1. Home
  2. Gesellschaft
  3. Heime: Zu Besuch bei den etwas anderen Kindern

HeimeZu Besuch bei den etwas anderen Kindern

Garderobe
Alles hat seinen Platz: Die Kinder sollen sich so weit wie möglich zu Hause fühlen. Bild: Sophie Stieger

Wenn es im Quartier Probleme gibt, heisst es schnell: Die Heimkinder sind schuld. Doch wer sind sie, diese Heimkinder?

von Birthe Homannaktualisiert am 2017 M10 26

Einer aus meiner Klasse wohnt im Kinderheim», erzählt mein Sohn aufgeregt. Er plage die anderen Kinder, schlage und reisse an den Haaren. Er sei auch lustig und laut. Jetzt komme er nur noch vormittags in die Schule. Dann begleitete ihn ein Sozialpädagoge. Nach anderthalb Jahren war der Heimbub weg.

Am Elternabend nimmt mich eine Mutter aus der Klasse meines anderen Sohnes zur Seite: Ob ich es nicht auch bedenklich fände, dass immer wieder Heimkinder in der Klasse platziert würden? Die würden doch nur stören und das Niveau senken.

Vorurteile gegen Kinderheime sind alt. Ereignisse wie der Kindermord von Flaach spülen sie immer wieder an die Oberfläche. Unreflektiert.

Die meisten Heimkids sind Schweizer

In der Schweiz gibt es mehrere hundert Erziehungseinrichtungen. 13'000 Kinder leben dort – fast eins von 100 Kindern unter 18. Das zeigt eine Erhebung der Dachorganisation Pflege- und Adoptivkinder Schweiz. Allein im Kanton Zürich gibt es 80 Institutionen mit rund 1300 Plätzen in Kinder- und Jugendheimen sowie gut 1000 Plätzen in Schulheimen.

Rückzugsort für Kinder
Rückzugsort: Das Heim ist im besten Fall ein Zuhause auf Zeit.
Quelle: Sophie Stieger

Kinderhaus Inselhof in Zürich-Wiedikon, 800 Meter von unserem Häuschen entfernt. Hier wohnen die Heimkinder, die mit meinen drei Söhnen zur Schule gehen. 32 Mädchen und Buben, fast alle unter zehn, leben hier in vier Wohngruppen. Dazu zwölf Kinder im teilstationären Angebot. Im Schnitt bleiben sie zweieinhalb Jahre. Fast zwei Drittel sind Schweizer.

Viele Kinder leben wegen einer Massnahme der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) da, sie wurden fremdplatziert. Das heisst, ihren Eltern wurde die Obhut entzogen, weil der Kindesschutz nicht gewährleistet war. Das ist die allerletzte und einschneidendste Massnahme, die die Kesb verhängen kann. Bei rund einem Drittel der Heimkinder in der Schweiz ist das der Fall.

Bei den Inselhof-Kindern wurde also irgendwann einmal bei einer Kesb eine Gefährdungsmeldung gemacht. Sie haben alle schon ein dickes Dossier bei der Behörde, «einen vollen Rucksack», sagt Dietmar Bechinger.

Bechinger ist der Leiter des Kinderhauses. Seit 19 Jahren, 260 Kinder hat er in dieser Zeit erlebt. Nächstes Jahr wird der fünffache Vater pensioniert. «Dann habe ich mehr Zeit für meine Enkelkinder, Wanderungen und Tennis», sagt er. Bechinger redet und lacht gern. Sein offenes Gesicht ist voller Lachfältchen um die Augen. Kann man diesen Beruf nur mit einer gewissen Portion Humor ausüben? Sozusagen als Selbstschutz?

«Wer Kinder hat, hat Probleme. Die Erziehungsaufgabe wird unterschätzt. Das geht allen so.»


Dietmar Bechinger, Heimleiter

Dietmar Bechinger

Der Sozialpädagoge nickt. Er erzählt Schicksale, die mich schaudern lassen. Etwa vom sechsjährigen Mädchen, das seine Mutter fragt: «Wann gehen wir in den Himmel?» Die Mutter hatte immer wieder vom gemeinsamen Suizid gesprochen. Er berichtet von Babys, die nicht weinen, sondern nur hin- und herschaukeln, weil sie nie getröstet wurden. Vom schmerzhaften Drogenentzug bei Säuglingen. Von Kleinkindern, die sich mit Essen aus dem Kühlschrank vollstopfen, weil sie keine geregelten Mahlzeiten kennen. Von Fünfjährigen mit schwarzen Stummelzähnen. 

Er erzählt von Müttern, die im Gefängnis sind, von gewalttätigen Vätern, von psychisch erkrankten Erziehungsberechtigten. Von Eltern, die selbst viel Schlimmes und Schmerzhaftes durchgemacht haben und einfach überfordert sind. «Untere soziale Schichten» heisst das Herkunftsmilieu.

Behörden warten eher zu lange ab

«Eine Heimplatzierung findet nie leichtfertig statt», sagt Bechinger. Die Kinder würden nicht, wie oft lauthals reklamiert, zu rasch fremdplatziert. Im Gegenteil, die Behörden warteten bei jüngeren Kindern eher zu lange, bis sie eingreifen. «Je früher ein Kind bei uns landet, desto grösser ist seine Chance auf eine gesunde Entwicklung.» Ohne eine Gefährdungsmeldung könne aber keine Behörde eingreifen. 

Das bestätigt Christoph Häfeli. Der emeritierte Rechtsprofessor hat am neuen Kindes- und Erwachsenenschutzrecht mitgearbeitet und gilt als einer der Väter der Kesb. «Obhutsentzüge werden eher zu spät angeordnet», sagt er. Dass Kindesschutzmassnahmen zunehmend durch finanzielle und opportunistische Überlegungen geprägt sind, sei problematisch. «Die Angst ist gross, sich mit unliebsamen Massnahmen Kritik einzuhandeln.»

Je mehr Hintergründe und Schicksale ich erfahre, umso mehr habe ich Verständnis dafür, wenn diese Kinder manchmal in der Schule mehr auffallen als andere. Ich bin erschüttert. Keine zehn Minuten Fussweg von meiner heilen Welt leben Kinder, die Sachen erlebt haben, die ich niemandem wünsche, erst recht keinem Kind. Ich bin auch betroffen darüber, wie leichtfertig wir im Quartier über diese Kinder urteilen, wie wenig es uns kümmert, warum sie im Heim leben.

Manche können nie mehr nach Hause

Heimleiter Bechinger sagt: «Wer Kinder hat, hat Probleme. Die Erziehungsaufgabe wird unterschätzt.» Das gehe doch allen Familien so. Nur: Bei den Kindern, die im Heim leben, sind die Probleme so gross, dass es eher zu unüberlegten Handlungen kommt und Eskalationen nicht ausgeschlossen sind. Bei sogenannt normalen Familien tickt die Mutter oder der Vater vielleicht einmal im Jahr aus, hat sonst aber genügend Unterstützung, um die alltäglichen Probleme zu lösen.

Beim Buben, der anderthalb Jahre mit meinem Sohn in der Klasse war, sei das Kinderhaus an seine Grenzen gestossen, sagt Bechinger. Es gebe ein paar wenige Kinder, für die der Rahmen mit externem Schulbesuch zu offen sei und die wegen ihrer Gewalttätigkeit ein zu hohes Risiko darstellten. «Der Bub kam erst zu uns, als er schon sieben Jahre alt war. Wir hatten nur rudimentäre Vorinformationen.» Beide Eltern waren in Haft wegen Drogenkonsum und -handel. Der Junge hatte sich daran gewöhnt, dass er nur mit gewalttätigem Handeln Aufmerksamkeit erhielt. «Er war in der Schule nicht mehr tragbar», sagt Bechinger. Heute lebt der Bub in einem anderen Kanton in einer anderen Institution. Zu den Eltern werde er wohl nie mehr zurückkönnen.

Kinderheim: Einblick in den Alltag

Kinderheim
Kinderheim
Kinderheim.
Kinderheim.
Kinderheim
Kinderheim
Kinderheim.
1|4
Ein Blick ins Kinderheim Inselhof in Zürich: Das Zimmer ist selbst dekoriert...
Bild: Sophie Stieger

Über zwei Drittel der Inselhof-Kinder kehren nach dem Heimaufenthalt in ihre Familie zurück. Meist hat sich dann die Situation der Eltern so weit entspannt, dass der Kindesschutz wieder gewährleistet ist. Für die anderen sucht man geeignete Anschlusslösungen wie Pflegefamilien oder Einrichtungen für ältere Kinder.

Vor der Einschulung informiert das Heim die künftige Lehrperson, teils auch die Schulleitung, über die besondere Situation. Die Heimkinder sollen nicht anders behandelt werden als die anderen. Die Regelschule als Teil der Normalität. «Wir schauen darauf, dass die Kinder auf alle Schulen und Kindergärten im Schulkreis verteilt werden, damit es keine ‹Klumpenbildung› gibt», sagt Bechinger. 

Einzelne Lehrkräfte hätten Vorbehalte gegen ein Kind aus dem Heim, weil sie schon belastende Situationen erlebt haben. Andere schätzten die Unterstützung der Mitarbeitenden des Kinderhauses, auf die sie jederzeit zählen können. Bechinger weiss, dass dem gesetzlichen Auftrag der integrativen Schulung Grenzen gesetzt sind. Daher sucht das Kinderhaus für manche Kinder im Vorfeld Sondersettings in Kleingruppen. «80 Prozent unserer Kinder machen null Probleme. Aber die restlichen werden dann für alle rangezogen. Das ist nicht fair.» 

Spaghetti in der «Spatzen»-WG

Aber auch Bechinger sagt, es gebe manchmal nicht tolerierbare Situationen. Wenn das Kind andere schlägt und beisst oder ständig herumschreit wie jener Bub in der Klasse meines Sohnes. Die betroffenen Lehrpersonen reagieren nicht auf meine Anfrage. Ich hätte ihre Sicht gern dargelegt.

Zum Mittagessen bin ich in der Wohngruppe «Spatzen». Acht Kinder, vom Säugling bis zum Viertklässler, leben in der hellen, 220 Quadratmeter grossen Wohnung in Einzel- oder Zweierzimmern. Sie haben die Zimmer selber dekoriert und mit persönlichen Gegenständen eingerichtet. An den Wänden hängen Fotos, das Spielzeug ist ordentlich verräumt. Überall gibts Rückzugsnischen. Zwei Mädchen sind nicht da, eines ist auf Schulreise, das andere isst bei einer Freundin.

Am grossen Esstisch in der Küche gibts Spaghetti mit zweierlei Saucen und Randensalat. Zwei Erwachsene betreuen die Kinder. Die Mädchen und Buben reden und essen, lachen und erzählen, was sie im Kindergarten oder der Schule erlebt haben. Sie schöpfen sich gegenseitig das Essen.

Was bedeutet eigentlich ein Heim?

Je nach Umständen kommen junge Menschen ins Kinder-, ins Jugend- oder ins Schulheim. 

  • Kinderheim: Hier leben Kinder, deren Eltern nicht angemessen für sie sorgen können. Gründe können akute Erkrankungen sein, psychische Probleme, Sucht, Gewalt, aber auch Überforderung. Manchmal sind die Kinder nur eine Nacht oder ein paar Tage im Heim, manchmal Monate oder Jahre. Sie besuchen die lokalen Kindergärten und Schulen. Ins Heim eingewiesen werden sie in der Regel von der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb). Für die Kosten müssten theoretisch die Eltern aufkommen, in der Regel zahlt aber die Gemeinde alles oder den grössten Teil.
     
  • Jugendheim: Hier leben junge Menschen mit Entwicklungsdefiziten, die die obligatorische Schulpflicht abgeschlossen haben, aber noch nicht 18 sind. Eingewiesen werden sie von Jugendanwaltschaften oder Gerichten, aber auch von einer Kesb. Jugendheime bieten oft auch teilstationäre Aufenthalte. Ziel ist, die jungen Leute auf den Einstieg ins Berufsleben vorzubereiten. Wenn ein Gericht oder die Jugendanwaltschaft den Jugendlichen eingewiesen hat, trägt die Behörde die Kosten; sonst finanzieren sich Jugendheime wie Kinderheime.
     
  • Schulheim: Hier leben Schüler, die nicht am Regelunterricht teilnehmen können und für deren Pflege oder Erziehung Fachwissen nötig ist. Das kann an geistigen oder körperlichen Behinderungen liegen, an einer schweren Lernbehinderung oder Störungen im Sozialverhalten. Meist meldet die Schulbehörde die Kinder an und zahlt den Aufenthalt. Eltern übernehmen höchstens ein Taggeld.

Ein Siebenjähriger hebt den Trinkbecher auf, den das Baby im Kinderstuhl neben ihm immer wieder runterschmeisst. Er möchte mir etwas erzählen, vor lauter Aufregung beginnt er zu stottern. Er lächelt und setzt nochmals an: «Weisst du, was ein Transformer ist?» Begeistert erzählt er von seinem Roboter, den er in ein Auto verwandeln kann. Ein älteres Mädchen berichtet vom «Hänsel und Gretel»-Film, den sie in der Schule gesehen hat. Herzige Kinder, denen man nicht anmerkt, was für Geschichten sie mit sich herumschleppen. Wenn bei uns daheim sechs Kinder am Tisch sitzen, geht es definitiv viel lauter und unruhiger zu.

Die Betreuerin erzählt mir, dass der Siebenjährige schon mehrmals Pflegefamilien, Schule und Kindergarten wechseln musste. Nun habe sie endlich eine Kleinklasse für ihn gefunden. «Er wurde schnell abgelenkt, die anderen Kinder, der Lärm, das war zu viel für ihn.» An der Intelligenz liege es nicht: «Er konnte schon mit fünf lesen und schreiben.» Seine Mutter sei psychisch instabil, der Kleine habe sich um sie kümmern müssen. «Eine zu grosse Aufgabe für ein kleines Kind.» Daran sei er fast zerbrochen.

Mit 1575 Fällen erreichten die Kindsmisshandlungen 2016 einen neuen Höchststand, zeigt die Statistik der Schweizer Kinderspitäler. Rund ein Drittel der Fälle betrifft psychische Misshandlungen, zwei Drittel körperliche Gewalt, sexuellen Missbrauch oder Vernachlässigung. Die Zahl der Fremdplatzierungen blieb mit 3523 Fällen fast unverändert. Heimkinder wird es weiter geben.

«Die besten Artikel – Woche für Woche»

Reto Stauffacher, Online-Redaktor

Die besten Artikel – Woche für Woche

Der Beobachter Newsletter