Es ist ein extrem kleines Molekül, aber ein grosses Problem: Trifluoressigsäure, abgekürzt: TFA. Die Chemikalie, die als Abbauprodukt in Pestiziden und in Kühlmitteln vorkommt, gehört zur grossen Gruppe der PFAS, der sogenannten Ewigkeitschemikalien, über die der Beobachter immer wieder berichtet hat. TFA ist «besonders schädlich», wie die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) jetzt herausgefunden hat. Aus deren Sicht ist der Stoff nicht nur unzerstörbar, er kann beim Menschen auch die Fruchtbarkeit verringern, das Kind im Mutterleib schädigen sowie Schilddrüse und Leber beeinträchtigen. 

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Der Toxikologe Lothar Aicher vom Schweizerischen Zentrum für angewandte Humantoxikologie in Basel ordnet diese neue Entwicklung für den Beobachter ein.

Beobachter: Wieso ist die Nachricht der Europäischen Chemikalienagentur wichtig?
Lothar Aicher: Früher haben wir aus der Perspektive der menschlichen Gesundheit immer gesagt, dass TFA nicht so relevant ist. Weil sie sehr kurzkettig ist und deshalb schnell wieder aus dem Körper ausgeschieden wird. Die Politik und auch die Wissenschaft haben sie nicht gleich ernst genommen wie andere PFAS-Stoffe. Die Einschätzung der EU-Chemikalienagentur verändert diese Perspektive jetzt. TFA birgt ein sehr hohes Gesundheitsrisiko, auch wenn sie schnell wieder aus dem Körper verschwindet. Einfach weil wir ihr ständig und in hoher Konzentration ausgesetzt sind.

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Auf welche Weise sind wir TFA denn ausgesetzt?
TFA ist in der Schweiz praktisch flächendeckend im Grundwasser vorhanden – und teilweise in hohen Konzentrationen. Sie ist die bei weitem am häufigsten vorkommende menschengemachte Chemikalie im Grundwasser. Das haben Studien, zum Beispiel des Bundesamts für Umwelt, gezeigt. Weil TFA so kurzkettig sind, sind sie sehr gut wasserlöslich und verteilen sich schnell. Das Problem ist, dass sie nie mehr weggehen. Das hat jetzt auch die EU-Chemikalienbehörde nochmals bestätigt, sie stuft TFA als extrem persistent ein. 

Laut der Behörde können TFA ungeborene Kinder schädigen und die Fruchtbarkeit beeinträchtigen. Müssen sich die Leute jetzt Sorgen machen? Zum Beispiel Schwangere?
Die Stoffe sind schon seit vielen Jahren in unserem Wasser und nicht akut giftig, sondern chronisch, also wenn man ihnen sehr lange in grossem Mass ausgesetzt ist. Man muss also sicher nicht in Panik verfallen. Wir als Konsumentinnen und Konsumenten können ja nichts dagegen machen. Wir können Wasser nicht meiden. Wir können nicht aufhören zu trinken. Aktivkohlefilter, die gegen andere, langkettige PFAS wirksam sind und teilweise von Wasserversorgern eingesetzt werden, nützen bei TFA nichts. Die kleinen Moleküle schlüpfen da durch.

«Das Einzige, was man tun kann, ist, die Chemikalien an der Quelle zu reduzieren, damit sie gar nicht erst in die Umwelt und dann in die Menschen gelangen.»

Lothar Aicher, Schweizerisches Zentrum für angewandte Humantoxikologie

Also können wir uns vor diesen Gesundheitsschäden gar nicht schützen?
Das Einzige, was man tun kann, ist, die Chemikalien an der Quelle zu reduzieren, damit sie gar nicht erst in die Umwelt und dann in die Menschen gelangen. Heute werden PFAS breit in allen möglichen Produkten eingesetzt, und Pestizide versprühen wir ja bewusst und absichtlich in grossen Mengen. Wenn man die Chemikalien in geringerem Ausmass und nur noch gezielt anwenden würde, könnten wir das besser kontrollieren. Wir leben in einer Industriegesellschaft, gerade die Schweiz baut ihren Reichtum auch auf Pharma und Chemikalien auf, also dürfen wir nicht naiv sein und glauben, dass diese Dinge sich nicht in unserer Umwelt wiederfinden. Und das Problem kann nur schlimmer werden, weil sich die Stoffe anreichern. Aus toxikologischer Sicht muss ich schon sagen: Wir müssen dem ganzen Thema jetzt mehr Aufmerksamkeit schenken und Daten sammeln. Und die Politik muss daraus Schlüsse ziehen.

Momentan findet in der EU ja eine Diskussion über ein weitreichendes PFAS-Verbot statt. Sorgt dieser neue Entscheid zu TFA für mehr Druck?
Ja, auf jeden Fall, weil das ein weiteres Argument dafür ist, dass die Politik zügig entscheiden muss, wie es weitergeht. Diese neue Einschätzung der EU-Chemikalienagentur ist noch nicht rechtlich bindend. Aber es ist ein wichtiges Signal. 

Die Schweiz zieht bei EU-Entscheiden zu Chemikalien üblicherweise nach. Bis zu einem PFAS-Verbot in der EU und in der Schweiz dürfte es aber noch eine Weile dauern. Hat die neue Einstufung von TFA schon jetzt Auswirkungen?
Prinzipiell gilt das Vorsorgeprinzip, und wenn solche neuen Erkenntnisse einer grossen und relevanten Expertenrunde publik werden, ist das sicher ein Anlass dazu, eher vorsichtig zu sein. Auch jetzt schon. Zum Beispiel müsste diese neue toxikologische Einstufung wohl miteinbezogen werden, wenn jemand ein neues Pflanzenschutzmittel zur Zulassung anmeldet oder eine bestehende Zulassung erneuern will. Es wäre eigentlich logisch, das ab sofort zu berücksichtigen.

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Quellen