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Mentalität«Die Chinesen sind uns sehr ähnlich»

«Chinesen schätzen Pünktlichkeit und denken langfristig. Wir finden recht schnell einen Draht zueinander», sagt Martina Fuchs.

Zwischen Kommunismus und Rolex: Wie ticken die Chinesen? Die Schweizerin Martina Fuchs weiss es. Sie hat als Reporterin für das chinesische Staatsfernsehen gearbeitet.

von aktualisiert am 30. August 2018

Beobachter: Beginnen wir mit dem Klischee. Chinesen wuseln in Gruppen durch unsere Altstädte, knipsen Sehens­würdigkeiten. Kaum ange­kommen, sind sie wieder weg. Warum?
Martina Fuchs: Man muss wissen, dass Chinesen nur maximal ein bis zwei ­Wochen Ferien haben. Und weniger als zehn Prozent der 1,4 Milliarden Chinesen haben überhaupt einen Pass. Zudem bekommt man nicht einfach ein Visum, es gibt Quoten. Wer das Glück und das Geld hat, reisen zu können, möchte dann möglichst viel sehen. Uns begegnet der neue chinesische Mittelstand, der schnell und meistens in Gruppen durch Europa geschleust wird.

Beobachter: Bleiben Chinesen fremd, wenn man sie näher kennenlernt?
Fuchs: Chinesen sind uns eigentlich sehr ähnlich. Einer der wichtigsten chinesischen Werte äussert sich im Wort «xinku», das bedeutet «fleissig», «tüchtig». Chinesen schätzen Pünktlichkeit und denken langfristig. Wir finden recht schnell ­einen Draht zueinander. Es dauert aber länger, bis sie ihre private Seite zeigen. Sie wollen ihr Gesicht wahren und Emotionen unter Kontrolle behalten, ganz anders als zum Beispiel die Amerikaner.

zur Person

Martina Fuchs, 35, studierte Wirtschaftsgeschichte, internationale Beziehungen und Sprachen in Genf. Die gebürtige Zürcherin arbeitete fünf Jahre lang in Peking als Wirtschaftsreporterin für den staatlichen TV-Sender CCTV. Die 100 Millionen Zuschauer machten sie zu einem Schweizer Fernsehstar in China. Vor einem Jahr kehrte sie zurück und ist jetzt Anchorwoman für CNN Money Switzerland.

Beobachter: In der arabischen Welt wird man ständig gefragt, ob man verheiratet ist und wie viele Kinder man hat. Chinesen wollen wissen, was man verdient und was man für die Wohnung bezahlt. Warum?
Fuchs: China ist noch weitgehend ein Entwicklungsland. Mehr Wohlstand zu erreichen ist ein vorrangiges Ziel für viele Chinesen. Und mit dem Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre konnte sich ein Teil der Bevölkerung auch extrem verbessern. In Gross­städten wird jetzt mit goldenen Ferraris geprotzt. Und der Mittelstand will echte Louis-Vuitton-Taschen, Ray-Ban-Brillen und echte Schweizer Uhren. Vielleicht braucht China diese Suchtphase, um materielle Werte später wieder relativieren zu können.

Beobachter: Der Spagat zwischen der vorherr­schenden rigiden Mehrjahres­planung und dem Jetzt-und-alles-Konsum dürfte manchen schwerfallen.
Fuchs: Vor allem die Jungen stecken in einer Identitätskrise. Wie chinesisch sollen sie noch sein? Man sieht diese Zerrissenheit in der Mode und in der Musik. Und alle lernen Englisch. Gleichzeitig hat man immer noch sehr viel Respekt und auch Angst vor der kommunistischen Regierung. Es gibt ein Netz von mehr als 176 Millionen Videoüberwachungskameras, das bis 2020 auf 626 Millionen wachsen soll. Da muss man genau wissen, wo die rote Linie ist.

Beobachter: China will nicht mehr die billige Werk­bank für die Welt sein. Mit innovativen Produkten sollen die Chinesen Taktgeber auf den Märkten werden.
Fuchs: Ja, und das gelingt ihnen schon in verschiedenen Bereichen. Bei Handys zum Beispiel mit Marken wie Huawei oder Xiaomi. Und Whatsapp ist ein Relikt vergangener Zeiten, wenn man es mit dem chinesischen WeChat vergleicht. Chinesen haben es auch geschafft, das Zahlungsgeschäft weg von den Banken hin zum Internethändler Alibaba oder zum Social-Media-Giganten Tencent zu verlagern. Die Nutzer werden über solche Innovationen aber ständig vom Staat überwacht.

Beobachter: Kann man innovativ sein, wenn man so hierarchiegläubig ist und nicht einmal den Chef kritisieren darf?
Fuchs: Die Gesellschaft ist gespalten. Die Machthaber in Peking verfolgen akribisch eine kommunistische politische Agenda, während eine junge Szene von Start-ups Unternehmer hervorbringt, die zu Vorbildern der Jugend werden. Leute, die sich mit Robotern, virtuellen Realitäten und Blockchain befassen und sich von der Politik immer mehr entfernen. Sie wollen ihren Wohlstand und ihre Ziele unabhängig von der ­Politik erreichen.
 

«Die Schweiz ist für viele ­Chinesen ein Paradies, das Heidi-Land mit hoher Lebensqualität und guter Luft.»

Martina Fuchs


Beobachter: Gibt es Tabus für Firmenübernahmen in der Schweiz?
Fuchs: Sicherheitsrelevante Firmen, kritische Infrastrukturen und zentrale Energieversorger sollten nicht verkauft werden. Es ist daher richtig, wenn die Schweizer Politik hier aktiv wird.

Beobachter: Warum sind die Chinesen an diesen Branchen besonders interessiert?
Fuchs: Es ist ein Versuch, die Kontrolle zu erweitern. Und Teil des weltumspannenden Infrastrukturprojekts «Neue Seidenstrasse» der Machthaber in Peking. Die Chinesen haben aber lernen müssen, dass man bei Übernahmeversuchen scheitern kann. Die Regierung hat eingegriffen und unterbindet jetzt vermehrt Käufe im Ausland. Sie will ein Wildwest-Gehabe verhindern.

Beobachter: Wir sind mit einem Denken konfrontiert, das man nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion für überholt hielt: Planwirtschaft. Kommt es zu einem neuen Kampf der Systeme?
Fuchs: Durch den Masterplan «Made in China 2025», die «Go Out Policy» und die «Neue Seidenstrasse» fühlt sich der Westen wohl etwas überrumpelt. Was kommt da auf uns zu, und was haben wir ­eigentlich zu bieten? Das schürt Ängste. Wenn es aber gelingt, Win-win-Situa­tionen zu schaffen, wird dies massiv zu mehr Handel und wirtschaftlichem Wachstum in der Welt beitragen.

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Beobachter: Immer mehr Chinesen leben in der Schweiz. Was machen sie, nachdem sie hier studiert oder gearbeitet haben?
Fuchs: Viele haben den Langzeitplan, mehrere Jahre im Ausland zu bleiben. Manche Frauen heiraten dann Schweizer Männer. Umgekehrt kommt das noch selten vor. Meine chinesischen Freunde hier lernen sehr schnell Deutsch und haben sich gut integriert. Sie betreiben Praxen für chinesische Medizin, Kampfsportschulen oder haben Restaurantbetriebe aufgebaut. Die Schweiz ist für viele ­Chinesen ein Paradies, das Heidi-Land mit hoher Lebensqualität und guter Luft. Firmen würden auch gern mehr Leute für einen Wissens- und Erfahrungsaustausch in die Schweiz schicken. Immer mit der Idee, dass sie nachher etwas für die eigene Entwicklung bringen. Die Chinesen wollen ja bis 2049 die Weltwirtschaftsmacht Nummer eins werden, vor den USA.

Beobachter: Erstreckt sich die Liebe zur Schweiz auch auf Vorstellungen von Demokratie?
Fuchs: Nein, die Chinesen verbinden das nicht mit einer Systemfrage. Eine Demokratisierung von China halte ich während unserer Lebenszeit auch für unwahrscheinlich. Sie liefe kaum glimpflich ab.

Beobachter: Könnte es zu einem Auseinanderbrechen kommen, wie wir es in Europa mit Jugoslawien erlebt haben?
Fuchs: Eine starke, zentrale Regierung kann das heute verhindern. China ist ja ein riesiges Land mit sehr vielen kulturellen Minderheiten. 2049 wird China das 100-Jahr-Jubiläum der Volksrepu­blik feiern. Ich glaube nicht, dass dann die Demokratie ausgerufen wird.

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Alter vor Schönheit

Chinesen begrüssen ältere Menschen und Leute in höheren Positionen aus Respekt zuerst. Das Prinzip «Ladies first» ist eher unüblich.
 

Gesicht wahren

Andere durch Kritik blosszustellen gilt als ebenso peinlich, wie selbst das Gesicht zu verlieren. Durch einen emotionalen Ausbruch zum Beispiel. Chinesen stellen auch ungern Fragen, bei denen man zugeben müsste, etwas nicht zu wissen. Eine Auswahl an Antworten anbieten ist geschickter.
 

Zigaretten anbieten

Sich eine anzustecken, ohne den anderen eine anzubieten, gilt als unhöflich. Das Zigarettenpäckchen gehört beim Rauchen auf den Tisch, nicht in die Tasche.
 

Schnäuzen auf der Toilette

Sich am Esstisch die Nase zu putzen ist für Chinesen unanständig. Danach das benutzte Tuch in die Tasche zu stecken gilt als eklig. Geschnäuzt wird auf der Toilette.
 

Keine Uhren schenken

Chinesen stehen auf Uhren. Aber sie wollen sie nicht geschenkt bekommen. Das Ticken der Uhr wird mit dem Gang zum Grab verbunden. Blumen schenkt man nur bei Todesfällen.
 

Schuhe aus

Schuhe sollten immer ordentlich geputzt sein. Beim Betreten einer Privatwohnung bleiben sie aber vor der Tür.
 

Schmatzen

Rülpsen und Schmatzen zeigen, dass einem das Essen schmeckt. Ein kleiner Rest sollte auf dem Teller bleiben. Sonst gibt es Nachschlag.
 

Geselligkeit

Nach Feierabend mit Arbeitskollegen noch etwas zu trinken ist ein Muss – und gehört schon fast zur Arbeit.

Der Schweizer Handel mit China blüht

Infografik: Handelsvolumen zwischen Schweiz und China
So hat sich das Handelsvolumen zwischen der Schweiz und China seit dem Jahr 2000 entwickelt. (in Millionen Franken)
Quelle: BFS – Infografik: Anne Seeger

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