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HaustiereAllergisch auf Menschen

Dass viele Allergiker auf Tierhaare empfindlich reagieren, ist bekannt. Doch auch mancher Vierbeiner hat mit dem Herrchen seine liebe Mühe.

Wenn die Katze an Asthma leidet, ist vielleicht der Halter die Ursache.
von aktualisiert am 24. April 2018

Herrn von Bödefelds Haut ist trocken und schuppig, an einigen Stellen gerötet, an anderen schon stark entzündet – und es juckt überall. Da hilft alles Kratzen nichts, im Gegenteil. Es verschlimmert die Neurodermitis. Genau wie bei Kindern, die an Allergien leiden. Herr von Bödefeld ist allerdings – ein Hund. Und er ist nicht gegen Milben und Pollen allergisch, sondern gegen Menschen. 

Denn auch der Mensch kann Allergene produzieren. «Es sind die Proteine in den Hautschuppen, die allergische Reaktionen auslösen können», erklärt der Tiermediziner Ralf Müller in München. Der Professor leitet die Abteilung Dermatologie und Allergologie der Medizinischen Kleintierklinik der Ludwig-Maximilians-Universität und beschäftigt sich seit Jahren mit der sogenannten Menschenallergie: «Wir machen bei Pferden und Katzen, vor allem aber bei Hunden Blut- und Hauttests. Und da gibt es tatsächlich Reaktionen auf menschliche Hautschuppen.» 

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Komplizierte Diagnose

Längst befassen sich Mediziner an Kongressen mit Allergien bei Tieren im Zusammenspiel mit dem Menschen. So auch der Wiener Universitätslektor für Veterinärdermatologie Otto W. Fischer: «Ich würde sagen, dass von 100 allergischen Hunden und Katzen zwei bis drei gegen Menschen allergisch sind.»

Rechnet man andere Haustiere, Vögel und Pferde hinzu, reagiert jedes 20. allergische Haustier empfindlich auf den Homo sapiens, bekommt Husten, Dauerniesen oder Juckreiz, sobald Menschen ihm zu nahe kommen. Bei Katzen sind die Atemwege häufiger betroffen, während Hunde fast immer «nur» unter Juckreiz leiden. Das berichtete der Deutsche Allergie- und Asthmabund (DAAB) schon vor zehn Jahren. 

 

«Wir können einen Hund nicht in den Wald schicken und schauen, ob es ihm allein, ohne Menschen, bessergeht.»

Ralf Müller, Tiermediziner

 

Damit hat der DAAB eine Debatte losgetreten, die noch immer andauert. Denn die Diagnose «Allergie» zu stellen ist alles andere als einfach: Sie ist ein «Abarbeitungsprozess», der kriminalistischen Spürsinn verlangt. So müssen nach und nach alle denkbaren Verursacher einer Allergie ausgeschlossen werden. Hunde und Katzen können zum Beispiel gegen Hausstaubmilben, Flohspeichel oder Bestandteile von Futtermitteln allergisch sein; die Büsis auch noch gegen Katzensand, Vogelfedern oder Mückenstiche.

Doch wie erfasst man den Menschen als Allergieauslöser? Ralf Müller ist sich des Problems bewusst: «Wir können einen Hund nicht in den Wald schicken und schauen, ob es ihm allein, ohne Menschen, bessergeht.» Deshalb könne man höchstens Vermutungen anstellen und Wahrscheinlichkeiten berechnen. Etwa dann, wenn die Symptome nur auftreten, wenn das Tier für längere Zeit mit seinem Besitzer zusammen ist, und verschwinden, wenn es sich einige Tage bei einer anderen Person aufhält. Vorausgesetzt, das Tier ist gegen die andere Person nicht auch allergisch.

Schwierige Beweisführung

Der absolute Nachweis, dass eine Menschenallergie vorliegt, kann also gar nicht erbracht werden? «Nur bedingt», sagt Müller. «Aber ich stelle das Ganze deswegen nicht – wie einige Kollegen – komplett in Frage. Ich finde es auch absolut logisch, dass Tiere gegen Menschenepithel, die Zellschicht der Haut, allergisch sein können.» Allerdings reagierten die von ihm getesteten Tiere immer auch auf andere Stoffe. «Wir versuchen stets, die Frage zu beantworten: Wie relevant ist welcher Auslöser für die Allergie?»

Mit dieser Frage haben sich auch Wissenschaftler am Hospital for Small Animals der University of Edinburgh beschäftigt. Dabei ging es um Katzen und Asthma. Als Auslöser hatten die Forscher Mykoplasmen im Verdacht. Das sind winzige Bakterien, die nicht von einer Hülle umgeben sind. «Bei meiner Studie ging es im Kern nicht um die Frage, ob Asthmakatzen auf Menschen und deren Lebensstil allergisch reagieren können – das wurde erst im Lauf der Untersuchung quasi aufgrund eines Zufallsbefunds zum Thema», sagt die Biologin Nicki Reed, die die schottische Studie geleitet hat. 

Kraulen durch Menschen kann zur Qual werden

Während beim Hund kaum bekannt ist, dass eine Allergie auch Asthma auslösen kann, ist «Katzenasthma eine weitverbreitete Krankheit, an der etwa eine von 200 Katzen leidet», wie Reed erklärt. In ihrer Studie hat sie überraschend festgestellt, dass das Leben für die Asthmakatzen zur regelrechten Qual werden kann, sobald sie von einem Menschen gekrault werden. Dann werden die Proteine der Hautpartikel auf das Tier übertragen, das – neben dem bestehenden Asthma – mit Schnupfen, Niesanfällen oder Juckreiz reagiert. «Staub und Zigarettenrauch verschlimmern die Symptome noch.» 

Claude Favrot, Abteilungsleiter Dermatologie der Klinik für Kleintiermedizin der Vetsuisse-Fakultät der Uni Zürich, gehört zu den Wissenschaftlern, die die Menschenallergie-Hypothese in Frage stellen: «Ich finde die Interpretation der schottischen Studie äusserst fragwürdig – jedenfalls fehlt der Beweis, dass die getesteten Katzen wirklich nur gegen das menschliche Epithel allergisch waren. Sie waren es nämlich auch gegen andere Reizstoffe wie Staubmilben und Pollen. Es waren also ganz einfach Allergiker. Und man weiss somit nicht, was und wer hauptsächlich schuld ist.» Doch auch er räumt immerhin ein, dass es Tiere geben könne, die gegen Menschen allergisch sind.

Katzenforscher zweifelt

Dennis Turner, der renommierte Katzen-Verhaltensforscher, hat mit der Diagnose Menschenallergie ebenfalls seine liebe Mühe. «Ich habe schon von manch einem Blödsinn gehört, der angeblich aufgrund irgendwelcher Studien behauptet wurde», bemerkt er schmunzelnd. «Ich bin allerdings kein Tierarzt, sondern Verhaltensforscher.» Primär solle man aber auf jeden Fall abklären, ob nicht Produkte, die Menschen benutzen – wie Deos, Parfüms oder Shampoos –, als Allergieauslöser in Frage kommen. 

Dabei könne der Mensch einiges dazu beitragen, der allergischen Katze (oder dem Hund) das Leben zu erleichtern. «Das Tier sollte nicht im Bett schlafen, wo sich besonders viele menschliche Hautschuppen befinden», sagt Turner. «Und wenn Rauch und Staub tatsächlich die Symptome verschlimmern, muss der Halter oder die Halterin eben auf das Rauchen verzichten.» Ausserdem sollte man stets gründlich staubsaugen (am besten mit einem Allergiestaubsauger) und auf die eigene Hautpflege achten. Denn trockene Haut neigt verstärkt zum Schuppen, so dass die allergieauslösenden Proteine leichter verteilt werden. 

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Matthias Pflume, Mitglied der Chefredaktion

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