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GrindelwaldMauscheleien im Gletscherdorf

In Grindelwald BE haben Bauherren gravierende Verstösse begangen. Die Behörden schauten weg.

«Bim Brunnihuus»: widerrechtlicher Deal zwischen Baufirma und Gemeinde.

Von aktualisiert am 15. März 2017

An «vorzüglicher, sehr sonniger Lage» stehen in Grindelwald drei Mehrfamilienchalets mit «luxuriösem Wohngefühl» und «überwältigender Aussicht». So pries 2006 die ortsansässige Griwaplan die Hochpreisbauten «Bim Brunnihuus» an. Doch das Idyll hatte einen Makel: Markus Friedli, Inhaber der Griwaplan und heimlicher «Dorfkönig», wollte das Erdgeschoss zu voll nutz­barem Wohnraum ausbauen, obwohl nur ein Wohnanteil von 50 Prozent ­bewilligt war. Die Gemeinde verfügte eine Änderung des Projekts.

In Grindelwald wurde damals gebaut, als gäbe es kein Morgen. Einer der wichtigsten Treiber des Baubooms: die Griwaplan. Am «Tuftbach» baute das Unternehmen zwei weitere Mehrfamilienhäuser im Chaletstil. Auch sie waren zu gross geraten, um 51,7 Quadratmeter überschritt die Griwaplan die bewilligte Wohnfläche. «Sowohl die ‹Tuftbach›-Chalets als auch die ‹Brunnihuus›-Überbauung entsprechen der Bewilligung», sagt Friedli.

Im Dorf blieben die Verstösse nicht unbemerkt. Beim «Brunnihuus» stellte die Nachbarin Vreni Nakajima fest, dass die Überbauung zu gross war, beim «Tuftbach» war es Verena Tellenbach. Beide waren mehrfach bei der Gemeinde vorstellig, bis diese die nötige Baukontrolle durchführte und die Verstösse zur Kenntnis nahm.

Kontrollen kurzerhand abgeschafft

Doch statt ein Baupolizeiverfahren einzuleiten, einigten sich Gemeinde und Griwaplan auf einen Deal. Demnach sollten die Überschreitungen einfach beim Projekt «Sagistutz» «kompensiert» werden. Auf dieser Parzelle stand ein baufälliges Chalet, das die Firma sanieren wollte. Brisant: Ein Jahr später wurde die vorgeschriebene Baukontrolle abgeschafft. Das neue Baugesetz setzt auf Selbstkontrolle durch die Bauherrschaft.

Der damalige Deal zwischen der Griwaplan und der Gemeinde war widerrechtlich, wie ein aktueller Bericht des Regierungsstatthalters Martin Künzi festhält. Auf den «Sagistutz»-Parzellen waren die nötigen Reserven gar nicht vorhanden.

«Wir wünschen uns, dass die Behörden ihre Ver­antwortung wieder wahrnehmen und die Bevölkerung nicht mehr täuschen.»

Verena Tellenbach, Anwohnerin

In der Folge blieb beim Projekt «Sagistutz» alles ruhig. Das Chalet rottete vor sich hin, bis im Frühling 2013 die «Sanierung» begann. Die Griwaplan hatte die Parzelle mittlerweile an eine örtliche Holzbaufirma verkauft. In Windeseile seien die Grundmauern hochgezogen worden. «Vom alten Gebäude blieb ausser einer Wand und ein paar muffigen Steinen nichts mehr übrig», sagt Tellenbach.

Unabhängig voneinander intervenierten Tellenbach und Nakajima erneut mehrmals bei der Gemeinde und verwiesen auf die Kompensationsvereinbarung. Doch nun bestritten die Behörden, dass ein solcher Deal mit der Griwaplan existiert. Dies beurteilte der mittlerweile von den Frauen eingeschaltete Regierungsstatthalter Künzi als «sehr störend». Auf sein Geheiss verfügte die Gemeinde einen Baustopp.

Als Nestbeschmutzer verschrien

Für ihren Einsatz zugunsten der Rechtsstaatlichkeit zahlen Tellenbach und Nakajima einen Preis. Im Dorf gelten sie bei den Profiteuren der Mauscheleien als Nestbeschmutzer. «Wir wünschen uns, dass die Behörden ihre Verantwortung wieder wahrnehmen und die Bevölkerung nicht mehr täuschen», begründen Nakajima und Tellenbach ihr Engagement.

Die Verstösse beim «Brunnihuus» sind verjährt. Auch beim «Tuftbach» ändert sich infolge der Verjährung nichts. Wegen des Fehlverhaltens der Einwohnergemeinde Grindelwald hat Regierungsstatthalter Martin Künzi ein aufsichtsrechtliches Verfahren eröffnet. Über das Ergebnis will er in den kommenden Wochen orientieren.

«Wenn solche Verstösse bereits begangen wurden, als die Kontrolle bei den Behörden lag, frage ich mich, wie es heute aussieht, wo die Behörden nur noch auf Hinweise aus der Bevölkerung hin Kontrollen durchführen müssen», sagt Tellenbach.

Update vom 15. März 2017 – Ohrfeige von der Behörde

Zweite Runde im Grindelwalder Bauskandal: Der Gemeinderat erntet scharfe Kritik, der Gemeindepräsident erhält einen Verweis. 

Ist das Dorf in Aufruhr? «Ja, das kann man so sagen», sagt ein Grindelwalder. Ein anderer klagt: «Jetzt wird es so dargestellt, als seien wir hier oben alles Kriminelle. Aber das stimmt einfach nicht.» Grund für die Aufregung: das Ergebnis der aufsichtsrechtlichen Untersuchung des Regierungsstatthalters Martin Künzi (siehe Text oben).

Künzis Liste der Verfehlungen ist lang. Ausserhalb der Bauzone wurden Bauten widerrechtlich abgerissen und wieder aufgebaut, ein Golfplatz ohne Baubewilligung erstellt. In einem Fall liess sich der Gemeinderat den Verzicht auf eine Strafanzeige mit 15'000 Franken entschädigen, zur «Sicherstellung eines genügenden Wohnungsangebots für die ortsansässige Bevölkerung». In einem anderen Fall unterliess er es trotz Aufforderung des Regierungsstatthalters, gegen eine fehlbare Bauherrschaft Strafanzeige einzureichen.

Gemeindepräsident Christian Anderegg erhält einen disziplinarischen Verweis. Laut Künzi hat er anstelle der zuständigen Kommission über Bauvorhaben, die er für politisch wichtig hielt, entschieden und die Kommission zu wenig vor externem Druck geschützt. «Der Verweis soll dafür sorgen, dass sich der Gemeindepräsident künftig nicht mehr in baupolizeiliche Angelegenheiten einmischt und seine Funktionen als Behördenmitglied und Bauunternehmer klar trennt», sagt Künzi.

Anderegg wollte mit Hinweis auf das laufende Verfahren nicht Stellung nehmen. Die Gemeinde prüfe, ob sie die Verfügung anfechten will.

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Quelle: Tomas Wüthrich