Es ist ein eiskalter Februarmorgen im Hoch-Ybrig SZ. In der Nacht hat es heftig geschneit, Pulverschnee liegt auf der Piste. Der perfekte Tag zum Skifahren – nur die Sicht könnte besser sein. Es hudlet. Neben mir steht Thomas Pfyl, 32. Wir schnallen die Skier an, greifen mit der linken Hand nach dem Skistock, die rechte bleibt leer. Kurzer Blickkontakt, dann schiessen wir los. Pfyl voraus, ich hinterher.

Wir rasen die Piste hinunter, jeder auf seine Weise – und bewegen uns doch eigenartig synchron. Wir haben eine ähnliche Körperbehinderung. Bei Thomas Pfyl sprechen Fachleute von Hemiplegie, einer vollständigen Halbseitenlähmung, bei mir von Hemiparese, einer unvollständigen Halbseitenlähmung. Bei uns beiden ist die rechte Körperseite betroffen, bei mir vor allem Arm und Bein.

Aufhören war keine Option

Thomas Pfyl war neun Monate alt, als die Ärzte feststellten, dass er zu wenig Sauerstoff im Blut hatte. Bei mir war es eine Thrombose nach einer Herzoperation, ich war 18 Monate alt. Sichtbar ist unsere Behinderung Barrierefreiheit Der Bund macht es Blinden schwer vor allem am rechten Arm. Die Hand hängt unbeteiligt herunter.

Wir lernten uns vor neun Jahren kennen, beim Skifahren. Wir beide wollten Skirennen fahren. Ich gab wegen meiner Ausbildung auf, ich will Journalist werden. Thomas Pfyl fuhr weiter, wurde Vizeweltmeister im Slalom. Sein Weg verlief nicht geradlinig. Es gab ein Auf und Ab. Manchmal dachte er ans Aufhören Leistungssteigerung Was bringt Mentaltraining? . Aber: «Rundherum Berge, eine skiverrückte Familie – ich hatte gar keine andere Wahl», erzählt Thomas Pfyl, als wir mit dem Sessellift bergwärts fahren.

Bei einem Fun-Event entdeckt

Mit vier steht er das erste Mal auf Skiern. Ein paar Jahre später fährt er im Juniorenteam des regionalen Skiklubs mit Nichtbehinderten. Doch bei den Rennen hat er keine Chance. «Sich als Behinderter mit Nichtbehinderten zu messen ist schwierig. Und immer Letzter zu werden fängt irgendwann an zu nerven.» Er will mehr als bloss mitfahren.

Er ist 14, als er 2001 bei einem Fun-Event im Hoch-Ybrig entdeckt wird. Ein Trainer fragt ihn, ob er sich dem Swiss Disabled Ski Team anschliessen und in ein Trainingslager mitkommen will. Er will. Im Dezember fährt er sein erstes Europacuprennen, in der gleichen Saison schafft er den Sprung in den Weltcup. Von nun an trainiert Sport Die zehn grössten Fitness-Irrtümer Thomas Pfyl hart. Das hilft auch seinem Körper. «Die Kombination aus Konditions-, Kraft- und Skitraining hat meine behinderte Körperseite viel kräftiger gemacht», sagt er. Die Kräfteverhältnisse in seinen Beinen haben sich verändert. «Ursprünglich war mein rechtes Bein viel schwächer, die Belastung lag zu 90 Prozent auf dem linken Bein. Heute sind es vielleicht noch 70 Prozent.»

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Jetzt oder nie

Beim Weltcup vorne mitfahren genügt ihm irgendwann nicht mehr. Er will an die Spitze. Im Sommer 2016 hängt er seinen Job als Aussendienstmitarbeiter an den Nagel und wird Skiprofi. «Es ging nicht anders», sagt Thomas Pfyl. «Der Behindertensport ist professioneller geworden, auch im Bereich Ski alpin.» Er sei 180 bis 200 Tage pro Jahr unterwegs. «Daneben zu arbeiten Arbeitszeit Warum sich weniger arbeiten für alle auszahlt ist nahezu unmöglich. Ich dachte, wenn ich es jetzt nicht mache, dann mache ich es nie.»

Profi werden, mit 29, als Behindertensportler – das ist ein Wagnis mit ungewissem Ausgang. Finanziell wie sportlich. Pfyl lieferte zwar immer gute Resultate, aber ganz an die Spitze schaffte er es nicht. Meistens war dann doch ein anderer schneller.

«Der Behindertensport hat bei uns nicht den gleichen Stellenwert wie zum Beispiel in Österreich.»

Thomas Pfyl, Skiprofi


Die Saison 2018/2019 ist seine 17. Saison insgesamt – und seine zweite als Profi. Sie ist intensiv wie keine zuvor. Neben Weltcuprennen fährt Pfyl im Europacup. Der Terminplan ist eng. Er reist für die Rennen nach Finnland, Schweden, Italien und Österreich, nimmt an allen sieben Weltcup- und vier Europacuprennen teil. Er fährt an den Weltmeisterschaften in Kranjska Gora und an den Schweizer Meisterschaften. Der Materialaufwand ist enorm. Pro Disziplin hat Pfyl vier Paar Skier. Er fährt in allen fünf Disziplinen – macht 20 Paar. «Je nach Wetterlage oder Bauchgefühl Bauchgefühl Wie unsere Entscheide entstehen entscheide ich mich für einen der vier Skier.» Selber bezahlen könnte er sie nicht. Sein Ausrüster stellt sie ihm zur Verfügung.

Thomas Pfyl

Thomas Pfyl ist im Jahr zwischen 180 und 200 Tage unterwegs.

Quelle: Pascal Mora
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Auf Sponsorensuche

Geld sei immer ein Thema, sagt Thomas Pfyl zwischen zwei Abfahrten. Die Schweiz ist für Behindertensportler ein hartes Pflaster. Die Beachtung ist mässig, die Verdienstmöglichkeiten sind gering. «Der Behindertensport hat bei uns nicht den gleichen Stellenwert wie zum Beispiel in Österreich.» Es gibt weder Startgelder noch Siegprämien. Der Verband Swiss Paralympic und die Schweizer Sporthilfe unterstützen Pfyl, allerdings nur solange er erfolgreich ist.

Den grössten Teil der benötigten Gelder erhält Pfyl von Sponsoren, die er selbst gesucht hat. Die einen fand er über persönliche Kontakte, zu anderen führten ihn glückliche Zufälle, und manchmal kam er dank Beharrlichkeit weiter. Letztere half ihm etwa, die Reha Rheinfelden als Hauptsponsor zu gewinnen. «Ich wusste, dass das Rehabilitationszentrum bereits einen Athleten unterstützt, und fragte an, ob sie sich nicht auch für einen Wintersportler engagieren möchten. So kam die Zusammenarbeit zustande.»

Bei der Pflege der Sponsoren kann Pfyl auf die Unterstützung seiner Frau Evelyne zählen. Zusammen ist es ihnen gelungen, langjährige Verträge abzuschliessen. Ein Glück sei das. «So habe ich etwas Sicherheit», sagt Pfyl. Derzeit halten sich Aufwand und Ertrag in etwa die Waage, und Pfyls Rechnung geht knapp auf. Aber die Erwartungen sind gross. Sponsoren wollen Erfolge sehen, sonst verlieren sie das Interesse. Der Druck, gewinnen zu müssen, sei deutlich grösser, seit er Profi ist.

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Herausforderung Alltag

Draussen fällt der Schnee immer dichter, die Sicht ist gleich null – wir machen im «Sternen» Mittagspause und kommen auf unsere Behinderung zu sprechen, die den Alltag manchmal zur Herausforderung macht. Wir haben beide nur eine Hand, die wir brauchen können. Wie schneidet man nur schon ein Stück Fleisch? «Kein Problem», sagt Thomas Pfyl. Er nehme das Messer in seine linke Hand, drücke kräftig, bis die Klinge das Fleisch trennt und er es mit der Gabel in den Mund schieben kann. Heute braucht er kein Messer, er bekommt einen Teller Suppe serviert.

«Man ist so sehr daran gewöhnt, mit einer Hand den Alltag zu meistern, dass man die andere Hand von Zeit zu Zeit einfach vergisst.»

Thomas Pfyl, Skiprofi


Ich erzähle ihm von den Arm- und Beinschienen, die ich tragen musste, bis ich 16 war. Ohne die Hilfe meiner Kollegen oder der Lehrerin konnte ich sie nicht anziehen. Auch Pfyl trug Beinschienen, allerdings nur halb so lange wie ich. Ob er Hilfe brauchte, um die Schienen oder die Schuhe anzuziehen, weiss er nicht mehr.

Um Hilfe bitten – das müssen Menschen mit einer Körperbehinderung Blind im Beruf «Jeder urteilt, niemand fragt» lernen. Manchmal kostet das Überwindung. «Heute mehr als früher. Je älter ich werde, desto schwieriger ist es für mich», sagt Pfyl. Ich hingegen habe bis heute kein Problem damit.

Mit einer Hand schneller als mit zweien

Wir machen uns auf für eine nächste Fahrt, und ich realisiere, dass Thomas Pfyl etwas kann, was mir nicht gelingt – die Schnallen der Skischuhe schliessen. Ich schaffe das nur mit Hilfe. Pfyl kann es allein, mit einem Trick. Erst zieht er den Innenschuh an und macht ihn mit einem Gummizug fest, dann steigt er in den äusseren Schuh, langt mit der linken Hand von hinten um den rechten Skischuh und zieht die Schnalle so fest, dass der Schuh hält.

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Seine behinderte Hand benutzt er so oft wie möglich, auch im Alltag. Zum Beispiel zum Öffnen einer Flasche oder um einen Bleistift zu halten. «Man ist so sehr daran gewöhnt, mit einer Hand den Alltag zu meistern, dass man die andere Hand von Zeit zu Zeit einfach vergisst.» Mit einer Hand ist man manchmal einfach schneller als mit zweien, weiss auch ich.

Nächstes Ziel: Goldmedaille

Wir sind parat für die Piste. Die Jacken sind angezogen, die Helme aufgesetzt, die Skischuhe zugemacht. Das Wetter ist besser geworden. Es schneit nicht mehr, die Sonne drückt durch den verhangenen Himmel. Dann geht es los. Wieder fährt Pfyl voraus, und ich jage hinterher.

Thomas Pfyl hat 23 Weltcupsiege errungen, mehrere Medaillen an Weltmeisterschaften gewonnen, auch an Paralympischen Winterspielen stand er auf dem Treppchen. Doch ein Erfolg fehlt ihm. «Ich will einen Grossanlass gewinnen!», sagt Pfyl. Das will er entweder 2021 erreichen an den Paralympic-Weltmeisterschaften oder 2022 an den Paralympischen Winterspielen in Peking. «Dafür trainiere ich hart und lasse mich durch nichts aus der Ruhe bringen.»

Thomas Pfyl

«Ich fahre, solange ich Spass habe.»

Quelle: Pascal Mora
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Der Routinier mit Vorbildfunktion

«Ich fahre, solange ich Spass habe», sagt Pfyl. Aber nicht um jeden Preis. Den anderen hinterherjagen, das ist nicht seine Sache. «Wenn ich merke, dass es nicht mehr für die vorderen Plätze reicht und ich nicht mehr mithalten kann, höre ich auf.» Doch so weit ist es noch nicht.

Nebst der Freude am Fahren geniesst er auch seine Rolle im Swiss Paralympic Ski Team. Der 32-Jährige gehört zu den Routiniers. «Die jüngeren Fahrer wie Robin Cuche und Théo Gmür kommen ab und an auf mich zu, wenn sie Fragen haben. Ich bin eine Art Vorbild für sie.»

Ein letztes Mal gondeln wir mit dem Sessellift hoch, ein letztes Mal schiessen wir die Piste hinunter. Es ist eine der letzten Fahrten des Winters, die Saison ist praktisch vorbei.

Thomas Pfyl will nun ein paar Wochen lang relaxen und Energie tanken. Spätestens im Sommer beginnt die Vorbereitung für die neue Saison. Trainieren aber wird er bereits vorher.

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Sarah Käser, Online-Redaktorin

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