Vor kaum einer Krankheit fürchten Menschen sich mehr als vor Krebs. Eine Krebsdiagnose gilt gemeinhin noch immer als Todesurteil. Allerdings, das ist die gute Nachricht, können moderne Behandlungsmethoden heute viele Krebsarten heilen. Die schlechte Nachricht: Das verlängerte Leben kostet viel Geld.

Für eine innovative Therapie oder ein neues Medikament verlangen Pharmafirmen schon mal einen sechsstelligen Betrag. Der Listenpreis für Kymriah, die Leukämie- und Lymphdrüsenkrebs-Gentherapie von Novartis, beläuft sich auf 370'000 Franken. Solch enorme Summen haben Folgen. «Die immer höheren Preisvorstellungen der Hersteller setzen das Schweizer Gesundheitswesen zunehmend unter Druck», schrieb der Preisüberwacher vor zwei Jahren.

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Die Juristin und Medizinerin Kerstin Noëlle Vokinger erforscht als Professorin für Gesundheitsrecht an der Uni Zürich, wie die Zulassungsverfahren von Krebsmedikamenten ablaufen, wie ihre Preise festgesetzt werden – und wie man den Zugang zu ihnen langfristig gewährleisten kann. In den USA, wo es keine obligatorische Krankenversicherung gibt, müssten sich manche Menschen im Krankheitsfall verschulden. «Das belastet sie sowohl finanziell wie psychisch. Enorm hohe Medikamentenpreise können alle Lebensbereiche beeinträchtigen», sagt Vokinger.

370'000 Franken – so viel kostet die Gentherapie Kymriah von Novartis.

Jedes neue Medikament, jede neue Therapie muss in der Schweiz von der Heilmittelbehörde Swissmedic zugelassen werden. Danach beantragt der Hersteller beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) die Kostenübernahme durch die Grundversicherung. Das BAG entscheidet und bestimmt den Medikamentenpreis mit zwei Kriterien: einem Auslandpreisvergleich mit neun europäischen Ländern und einem Vergleich mit bereits in der Schweiz vergüteten Arzneien gegen dieselbe Krankheit. 

In den letzten Jahren seien die Gesundheitskosten gerade für Krebsmedikamente enorm gestiegen, sagt BAG-Sprecher Jonas Montani. Gemäss dem Arzneimittelreport der Krankenkasse Helsana zahlte die Grundversicherung im Jahr 2020 für Krebsmedikamente 898 Millionen Franken. Das sind 10 Prozent mehr als 2019 und fast 30 Prozent mehr als 2017. «Der Anstieg basiert sehr stark auf den Kosten neuer, sehr teurer Arzneimittel», sagt Montani.

Therapeutischer Durchbruch ist selten

Samuel Lanz, Leiter Kommunikation des Branchenverbands Interpharma, verteidigt die hohen Preise. Die Entwicklung neuer Medikamente und Therapien sei mit einem hohen Ausfallrisiko verbunden. Nur fünf Prozent aller Substanzen, die in die präklinische Forschung gehen, führten zu einer Therapie, die zugelassen werde. «Im Durchschnitt kostet die Entwicklung eines neuen Medikaments rund 2,6 Milliarden Franken und dauert zwölf Jahre.» Längst nicht jedes zugelassene Medikament sei wirtschaftlich erfolgreich.

Und längst nicht jedes ist ein therapeutischer Durchbruch. In zwei Studien wies Kerstin Vokinger nach, dass nur knapp ein Drittel der 2007 bis 2019 in den USA und Europa neu zugelassenen Medikamente einen hohen zusätzlichen Nutzen hatten. Und in einer anderen Studie zeigte sie auf, dass es keinen Zusammenhang gab zwischen dem Preis eines Krebsmedikaments und seinem klinischen Nutzen. Hier gebe es Handlungsbedarf und Sparpotenzial, sagt Vokinger. Ein Problem sei, dass es bei der Zulassung zunehmend an Daten zum Nutzen und zur Wirkdauer einer Therapie fehle. «Immer öfter werden Therapien zugelassen, bevor es Langzeitwerte gibt.»

2,6 Milliarden Franken investieren Pharmafirmen in die Entwicklung eines neuen Medikaments.

Der Druck, neue, innovative Medikamente zu vergüten, ist gross. Die Bevölkerung und das Schweizer Krankenversicherungsgesetz verlangen eine hochstehende medizinische Versorgung. Wenn das BAG den Preis sehr tief ansetzt, läuft es Gefahr, dass der Hersteller auf eine kassenpflichtige Vergütung verzichtet. Die Verhandlungen sind oft zäh. «Die Preisforderungen der Pharmafirmen im Bereich der Onkologie und der seltenen Krankheiten waren zuletzt sehr hoch», sagt Jonas Montani.

Das BAG hat mehrere Massnahmen ergriffen, um die Kosten zu dämpfen. So wird etwa jedes Medikament alle drei Jahre überprüft und sein Preis allenfalls gesenkt. In ungefähr 120 Fällen hat das Bundesamt zudem Preismodelle festgelegt: Dabei geht es beispielsweise um Beschränkungen der Umsatzvolumen oder um Rückerstattungen, falls sich eine Therapie als wenig wirksam erweist. In manchen Fällen, so auch bei Kymriah, werden Rabatte ausgehandelt. Deren Höhe ist vertraulich.

Genau das kritisiert Kerstin Vokinger: «Solche geheimen Rabatte sind sehr problematisch.» Kurzfristig möge ein solches Vorgehen die Kosten etwas dämpfen. Aber langfristig könnte es zu überhöhten Preisen führen, weil dem BAG die Vergleichsmöglichkeiten fehlten. Pharmafirmen schliessen nämlich mit vielen Staaten vertrauliche Rabatte ab. «Den tatsächlichen Preisvergleich haben so nur noch sie», sagt Vokinger.

Vertrauliche Rückerstattungen

Das BAG sei sich dieser Gefahr bewusst, sagt Sprecher Montani. Der Bund setze sich auf internationaler Ebene für mehr Transparenz bei der Preisbildung ein – er habe 2020 eine entsprechende Resolution der Weltgesundheitsorganisation (WHO) unterzeichnet. Fakt sei aber, dass Rückerstattungen international vertraulich festgelegt würden. Pharmaunternehmen verzichteten lieber auf eine kassenpflichtige Vergütung, als dass sie die Rabatte publizieren. «Leider kann ohne Preismodelle der möglichst rasche Zugang zu einigen hochpreisigen Arzneimitteln in der Schweiz nicht mehr gewährleistet werden.» Deshalb setze der Bundesrat auf eine Stärkung der Preismodelle.

Auch Samuel Lanz von Interpharma streicht den rascheren und umfassenderen Zugang zu innovativen Produkten heraus, den die vertraulichen Preismodelle ermöglichten: «Für Pharmaunternehmen bedeuten Preismodelle primär Umsatzeinbussen.» Sie seien aber bereit, diese hinzunehmen, wenn so für alle Patientinnen und Patienten der Zugang zu teils lebensrettenden Innovationen schnell und rechtsgleich möglich werde.

Kerstin Vokinger weiss, in welcher Zwickmühle die Behörden stecken. Trotzdem, sagt sie, wäre es wichtig, dass sich Staaten zusammenschliessen, um gemeinsam tiefere Medikamentenpreise auszuhandeln. Man sei in Kontakt mit anderen Staaten, sagt BAG-Sprecher Montani. Konkrete Bestrebungen zu gemeinsamen Preisvorstellungen gebe es derzeit aber nicht.

Vielfach basieren neue Therapien auf Entdeckungen an staatlich finanzierten Hochschulen. Pharmafirmen kaufen die Rechte an solchen Erfindungen, entwickeln sie weiter, bringen sie zur Marktreife – und streichen danach die Gewinne ein. Hier sieht Kerstin Vokinger einen anderen Hebel gegen astronomische Medikamentenpreise. Eine Möglichkeit wäre, dass im Preis berücksichtigt wird, wenn Therapien mit öffentlichen Geldern mitentwickelt werden, wie dies auch in den USA diskutiert werde.

Samuel Lanz gibt zu bedenken, dass vom Gewinn erfolgreicher Pharmafirmen auch die Allgemeinheit profitiere. Zudem investiere die Pharmabranche in der Schweiz in ihrem Bereich mehr Geld in die Forschung als der Bund in den gesamten Forschungsplatz. 

Wie viel ist ein Leben wert?

Letztlich läuft die Diskussion um die hohen Medikamentenpreise auf diese Fragen hinaus: Wie viel ist ein Menschenleben wert? Was sind wir bereit, zu zahlen, damit Kranke ein halbes oder ein Jahr länger leben können? Wer übernimmt die Kosten? Darüber müsse die Gesellschaft diskutieren, findet Kerstin Vokinger. «Falls auch in Zukunft die Krankenkassen alle Therapien bezahlen sollen, braucht es griffige Massnahmen gegen die hohen Preise.» Sonst komme das Gesundheitssystem irgendwann an den Anschlag – und es drohe eine Zweiklassenmedizin.

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