Mitte Februar überraschte Comparis mit folgender Schlagzeile: «Die Mehrheit der Bevölkerung kann Krankenkassenprämien ohne Probleme zahlen». Laut einer repräsentativen Umfrage hätten 59 Prozent der Befragten dieser Aussage zugestimmt. Vor allem Wohlhabende oder Bezüger von Prämienverbilligungen spürten die Belastung kaum, schrieb Comparis-Sprecher Felix Schneuwly in der Medienmitteilung.  

Fast alle Medien – darunter SRF und die NZZ – übernahmen die Schlagzeile wortgetreu. Einige bezeichneten sie als überraschend und verwiesen auf das UBS-Sorgenbarometer. Dort lautet die Schlagzeile ganz anders. Zum dritten Jahr in Folge nannten 2025 die Schweizerinnen und Schweizer die steigenden Gesundheitskosten als ihre grösste Sorge. 

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Warum die beschwichtigende Schlagzeile?

Genauer betrachtet, lieferte auch die Comparis-Umfrage alarmierende Zahlen. Wer über die Schlagzeile hinauslas, erfuhr: 33 Prozent der Befragten hatten angegeben, gelegentlich oder regelmässig Mühe zu haben, das Geld für die Prämien aufzubringen. Eigentlich ein sozialpolitisch brisanter Befund. Warum wählte Comparis dennoch die beschwichtigende Schlagzeile?

«Wir weisen auf die Mehrheit hin, weil diese auch in der Demokratie entscheidet», sagt Schneuwly dazu. Doch ist es eine Frage der politischen Ausmarchung, ob jemand die stetig steigenden Krankenkassenprämien stemmen kann? Für die Betroffenen zumindest ist es tägliche – oft belastende – Realität. 

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Beobachter-Petition: Wer zahlt, soll mitbestimmen
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Der omnipräsente Experte

Schneuwly ist in der Debatte um die Gesundheitskosten allgegenwärtig. Er gehört zu den meistzitierten Experten der Schweiz. Die Mediendatenbank verzeichnet für das Jahr 2025 allein über 500 Treffer, für die letzten zwei Jahre gar mehr als 1300 Treffer.

Zitiert wird er meist als Comparis-Krankenkassenexperte oder dann schlicht als Gesundheitsexperte. Der Verweis auf Comparis rückt ihn in die Nähe des Konsumentenschutzes. Auf LinkedIn wirbt er mit dem Slogan «Für mehr Marktmacht der Konsumentinnen und Konsumenten». 

Mitgliedschaft bei der FDP

Doch das Bild des unabhängigen Experten und Kämpfers für Konsumentenschutz bekommt Risse, wenn man seine vielen Mandate und Mitgliedschaften betrachtet. Sie werden selten publik. Gemeinsam ist ihnen, dass die entsprechenden Organisationen die Interessen der Leistungserbringer vertreten – von Ärzten über Spitäler bis hin zu Pharma- und Medtech-Unternehmen –, nicht aber jene von Konsumentinnen und Konsumenten. 

Felix Schneuwly ist Mitglied der FDP und gehört seit 2016 der FDP-Gesundheitskommission an. Dank des Badges von FDP-Nationalrat Marcel Dobler hat Schneuwly freien Zugang zum Bundeshaus. Die FDP setzt im Gesundheitswesen auf Wettbewerb und Eigenverantwortung – Prinzipien, die Schneuwly teilt. «Es geht darum, auf den Märkten Kräftegleichgewichte herzustellen und nicht durch gut gemeinten Konsumentenschutz Überregulierung, Bürokratie und Marktversagen zu fördern», sagt er. 

Ähnliche Positionen vertritt Economiesuisse, der mächtigste Wirtschaftsverband der Schweiz. Auch dort ist Schneuwly Mitglied in der Gesundheitskommission. «Comparis ist Einzelmitglied von Economiesuisse. Ich vertrete dort, wie auch bei Comparis, die Interessen der Versicherten», erklärt er. 

Für zwei weitere Mandate, die Schneuwly innehat, erhält er Geld. So für seinen Einsitz ins Advisory Board von Medbase. Medbase betreibt an 190 Standorten medizinische Zentren, psychotherapeutische Praxen, Apotheken und Zahnarztzentren.

Bezahlt wird auch sein Job als Präsident des Bündnisses Freiheitliches Gesundheitswesen. Dieses vereint nahezu alle Gruppen der medizinischen Leistungserbringer: Ärzte (FMH), Apotheken (Pharmasuisse), Spitäler (H+) und andere. Die politischen Stellungnahmen des Bündnisses, die Schneuwly als Präsident unterzeichnet, spiegeln deren Interessen wider. 

Schneuwlys Kritik: Zu viel Bürokratie

Einige Beispiele: Das Bündnis lehnt eine Begrenzung der hohen Löhne von Krankenkassenchefs ab. Es spricht sich gegen die Offenlegung von Interessenkonflikten bei Leistungserbringern aus. Grund: Zu viel bürokratischer Aufwand, die geltenden Transparenzregeln genügten. Auch verbindliche Kosten- und Qualitätsziele für Leistungserbringer, wie sie ein parlamentarischer Vorstoss fordert, weist das Bündnis zurück, aus demselben Grund.  

Die Möglichkeit, medizinische Produkte wie Herzschrittmacher im Ausland günstiger einzukaufen, unterstützt das Bündnis nur, wenn die höheren Lohn- und Infrastrukturen in der Schweiz berücksichtigt und die «Binnenwirtschaft» geschützt bleibt. 

Wirken «zum Wohle aller»?

«Ich bin Präsident des Bündnisses und bringe die Interessen der Konsumentinnen und der Patienten ein», sagt Schneuwly. Die geltenden Transparenzregeln genügten, die Versicherten bräuchten neben der gegebenen Kostentransparenz auch Qualitätstransparenz. «Das Bündnis ist die einzige Organisation im Gesundheitswesen, die versucht, mit einer liberalen Grundhaltung und auf KVG-Basis des regulierten Wettbewerbs die Interessen zum Wohle aller zu vereinen», so Schneuwly. Ausgerechnet eine Organisation, die Partikularinteressen vertritt, soll «zum Wohle aller» wirken?

Kritischer äussert sich Schneuwly, wenn Bürgerinnen und Bürger sich selbst zu Wort melden. Dem repräsentativ zusammengesetzten Bevölkerungsrat warf er letztes Jahr vor, die Hälfte der Mitglieder habe «keine Ahnung vom Gesundheitswesen». Die Organisatoren würden einen «Kostenröhrenblick» fordern. Der gesamten Veranstaltung, organisiert vom Zentrum für Demokratie Aarau sowie den Universitäten Zürich und Genf, bescheinigte er einen «Linksdrall». Der Bevölkerungsrat hatte ein nationales Gesundheitsgesetz und ein Kompetenzzentrum für Gesundheitsförderung und Prävention gefordert.

«Vorwurf objektiv falsch!»

Auch die Forderung der Beobachter-Petition, Prämienzahlende an den Tarif- und Preisverhandlungen zu beteiligen, sieht Schneuwly kritisch. Prämienzahlende seien durch die Verbände, die Krankenversicherer und die Kantonsregierungen schon heute bestens in die politischen Meinungsbildungs- und Entscheidungsfindungsprozesse integriert. 

Gesundheitsfachleute würden sich heute immer mehr mit Bürokratie statt mit ihren Patientinnen und Patienten beschäftigen: Das Ergebnis von zu viel Regulierung, findet Schneuwly – im Einklang mit FDP, Economiesuisse, FMH, dem Spitalverband H+, den Apothekern, der Medizinaltechnik und der Pharmaindustrie. 

Den Vorwurf, er vertrete die Interessen der Leistungserbringer oder agiere gar als verdeckter Lobbyist, weist er entschieden zurück: «Das ist objektiv falsch! Meine Unabhängigkeit ist mir wichtig. Das Krankenversicherungsgesetz regelt den Wettbewerb. Auf dieser Grundlage setze ich mich für Solidarität und Eigenverantwortung ein und unterstütze Anreize, die Effizienz und Qualität fördern.»

Quellen