«Es ist ein Irrsinn, 28 von 30 Tabletten einfach wegzuwerfen»
Eine Frau muss im Vorfeld einer Darmspiegelung zwei Tabletten eines abführenden Medikaments einnehmen. Die Tabletten gibts aber nur in der 30er-Packung. Der Rest landet im Abfall.

Veröffentlicht am 21. April 2026 - 06:00 Uhr

«Ich bin 75-jährig, und kürzlich musste ich mich einer Darmspiegelung unterziehen. Von der Gastroenterologischen Gruppenpraxis in Bern wurde ich angewiesen, zwei Tage vor der Untersuchung zwei Tabletten des Abführmittels ‹Prontolax 5 mg› einzunehmen. Dazu erhielt ich ein Rezept und kaufte in der Apotheke eine Packung mit 30 Tabletten. Folglich hatte ich nach der Darmspiegelung 28 Tabletten übrig. Nun kann ich diese Medikamente entweder heute bereits wegwerfen oder sie bis zum Ablaufdatum im September 2027 in meinem Apothekerkästli aufbewahren – und sie dann zum Entsorgen in die Apotheke zurückbringen.
Mit diesem Problem bin ich nicht allein. Gemäss dem Versorgungsatlas der Schweiz werden im Jahr etwa 376’000 Darmspiegelungen durchgeführt (2024). Wenn ich mir nun überlege, dass wohl bei den allermeisten dieser Eingriffe nur zwei Tabletten eingenommen und die restlichen 28 weggeworfen werden, dann geht das ganz schön ins Geld. Eine Schachtel kostet in der Apotheke Fr. 12.20. Somit werden bei jeder Darmspiegelung in der Schweiz 28 Tabletten im Wert von knapp Fr. 11.40 unbenutzt weggeworfen.
Schluss mit der Hinterzimmer-Politik bei Preisen und Tarifen im Gesundheitswesen. Über 48'000 Leserinnen und Leser des Beobachters fordern mehr Mitsprache und haben unsere Petition unterschrieben – und Sie können am Nachmittag vom 23. April bei der Übergabe im Bundeshaus in Bern dabei sein. Wer zahlt, soll mitreden – also kommen Sie mit! Wir laden zehn Leserinnen und Leser ein, uns ab Zürich zu begleiten. Wer zuerst schreibt, ist dabei.
Bewerbung bis 21. April: info@beobachter.ch, Betreff «Petitionsübergabe»
Hochgerechnet auf die 376’000 Darmspiegelungen, landen folglich Medikamente im Wert von fast 4,3 Millionen Franken einfach im Abfall. Jahr für Jahr. Die Krankenkassen, und damit wir alle, könnten mit einem einzigen Medikament für eine einzige Untersuchung jedes Jahr mehrere Millionen Franken einsparen, wenn die Industrie kleinere Packungen herstellen würde. Möglich wäre auch, dass diese spezialisierten Kliniken die Tabletten einzeln abgäben, etwa mit einem kopierten Beipackzettel.
Oder man hätte mir zumindest das gleiche Medikament in doppelter Dosis verschreiben können. Ich hätte einfach nur eine Tablette à zehn Milligramm einnehmen müssen. Gemäss Arzneimittelverzeichnis Compendium enthält die Schachtel mit dieser Dosis nur zehn Tabletten und kostet ‹nur› sechs Franken. So müssten immerhin Tabletten im Wert von zwei Millionen Franken weniger weggeworfen werden. Auch das wäre aber noch immer absurd.
Angesichts der hohen Krankenkassenprämien ärgere ich mich über diesen Irrsinn. Es ist für mich unverständlich, dass solche Missstände nicht behoben werden.»
Aufgezeichnet von Otto Hostettler
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Das sagt die Gastroenterologische Gruppenpraxis in Bern:
In der Schweiz sind viele Medikamente – darunter auch Prontolax – ausschliesslich in standardisierten Packungsgrössen erhältlich, die durch die Hersteller festgelegt und von den Zulassungsbehörden genehmigt sind. Eine Abgabe einzelner Tabletten ist im ambulanten Setting aus rechtlichen, qualitativen und logistischen Gründen in der Regel nicht möglich. Insbesondere spielen hierbei Aspekte der Arzneimittelsicherheit, Rückverfolgbarkeit und Hygiene eine wichtige Rolle. Wir verstehen jedoch den von der Patientin angesprochenen Aspekt der potenziellen Verschwendung und nehmen solche Hinweise ernst. Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit sind wichtige Anliegen, deren Optimierungsmöglichkeiten laufend geprüft werden – stets unter Einhaltung der gesetzlichen Rahmenbedingungen und der Patientensicherheit.
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