. Irgendwann erwerben ihn die meisten trotzdem – und sei es nur, weil Autofahren in den Augen vieler wie Lesen und Schreiben eine Art Kulturtechnik ist. Oder weil sie sich einen konkreten Nutzen versprechen – zum Beispiel aus beruflichen Gründen. «Und dann muss es plötzlich sehr schnell gehen», sagt Fahrlehrer Marco D’Amico.

Mit Umweltschutz hat das Umdenken eher weniger zu tun. Denn zugleich legen dieselben Jungen mehr Mobilitätskilometer denn je zurück. Auch im schmutzigsten aller Verkehrsmittel, dem Flugzeug. «Sie sparen am Führerschein und fliegen für das gesparte Geld nach Bali», sagt Experte Thomas Sauter-Servaes. 

Er glaubt nicht, dass Autos grundsätzlich an Anziehungskraft als Statussymbol verloren haben. «Geben Sie einem Jungen einen Porsche, und Sie sehen, was ich meine.» Smartphones seien heute ebenfalls Statussymbole, nur halt wesentlich günstiger und vielseitiger als ein eigenes Fahrzeug. «Ausserdem ist es dank Mitfahrplattformen wie Blablacar heute einfach, ohne Führerschein mobil zu sein. Denn: Auf Mobilität verzichten, das will eigentlich niemand.»

Anzeige

Auch Hannes Schmid nicht. Dennoch ist der 25-Jährige fest entschlossen, das «Billett» nie zu machen. Er legt pro Monat etwa 1000 Kilometer zurück – seine Altersgenossen im Schnitt rund doppelt so viel. Für kurze Strecken wählt der Student das Velo, für grosse Distanzen den Zug. In der Regel sei er damit schneller am Ziel als mit einem Auto. «Der motorisierte Individualverkehr ist extrem ineffizient.»

Aufs Auto verzichten, um «möglichst wenig Dreck zu hinterlassen»: Yvonne Leuenberger mit Freund Urs Schäffler.

Quelle: Christian Schnur

«Rund die Hälfte der Autofahrten in der Stadt ist kürzer als fünf Kilometer. Da kann man auch das Velo nehmen.»

Thomas Sauter-Servaes, Mobilitätsexperte

Anzeige

Für viele ist der fahrbare Untersatz auch schlicht zu teuer, zeigt eine Umfrage der «Basler Zeitung». Als noch gewichtigeres Argument nennen die Befragten das gute öffentliche Verkehrsnetz. «Dieses hat zusätzlich an Attraktivität gewonnen», sagt Experte Thomas Sauter-Servaes. «Und zwar dank dem Smartphone, auf dem man den Fahrplan in Echtzeit abrufen kann.» 

Die Wahl des Verkehrsmittels hänge aber auch schlicht von den Gewohnheiten ab. «Rund die Hälfte der städtischen Autofahrten ist kürzer als fünf Kilometer. Da kann man auch das Velo nehmen.» 

Lilian Setenou tut genau das – immer. Als Teenager verzichtete die 39-Jährige auf ein Auto, weil sie der Umwelt nicht schaden wollte. 20 Jahre später steht dieser Gedanke nicht mehr im Vordergrund, aber einen Führerschein hat Setenou immer noch nicht. «Ich komme mit dem Velo überall hin und bin lieber draussen als in einem geschlossenen Auto.» Dafür nimmt die mobile Fusspflegerin einiges in Kauf, denn natürlich muss sie auch bei Regen und Kälte zur Kundschaft. Alle Utensilien transportiert sie in einem gedeckten Anhänger. Da hilft es, dass sie sich unterdessen ein E-Bike angeschafft hat.

Komplizierter sei das Leben ohne Auto nicht, finden eigentlich alle Führerscheinlosen. Parkplatzsuche, Staus, teure Versicherung fallen weg. 

Und als Exoten fühlen sie sich je länger, je weniger. «Vielleicht sind wir einfach der Zeit ein Stück voraus», sagt Yvonne Leuenberger, die einst aus dem Rahmen fiel, als sie aus freien Stücken aufs «Billett» verzichtete.

Führerschein: Ein teurer Spass

Wer den Führerschein erwerben will, muss tief in die Tasche greifen. Bis zum Schluss der Prozedur kommen 4000 bis 5000 Franken zusammen. Eine Auflistung der Fixkosten:

  • Eine Fahrlektion à 50 Minuten: 80 bis 110 Franken
  • Verkehrskundeunterricht: 200 Franken
  • Sehtest: 20 Franken
  • Nothelfer: 100 bis 200 Franken
  • Theoriebuch: 30 Franken
  • Theorieprüfung: 30 bis 50 Franken
  • Lernfahrausweis: 50 bis 100 Franken
  • Praktische Fahrprüfung: 120 bis 130 Franken
  • Führerausweis: 35 bis 50 Franken


Auch der Zeitaufwand ist gross: Neben Nothelferkurs und Verkehrskunde absolvieren Fahrschüler im Schnitt 27 bis 29 Fahrstunden. 

Rund 35 Prozent fallen beim ersten Mal durch die Prüfung – dieser Anteil ist seit den siebziger Jahren stabil. Wer besteht, muss danach innerhalb von drei Jahren nochmals rund 700 Franken für zwei obligatorische Weiterbildungskurse aufwenden.

Anzeige