Tempo. 55, 60, 65 Kilometer pro Stunde. Dana Broger tritt weiter in die Pedale. 70, 75, 80, sie beugt den Oberkörper so weit nach unten, dass sie mit dem Kinn fast den Lenker berührt. Nur zwei Kilometer sind es vom Albispass hinunter ins Aeugstertal. Doch zwei Minuten Rausch. «Das Gefühl von Tempo erlebe ich nirgends so echt wie auf dem Rennvelo», sagt die 26-Jährige.

Frauen wie Dana Broger schütteln dem traditionellen Männerhobby Rennvelofahren gerade den Staub ab. Noch nie waren auf dem Klausenpass, in den Hügeln des Entlebuchs oder entlang des Zugersees so viele Rennvelofahrerinnen unterwegs wie diesen Frühling. Frauen in Gruppen, Frauen mit Männern, Frauen allein. Auffallend viele jung. «Bei den lizenzierten Fahrerinnen in den Veloklubs steigen die Zahlen erst leicht an, auf der Strasse aber ist der Frauentrend unübersehbar», sagt Emma Pooley, Leiterin des Swiss-Cycling-Frauenförderprojekts #fastandfemaleSUI und früher selber Radprofi. Auch die Hersteller haben die neue Zielgruppe entdeckt und eigene Damen-Rennradlinien entwickelt. Die Verkaufszahlen steigen kontinuierlich.

Velofahren in Reinkultur

Dana Broger ist um acht losgefahren, von ihrer WG mitten in Zürich (Tourkarte am Artikelende). Eine Dreiviertelstunde später hat sie bereits Hausen am Albis passiert und pedalt Sihlbrugg entgegen. Im Süden der Zugersee, dahinter die Rigi, Kühe in der Morgensonne. «Mit dem Rennvelo bist du in kürzester Zeit in einer anderen Welt. An einem Tag schaffst du die halbe Schweiz», sagt sie, die Beine wirbeln, die Räder drehen.

Sie war bereits als Kind angefixt von der schnellen Fahrt auf dünnen Reifen, ein Erbe ihrer Mutter. Mit zwölf zog die kleine Dana deren viel zu grosse Veloschuhe an und wuchtete sich auf deren Rennvelo, weil sie die Klickpedalen ausprobieren wollte. Mit 20 wurde sie Kurierin beim Veloblitz, die Erfüllung ihres Mädchentraums. Auch auf Ausfahrten in der Freizeit trägt sie stolz das Trikot. «Die Bewegung, die Geschwindigkeit, die Balance – Velofahren macht mich glücklich. Und Rennvelofahren ist davon die Reinkultur.»

Der Typ Beat Breu

Dass Frauen lange einen Bogen um den Sport machten, kann sie nachvollziehen. «Es ist oft eine Männerwelt, auch heute noch.» Beat-Breu-Typen, die mit rasierten Beinen sprücheklopfend ihre Wampe durch die Gegend gondeln. Oder Jungbanker mit dem Blick von Lance Armstrong, die mit aerodynamisch optimiertem Karbonvelo, Wattmessgerät und Ernährungsplan neue Rekorde anpeilen. Mountainbiken Alps Epic Trail in Davos Epischer Nervenkitzel auf dem Bike komme da lockerer, offener und für Frauen attraktiver daher.

Die vielen neuen Gümmelerinnen nimmt auch sie wahr. Warum das so ist? «Puuh», entfährt es ihr. Dann sagt sie mit fester Stimme: «Frauen machen heute eben, was ihnen Spass macht. Sie spielen Fussball, sie boxen – warum soll das beim Rennvelo anders sein?»

Anzeige

Rennvelofahren als Akt der Emanzipation

Am Gottschalkenberg schlängelt sich das Strässchen bis zu 14 Prozent steil den grünen Hügel hoch. Dana Brogers Tritt ist jetzt stampfend. «Ein Bergfloh bin ich nicht», presst sie heftig atmend hervor. Die vielen Kilometer auf dem Velo haben sie nicht gertenschlank gemacht, sondern zu einem stämmigen Muskelpaket. Veranlagung. Dabei soll Velofahren Frauen doch «dürr und eckig» machen, schrieb eine deutsche Jugendzeitschrift schon 1896 – ein Klischee, das sich bis heute hält.

Fakt ist: Beim Gümmelen werden zwar viele Kalorien verbrannt, zum Abnehmen Abnehmen mit Sport So kommt das Gewicht wieder in Balance aber gibt es schnellere Wege. Auch die Sonnenränder an Armen und Beinen sind nicht jederfraus Sache. Dana Broger sind sie egal. «Beim Rennvelofahren geht es mir ums Erlebnis und um die Leistung, nicht um die Figur oder die Bräune.» Über Alpenpässe fahren statt im Fitnesscenter zu steppen, hat für sie etwas Emanzipatorisches: «Bei Frauen wird Sport oft nur als Weg angesehen, um ein bestimmtes Körperideal zu erreichen. Beim Rennvelofahren aber ist der Weg das, was es ausmacht.»

Der doofe Vergleich mit Männern

Oben angekommen, tritt sie sofort wieder an. Den Raten donnert sie hinunter. «Auf der Abfahrt bin ich Bergkönigin», ruft sie in den Fahrtwind. Hier ist sie in ihrem Element, ebenso, wenn sie mit 40 Stundenkilometern den Sihlsee «entlangballert», wie sie es nennt. «Verbrennt» ein Mann in ihrem Windschatten, kann sie den Stolz nicht unterdrücken. «Dabei ist der Vergleich mit Männern eigentlich doof.» Die physischen Voraussetzungen sind nun einmal verschieden.

Auch Emma Pooley, die Frauenveloförderin und ehemalige Weltmeisterin, seufzt, wenn sie auf das Thema angesprochen wird. In der Angst, mit den Männern nicht mithalten zu können, sieht sie eines der grössten Hindernisse, die Frauen vom Rennvelofahren abhalten. Ihr Projekt #fastandfemaleSUI fördert deshalb Frauengruppen in der ganzen Schweiz, deren Anzahl ständig wächst. Auch in Radvereinen gebe es oft Gruppen, in denen die Frauen das Tempo bestimmen. «Zusammen macht es ohnehin mehr Spass. Man lernt voneinander, etwa wie man einen Schlauch wechselt oder wo es schöne Strässchen mit wenig Verkehr gibt, und am Schluss trinkt man gemeinsam einen Kaffee. Rennvelofahren ist viel sozialer, als die meisten denken.»

Anzeige

Velofahren als Haltung

Dana Broger aber ist am liebsten allein unterwegs. Die Ruhe auf einer einsamen Passstrasse, der Rhythmus beim Treten und Atmen – Velofahren habe etwas Meditatives. Auf einem Strässchen zwischen Hütten und Horgen hält sie an und isst einen Müesliriegel. Unter ihr der Zürichsee, Natur und Zivilisation, Land und Stadt, alles nah beisammen und doch weit voneinander weg. Ein Rind trottet von der Weide an und leckt ihre Hand. Sie streichelt das Tier an der Nase und sagt: «Fleisch essen kann es nicht wirklich sein, oder?»

Vegane Ernährung, das Klima Klimaschutz Das Klima braucht unser Ego , Umwelt allgemein, Glück – die Themen ihrer Generation lassen sie auch auf der Fahrt nicht los. Zeit zum Nachdenken ist genug. «Velofahren ist für mich eine Haltung», sagt sie. Und Rennvelofahren das perfekte Hobby dazu.

«Die Bewegung, die Geschwindigkeit, die Balance – Velofahren macht mich glücklich.»

Placeholder

Dana Broger

Quelle: Dominic Steinmann

Die wichtigsten Links für Gümmelerinnen und Gümmeler

Dana Brogers Tour

Placeholder
Quelle: Beobachter

Buchtipp

Schönste Schweiz!

Unterwegs zu den Schweizer UNESCO-Welterbestätten

Mehr Infos

Placeholder
Quelle: Beobachter Edition

«Jede Woche das Beste vom Beobachter»

Raphael Brunner, Online-Redaktor

Jede Woche das Beste vom Beobachter

Der Beobachter Newsletter