Im Juni 2025 hat der Beobachter «Overkill» veröffentlicht, eine fünfteilige Podcast-Serie, die sich mit dem Mord an Silke Wienrich im November 1989 beschäftigt.

Podcast «Overkill»

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Sascha Weder – Silke Wienrichs damals sieben Jahre alter Sohn, dessen Leben sich bis heute nicht von dieser schrecklichen Tat erholt hat. Er lebt in einer kleinen Sozialhilfewohnung in Winterthur. Ein halbes Jahr nach Veröffentlichung des Podcasts hat ihn der Beobachter wieder getroffen – vor dem Wohnblock, in dem vor anderthalb Jahren auch unsere Recherche begonnen hat.

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Sascha Weder, wie ist es Ihnen in den letzten Monaten ergangen?
Es war eine schwierige Zeit. Ich hatte zwar den USB-Stick mit den fünf Folgen des Podcasts und wusste, dass meine Geschichte jetzt in der Welt ist. Trotzdem habe ich Wochen gebraucht, bis ich das erste Mal reinhören konnte.

Und dann?
Ich hätte mir gewünscht, dass ich nicht alleine gewesen wäre. Zu hören, wie der Brandermittler über die Leiche meiner Mutter gesprochen hat … Mir ist richtig schlecht geworden. Dazu kamen Dinge, die mir nicht gefallen haben. Ich habe den Eindruck, dass ich an manchen Stellen in einem schlechten Licht dargestellt werde. Und schlimme Dinge, die in meinem Leben passiert sind, wurden einfach weggelassen.

Was für schlimme Dinge meinen Sie?
Zum Beispiel, dass ich mich meine ganze Schulzeit über gemobbt gefühlt habe. Mehr als zehn Jahre lang. Das wurde kaum erwähnt. Oder dass mir die Lehrer aus meiner Sicht konstant schlechtere Noten gegeben haben, als ich es verdient hätte. Das macht was mit einem Menschen. Und dass ich mich in meiner Lehrzeit von meinen Adoptiveltern völlig alleingelassen fühlte, das kam auch überhaupt nicht vor. Ich glaube aber, das war der Grund, warum ich meine zweite Lehre abgebrochen habe – und heute so schlecht dastehe.

«Immerhin habe ich meine Geschichte erzählt und versucht, mehr Gerechtigkeit zu bekommen.»

Aus medienrechtlichen Gründen war es nicht möglich, diesen Vorwürfen mehr Raum zu geben, weil sich die Gegenseite nicht äusserte.
Das verstehe ich – aber ich finde es trotzdem nicht fair. Insgesamt hat mir der Podcast ja gefallen. Immerhin habe ich meine Geschichte erzählt und versucht, mehr Gerechtigkeit zu bekommen.

Würden Sie es nochmals machen?
Ja, schon. Trotzdem bin ich in den Wochen danach in ein Loch gefallen. Ich habe einiges getan, um die Realität erträglicher zu machen. Es geht mir wieder besser. Ich habe den Podcast inzwischen viele Male gehört. Auch schon gemeinsam mit meinem Life-Coach. Er hat mir kürzlich gesagt: «Du wirst ja gar nicht mehr wütend, wenn du das hörst. Was ist denn da los?»

Und? Was ist da los?
Ich weiss es nicht genau. Ich habe das Gefühl, dass ich langsam einen Schlussstrich ziehen kann. Ich meine: Ich habe alles versucht. Ich bin zwar immer noch enttäuscht, dass sich so wenig geändert hat in meinem Leben. Aber daran bin ich ja unterdessen gewöhnt. Zumindest kann ich jetzt sagen: Ich habe es wirklich probiert. Ich habe alles gegeben.

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Was hätten Sie sich denn gewünscht?
Zuerst mal hätte ich mit mehr Aufmerksamkeit gerechnet. Ich meine, der Mord an meiner Mutter war einer der brutalsten der Schweiz. Vierzehnmal erstochen und angezündet. Und der Mann, der es vermutlich getan hat, ist heute einer der bekanntesten Häftlinge der Schweiz und der einzige in lebenslanger Sicherheitsverwahrung. Darüber machen Leute Filme und TV-Sendungen. Dachte ich. Aber bis auf den «Blick» hat sich niemand gemeldet. Das ist mal das eine.

Und das andere?
Ich habe es ja im Podcast gesagt: Ich wünsche mir eine grössere Wohnung. Ich wünsche mir mehr Platz für meine Filmfiguren, mehr Platz zum Basteln. Es müsste ja nichts Grosses sein. Ein Hobbyraum im Industriegebiet. Ist das zu viel verlangt?

Sie haben damit gerechnet, dass Menschen den Podcast hören und Ihnen konkrete Hilfe anbieten?
Ich habe es gehofft, ja. Aber anscheinend interessiert es niemanden, wie es Opfern von Verbrechen in der Schweiz geht. Für Täter gibt es hingegen Sondersettings und psychologische Care-Teams.

Foto: Thomas Meier. Winterthur, 27.06.25. Sascha Weder hat Ende November 1989 seine Mutter verloren.
Sie wurde mit 14 Messerstichen getötet. Der
Haupttatverdächtige wird damals in ihrem Fall freigesprochen.
Rund 20 Jahre tötete dieser wieder.

Der Haupttatverdächtige im Fall wurde freigesprochen – Weder (Bild) hat sich mehrfach überlegt, dessen Anwalt einen Brief zu schreiben.

Quelle: Thomas Meier

60’000 Menschen haben ihre Geschichte gehört. Das ist nicht nichts.
Davon habe ich halt nichts mitbekommen. Können Sie mir die Zuschriften der Hörer schicken, die Sie bekommen haben?

Das machen wir. Gibt es sonst noch Dinge, die Sie beschäftigen?
Ja! Der Verteidiger von Mike A. Das hat mich auch wütend gemacht. Wie er in der letzten Folge mit mir spricht und versucht, mir in seinem schlauen Anwaltsdeutsch weiszumachen, dass Mike A. meine Mutter nicht umgebracht hat. Dabei weiss ich, dass er es war! (Anmerkung der Redaktion: Mike A. wurde im Mordfall Silke Wienrich freigesprochen. Es gilt die Unschuldsvermutung.)

Finden Sie, Sie waren zu nett mit dem Verteidiger?
Ich war nicht gut vorbereitet. Nach diesem Gespräch war ich erst durcheinander. Und dann wütend, weil ich ihm nicht das sagen konnte, was ich gewollt hatte. Ich habe mir schon überlegt, ihm nochmals einen Brief zu schreiben und klarzumachen, dass ich immer noch glaube, dass Mike A. es getan hat. Oh – und den anderen möchte ich auch treffen!

Sie meinen den Brandermittler?
Ja. Ich meine: Er hat meine Mutter gefunden. Natürlich möchte ich ihn treffen. Und die Tatortfotos möchte ich auch immer noch sehen.

Zurück zu Ihnen. Haben Sie im Moment einen Job?
Ich versuche immer noch, in die IV reinzukommen. Und ich überlege auch, nochmals eine Lehre zu beginnen. Aber beides braucht Zeit. Nächste Woche beginne ich erst mal einen neuen Job im Recycling. Ein bisschen langweilig, aber besser als nichts. Ich versuche jetzt schon, meinen Schlafrhythmus anzupassen. Es ist immer gut, etwas zu tun zu haben. Am besten hat es mir immer im Zoo gefallen. Mit Tieren habe ich mich schon als Kind gut verstanden.

Könnten Sie hier in der Wohnung ein Haustier halten?
Auf neun Quadratmetern? Das kann man keinem Tier antun. Ich glaube, es ist auch nicht erlaubt. Aber schön wäre es schon, einen Hund zu haben. Es ist ja erwiesen, dass Haustierbesitzer glücklicher und länger leben. Ich bin sicher, es würde auch mein Leben verbessern.