«So stelle ich mir die Hölle vor»
Gianni Campolo (19) zog mit seinem Vater 20 Menschen aus der brennenden Bar Le Constellation. Das Protokoll einer Heldentat, die tiefe seelische Narben hinterlässt.
Veröffentlicht am 9. Januar 2026 - 13:53 Uhr

«Ich habe Dinge gesehen, die kein Mensch sehen sollte»: Gianni Campolo zwei Tage nach der Brandkatastrophe unweit des Unglücksorts.
«Entstellte Menschen schrien vor Schmerzen, schwarz, verbrannt. Mit der Haut verschmolzene Kleider. Jugendliche, die im Sterben lagen ... Ich realisiere immer noch nicht, was ich gesehen habe.» Gianni Campolo steht in der Nähe des Unglücksorts. «So stelle ich mir die Hölle vor.» Der 19-jährige Maschinenbaustudent aus Genf spricht ruhig und klar über den frühen Neujahrsmorgen.
Es ist kurz nach Mitternacht am 1. Januar. Gianni Campolo, sein 55-jähriger Vater Paolo, dessen Lebensgefährtin und deren Tochter Paolina feiern in ihrer Ferienwohnung in Crans ins neue Jahr hinein. Paolina macht sich parat, sie will zum Weiterfeiern in die Bar Le Constellation. Doch ihre Mutter sagt, erst gebe es noch ein paar verspätete Weihnachtsgeschenke auszupacken. Das rettet Paolina das Leben.
Andere Jugendliche filmten
Erst gegen 1.20 Uhr macht sich Paolina auf den Weg – der Club liegt nur 300 Meter entfernt. Kurz darauf ruft sie Paolo an, den Freund ihrer Mutter. «Ich stehe in der Nähe des ‹Constellation›, es brennt!» Paolo packt sofort den Feuerlöscher seiner Wohnung und rast mit Sohn Gianni im Auto zum Brandort. Um 1.40 Uhr treffen auch die ersten Feuerwehrleute ein. Gianni: «Die Flammen loderten, Junge flüchteten verzweifelt aus dem Gebäude, andere lagen entstellt am Boden. Mein Adrenalin war extrem hoch, wir handelten sofort.»
Vater und Sohn eilen durch den Haupteingang, doch mehr als zwei, drei Meter kommen sie nicht: Der beissende Rauch ist zu dicht, es riecht nach verbranntem Fleisch und Haar. Doch die beiden gehen im totalen Chaos sofort ans Werk, transportieren zusammen mit Rettungskräften und anderen Helfern junge Partygäste ins Freie. Darunter den Verlobten der Tochter von Paolos Lebensgefährtin – mit schweren Rückenverletzungen wird er von der Rega in ein Basler Spital geflogen.
Auch Leichen tragen die Campolos hinaus – zum Teil auf Tragen, aus Sofagestellen notdürftig zusammengebaut. Draussen leisten die beiden Erste Hilfe – Gianni hat nach seinem Zivildienst Erfahrung darin. Doch nicht immer ist die Reanimation erfolgreich. «Ich sah Menschen sterben.»
Plötzlich entdeckt Paolo Campolo eine verschlossene Türe, hinter Glas sind Menschen zu sehen. Er macht einen Feuerwehrmann darauf aufmerksam. «Wir kümmern uns darum», sagt dieser und geht weiter. Mit einem anderen Helfer bricht Paolo die Türe auf – entgeisterte Partygäste strömen hinaus. Auch durch diese Türe holen Vater und Sohn Verletzte ins Freie – insgesamt retten die Campolos 20 Menschen das Leben. Gianni wird von einem Polizisten aufgefordert, das Gelände zu verlassen. «Er meinte, ich sei einer der Jugendlichen, die die Apokalypse filmten.» Doch Gianni hilft weiter.
Gegen 5 Uhr hören die beiden erschöpft auf. In einem der vielen Krankenwagen fragt Paolo – er ist Asthmatiker – um Hilfe, er hat Mühe mit Atmen. «Doch die Sauerstoffflaschen waren verbraucht.» Die zwei gehen nach Hause. Ein paar Stunden später begibt sich Paolo, weil er kaum noch atmen kann, ins Spital von Sitten. Dort bekommt er eine Maske, über die ihm Aerosol zugeführt wird – langsam werden seine Atemwege wieder frei.
Nach zwei Tagen kann er nach Hause. Die ersten 48 Stunden habe er nicht schlafen können, erzählt Sohn Gianni. Obwohl er sehr müde war. «Und ich litt unter starkem Schwindel.» Noch immer habe er keinen Appetit. «Wahrscheinlich vor Ekel vor dem, was ich gesehen habe. Und wenn ich etwas zu essen versuche, muss ich erbrechen.»
Psychologische Hilfe nötig
Sein Handeln hat Gianni zu einem gefragten Mann gemacht. Nonstop wird er von Medien befragt, einem französischen TV-Sender gibt er in Paris Auskunft. «Das lenkt mich ab.» Viele loben ihn als Held. «Das bin ich nicht. Ich tat, was man tun muss.» Eine Psychologin habe ihm gesagt, dass es Tage brauche, «bis ich richtig realisiere, was ich erlebt und gesehen habe». Dann werde er psychologische Hilfe beanspruchen. «Doch diese Bilder bringe ich mein Leben lang nicht mehr aus dem Kopf.»
Hinweis: Dieser Artikel ist zuerst auf «schweizer-illustrierte.ch» erschienen.


