Daniel Meyer steht dicht neben Aladin und schlingt ein letztes Mal seinen Arm um den Pferderücken. „Das Schönste war für mich, einfach zu sein und die Wärme des Tieres zu spüren“, sagt der robust aussehende Mann. Noch vor einem halben Jahr wäre ihm, der Pferde nur von weitem kannte, so ein Satz nicht in den Sinn gekommen. Für ihn gab es nur die Leistung. Das Hetzen von einem Termin zum anderen. Bis der Ingenieur mit dem Stichwort Burn-out konfrontiert wurde. Anfang Dezember trat er in die Burn-out-Station auf dem Hasliberg ein, wo ihm der behandelnde Arzt das Burn-out und die Erschöpfungsdepression bestätigte.

«Das Pferd ist der Spiegel des Patienten»

Die Reittherapie hat einen tiefen Eindruck bei Meyer hinterlassen. Beim Stall hatte er gar eines seiner Schlüsselerlebnisse: «Es war phänomenal, als dieses 500 Kilogramm schwere Tier bei einer Führübung erstmals das machte, was ich wollte.» Zumal das Pferd ihn anfangs schlicht ignorierte, weil der 53-Jährige überhaupt nicht bei der Sache war. «Das Pferd ist der Spiegel des Patienten und seiner sozialen Kompetenz», sagt Christiane Moor, ausgebildete Physio- und Reittherapeutin. Es geht bei dieser Therapie weniger ums Reiten als um Vertrauen und Respekt. Und darum, im Umgang mit dem Tier die Konzentration und die Selbstwahrnehmung zu stärken.

Als Daniel Meyer seine Therapie begann, ging seine ganz persönliche Odyssee zu Ende, wie er selbst sagt. Sie hatte ihn in den zehn vergangenen Jahren quer durch Osteuropa geführt, immer im Dienste der Arbeit. Als Spezialist für Anlagen und technisches Risikomanagement für ein international tätiges Unternehmen in der Holzwerkstoffbranche lebte und arbeitete er in Polen und Russland und reiste immer wieder durch Europa und die USA. «Es war hochinteressant, aber auch sehr kräfteraubend», sagt Meyer rückblickend. Neben dem enormen Arbeits­pensum und der anstrengenden Reise­tätigkeit durch die Zeitzonen war er für den ­Arbeitgeber ständig telefonisch erreichbar. Eine Abgrenzung zwischen Privat- und Geschäfts­leben gab es nicht. Dazu kamen Schlafprobleme: Meyer stand täglich um fünf Uhr auf und arbeitete bis halb acht Uhr abends. Er trieb sehr viel Sport, lief den Eismarathon auf dem Baikalsee und den 100-Kilometer-Lauf von Biel.

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«Statt mir Erholung zu gönnen, forderte ich wieder Höchstleistungen von mir. Ich sehe ­heute, dass das komplett verkehrt war», sagt ­Daniel Meyer und lacht fast verlegen. «Bis mein Körper sagte: ‹Das mache ich nicht mehr mit.›» Dass er seit Jahren unter Depressionen litt, hatte er ignoriert und sich durchgebissen.

Irgendwann hatte Daniel Meyer nicht einmal mehr genug Kraft, die Schnürsenkel der Laufschuhe zu binden, die er bereits an den Füssen trug. Er war wie gelähmt und fühlte sich auch bei der Arbeit blockiert. Als er die Kraft verlor, Sport zu treiben, drehte sich die Spirale immer schneller abwärts. Er bekam Angst, vollends die Kontrolle zu verlieren und sich ­etwas anzutun. Als seine Frau ihn besuchte, riet sie ihm dringend, Hilfe zu suchen. Von Russland aus rief Meyer seinen Hausarzt an, flog in die Schweiz und wurde vom psychiatrischen Notfalldienst in eine Klinik überwiesen. Dort eröffnete man ihm, er leide an einem schweren Burn-out. «Ich hatte schon einmal davon ­gehört, brachte mich aber überhaupt nicht mit so etwas in Zusammenhang.»

Die Burn-out-Station der psychiatrischen Privatklinik Meiringen befindet sich in der Reha­klinik Hasliberg auf 1070 Metern. Die Fens­ter geben den Blick auf ein atemberaubendes Alpenpanorama frei. Seit zehn Jahren werden in der Klinik Menschen mit dem Erschöpfungs­zustand Burn-out behandelt. Bei 90 Prozent ­dieser Patienten wird zudem eine Depression diagnostiziert, die man mit Medikamenten ­therapiert. Der Aufenthalt dauert in der Regel sieben bis zehn Wochen. Die drei wichtigsten Bestandteile der Therapie sind laut Chefärztin Barbara Hochstrasser die Psychotherapie, die Anwendung und Vermittlung von Entspannungstechniken und die körperliche Aktivierung, also gemässigter Sport und Bewegung.

«Viele Leute, die zu uns kommen, sind sehr leistungsorientiert und richten sich nach den Bedürfnissen von anderen. Sie grenzen sich schlecht ab und sind tendenziell sehr perfektionistisch», so die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie.

Die gezielte Suche nach sich selbst

Mangelnde Wertschätzung und mangelnde Autonomie am Arbeitsplatz sowie ein Ungleich­gewicht in privaten Beziehungen gehören zu den Faktoren, die ein Burn-out begünstigen. In der Psychotherapie geht es darum, mit dem Patienten nach spezifischen Auslösefaktoren von innen und von aussen zu suchen. In einer Gruppentherapie lernen die Patienten mehr über die Themen Stress, persönliche ­Werte, soziale Kompetenz und gesunde Lebensführung. Alternativmedizinische Methoden wie Akupunktur, traditionelle chinesische Medizin, Körpertherapie, Massage und Yoga tragen zum Ausgleich des Energiehaushalts der Patienten bei.

Die ersten sechs Wochen der Therapie ­waren für Daniel Meyer eine «wilde Suche». Er sah zwar ein, dass er Hilfe brauchte, und merkte, dass ihm alle etwas Gutes tun wollten. Aber er sah in den Therapien keine Lösung für sein Problem. Bis er durch die Gespräche und die Aus­einandersetzung mit sich selbst daraufkam, wie stark sein Verhalten stets von einem Leistungsdenken getrieben war. Seine Eltern hatten zur Genera­tion gehört, die sich wünschte, dass ­ihre Kinder «es einmal besser haben». In der Kindheit war ihm eingeimpft worden, dass im Leben vor allem die Leistung zählt. Dieses unbewusst verinnerlichte Motto führte dazu, dass er sich mit so viel Pflichtbewusstsein im Beruf verausgabte. «Die Auseinandersetzung mit mir selbst war der grösste Kampf, den ich auszufechten hatte», gibt Daniel Meyer zu. Erst in den letzten vier Wochen seines zwölfwöchigen Aufenthalts ging es ihm allmählich besser.

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Während der Therapie und der gemeinsamen Mahlzeiten lernte Meyer Menschen in ähnlichen Situationen kennen. Der Austausch mit ihnen war ihm ebenso wichtig wie die stillen Stunden, in denen er sich selbst begegnete. Auf Spaziergängen, bei stillen Stunden im Zimmer und bei der Meditation kam er zur Ruhe und ganz zu sich selbst. Er war sehr erstaunt, welche schönen, positiven und zufriedenen Gefühle das bewusste Ein- und Ausatmen beim Meditieren in ihm auslöst. «Ich habe gelernt, mich rein körperlich zu spüren und wahrzunehmen. Dies hat extrem geholfen, gelassen zu werden und mich selber zu akzeptieren», sagt Meyer. Auch in Zukunft will sich der sportliche Mann mit ­Meditation und Pferden beschäftigen und seine früheren sozialen Kontakte wieder aktivieren. Auf seiner neuen To-do-Liste stehen lauter ­Sachen, die ihm Freude bereiten. Er kaufte sich Schneeschuhe und widmet sich endlich wieder seinem Hobby, der Fotografie.

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Chefs sollen verstehen, worum es geht

«Ein stationärer Aufenthalt kann den Pa­tienten auffangen, eine erste Erholung generieren und Strategien für die Zukunft vermitteln. Aber die Pièce de Résistance kommt nachher», gibt Hochstrasser zu bedenken. In der Regel beginnen die Patienten, langsam das Pensum steigernd, wieder zu arbeiten. «Die Einstellungen und die Verhaltensweisen der Arbeit und dem Leben gegenüber verändern sich bei unseren Patienten nach einem Aufenthalt bei uns im Allgemeinen sehr. Sie bauen Risikofaktoren ab und Ressourcen auf», so die Chefärztin.

Seit der Eröffnung der Burn-out-Station 2003 hat sich die Einstellung der Chefs zum Thema Burn-out stark verändert. Zum Klinikprogramm gehört ein Gespräch mit dem Arbeitgeber. Diesen Termin nehmen heute im Gegensatz zu früher die meisten Arbeitgeber wahr. «Der Patient sollte nicht in die gleiche Situation zurück­gehen. Falls der Arbeitsplatz derselbe ist, sollten die Aufgaben angepasst werden», sagt Barbara Hochstrasser. Die Nachbetreuung von Burn-out-Betroffenen sei enorm wichtig. Die Chef­ärztin empfiehlt den Patienten, die Elemente Psychotherapie, körperliche Aktivierung, Entspannung und Energieausgleich weiterzuführen. Hochstrasser: «Selbstfürsorge ist eine ganz zentrale Aufgabe.» Es sei unverantwortlich, ein Flugzeug ohne regelmässige Wartung in die Luft steigen zu lassen. Dasselbe gelte für den Menschen. Dieses Argument leuchtet den meisten Patienten ein.

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Daniel Meyers berufliche Zukunft ist un­gewiss. Einen Monat ist er noch krankgeschrieben. Zeit für ihn, um zu Hause anzukommen, seine Wohnung zurückzuerobern und sich in seinem Leben wieder einzurichten. Er weiss, dass ihm damit der schwierigste Teil noch bevorsteht – seine Ehefrau und seine erwachsene Tochter, die im Pflegebereich tätig ist, unterstützen ihn dabei. «Meine Therapeuten haben mir gesagt, der stationäre Aufenthalt sei wie das Trainingscamp. Im Alltag danach folge der Aufstieg auf den Mount Everest», so Daniel Meyer. «Ich bin optimistisch, dass ich es schaffe, denn ich bin sehr ausdauernd.»