Johannes Mathis ist Kodirektor am interdisziplinär geführten Schlaf-wach-Epilepsie-Zentrum am Berner Inselspital. Der 60-jährige Neurologe ist zudem ­ärztlicher Beirat der Schweizerischen Restless-Legs-Selbsthilfegruppe; von 2009 bis 2011 war er Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Schlaf­forschung, Schlaf­medizin und Chronobiologie. (Bild: Marco Zanoni)

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Beobachter: Wo man hinhört, klagen die Leute über Erschöpfung, man spricht ­sogar von einer «Müdigkeitsgesellschaft». ­Warum sind wir so müde?
Johannes Mathis: Eine neue Studie zeigt, dass die Schweizer Bevölkerung heute rund 40 Minuten weniger schläft als noch vor 30 Jahren, im Schnitt nur noch 7,5 Stunden. Es wäre illusorisch, zu glauben, dass sich unser Hirn in so kurzer Zeit an einen derart verkürzten Schlaf gewöhnt hätte. Wir schlafen zu wenig, daher sind wir oft müde.

Beobachter: Warum schlafen wir zu wenig?
Mathis: Seit dem Zweiten Weltkrieg hat sich unsere ­Jahresarbeitszeit kontinuierlich verringert, die Arbeit kann also nicht der Grund dafür sein. Das Problem ist vielmehr, dass die Freizeitaktivitäten im selben Zeitraum stark zugenommen ­haben. Wir wollen Sport treiben, Freunde treffen, ein Hobby betreiben, einkaufen, fernsehen, lesen – und weil wir tagsüber arbeiten oder von der Familie beansprucht werden, gehen wir ­diesen Freizeitvergnügen bis spät in den Abend nach. Der Schlaf leidet darunter.

Beobachter: Wir arbeiten vielleicht nicht mehr als früher, aber bestimmt anders. Unser Berufsleben ist geprägt von Stress und ständiger Erreichbarkeit. Ermüdet das nicht auch?
Mathis: Ich kenne keine Studie, die diesen Zusammenhang bestätigt. Hektische Arbeit zwischen 8 und 17 Uhr hat keinen negativen Effekt auf den Schlaf. Etwas anderes ist es, wenn wir bis ­spätabends arbeiten. Je näher wir die Arbeit an die Schlafenszeit rücken, desto störender wird sie für den Schlaf.

Beobachter: In städtischer Umgebung gibt es kaum noch tiefe Dunkelheit, schlafen wir auch deswegen weniger?
Mathis: Früher ging man während der Dämmerung zu Bett, also bei optimalen Lichtverhältnissen. Heute halten uns das elektrische Licht und die Freizeitaktivitäten oft bis nach 22 Uhr wach – und dann möchten wir sofort einschlafen können. Man hat herausgefunden, dass das blaue Licht der Flachbildschirme, E-Reader und ­Handys der Morgendämmerung ähnelt und uns deshalb anregt. Man sollte diese Lichtquellen 40 Minuten vor dem Zubettgehen ausschalten.

Beobachter: Das kann ich nicht bestätigen: Vor dem Fernseher schlafe ich immer besonders gut ein.
Mathis: Menschen ohne Schlafprobleme können vor dem Fernseher tatsächlich gut abschalten, weil die Situation so monoton und «relaxt» ist. Oft erleben sie den sogenannten Fernsehschlaf ­jedoch zu früh am Abend, und sie haben später im Bett Einschlafprobleme. Der negative Effekt des Blaulichts lässt sich vor allem bei Patienten beobachten, die schlecht einschlafen können: Bei ihnen wird dadurch die Ausschüttung von Melatonin unterdrückt.

«Den meisten Menschen ist nicht bewusst, dass sie im fortgeschrittenen Alter zwar weniger Schlaf brauchen, aber auch die Fähigkeit, ein Schlafmanko zu ver­kraften, parallel dazu viel stärker abnimmt.»

Johannes Mathis, Schlafforscher

Beobachter: Warum suchen Patienten Ihre Hilfe?
Mathis: Häufig kommen Menschen ab 40 zu mir, weil sie merken, dass sie am Tag müde sind und ­Mühe haben, die gewohnte Leistung zu erbringen. Oft zeigt sich dann, dass viele ganz einfach zwei, drei Stunden zu wenig schlafen. Wir brauchen im fortgeschrittenen Alter zwar etwa 30 Minuten weniger Schlaf als mit 20, aber den meisten ist nicht bewusst, dass die Fähigkeit, ein Schlafmanko zu ver­kraften, parallel dazu viel stärker abnimmt. Ein 20-Jähriger steckt ein Schlafmanko locker weg. Auch weil sein Alltag noch anregender und ­inspirierender ist als ein etabliertes Leben, das in der Regel auch mit viel langweiligen Routine­arbeiten verbunden ist. Wer sich auf viele kleine Details konzentrieren muss, spürt die Schläfrigkeit stärker.

Beobachter: Wie kann ich feststellen, ob ich zu wenig schlafe?
Mathis: Das ist ganz einfach: Wenn ich am Wochenende oder in den Ferien deutlich länger schlafe als sonst, ist das ein Zeichen dafür, dass ich mir zu wenig Schlaf gönne. Wer unter der Woche mehr als eine Stunde weniger schläft, als er könnte, büsst dies mit Müdigkeit.

Beobachter: Nicht jeder, der müde ist, geht einfach zu spät ins Bett. Spielen auch medizinische ­Gründe ­eine Rolle?
Mathis: Vor allem Männer leiden relativ häufig am Schlafapnoe-Syndrom, einem wiederholten ­kurzen Aussetzen der Atmung im Schlaf, das ­einen ständig aufwachen lässt und dazu führt, dass man unausgeruht erwacht. Auch die ­Insomniker, die ­unter Ein- und Durchschlaf­problemen leiden, klagen über Müdigkeit. Ebenso Menschen, ­deren Rhythmus nicht mit dem Rhythmus ­unserer Gesellschaft übereinstimmt, weil sie in der Nacht wach sind. Und in seltenen Fällen führt eine Störung der Neurotransmitter im Gehirn zu Schläfrigkeit, etwa bei der Narkolepsie.

Beobachter: Welche Folgen hat die Dauermüdigkeit?
Mathis: Wer zu wenig schläft, arbeitet nicht mehr effi­zient, das ist belegt. Manchmal kommen Schüler und Studenten zu mir, die in Nachtschichten für Prüfungen lernen und sich tagsüber nicht mehr gut konzentrieren können. Einmal hatte ich ein Ehepaar in der Sprechstunde, beide berufstätig, die haben tagsüber geputzt, in der Nacht Zeitungen verteilt und nur zwei bis drei Stunden geschlafen. Ich musste ihnen klarmachen, dass es gefährlich ist, wenn sie nachts mit dem Auto unterwegs sind. Ein verkürzter Schlaf kann auch krank machen, dieser Zusammenhang wird derzeit vermehrt untersucht.

Beobachter: An welche Krankheiten denken Sie?
Mathis: Heute werden schwerwiegende Krankheiten wie Herzinfarkthoher Blutdruck oder Hirn­infarkt mit wenig oder gestörtem Schlaf in Zusammenhang gebracht. Auch die Beziehung zwischen Schlaf und Übergewicht wird erforscht: Man vermutet, dass ein verkürzter Schlaf den Stoffwechsel verändert. Im Rahmen einer Studie schliefen junge, gesunde Männer täglich vier Stunden weniger als sonst – bereits nach acht Wochen hatte sich ihr Stoffwechsel demjenigen eines Diabetikers angeglichen. Das bedeutet, dass die Übergewichtsproblematik in den westlichen Ländern auch mit unserer permanenten Übermüdung zu tun haben könnte. Das muss uns beunruhigen.

«Nicht jeder Mensch ist optimal ans industrielle Zeitalter angepasst. Für die meisten wären zwei Schlafphasen besser.»

Johannes Mathis, Schlafforscher

Beobachter: Was kann ich tun, wenn ich ständig müde bin?
Mathis: Als Erstes sollte man Antworten auf folgende Fragen finden: Wie viel Schlaf brauche ich? Das ist individuell und variiert zwischen vier und zehn Stunden. 60 Prozent der Menschen schlafen an Arbeitstagen sieben bis neun Stunden lang. Wann gehe ich idealerweise ins Bett? Den Tag-Nacht-Rhythmus, der sich daraus ergibt, sollte ich mir zur Gewohnheit machen. Wie ­viele Schlafphasen brauche ich an einem Tag? Nicht jeder Mensch ist optimal ans industrielle Zeitalter angepasst und braucht nur eine Schlafphase, den Nachtschlaf. Für die meisten wären zwei Schlafphasen besser. Das erklärt auch, ­warum viele Menschen nach dem Mittagessen besonders müde sind, die innere Uhr zeigt bei ihnen dann auf Schlaf. Denen würde ein Mittagsschlaf von 10 bis 20 Minuten helfen.

Beobachter: Das Gottlieb-Duttweiler-Institut behauptet, dass die schlaflose Gesellschaft genug von der permanenten Übermüdung habe, gesunder Schlaf werde wieder wichtiger. Ist eine Trendwende in Sicht?
Mathis: Vor ein paar Jahren hatte ich noch mehr Mühe, meinen Patienten zu erklären, wie wichtig der Schlaf ist. Heute staune ich manchmal, wie schnell sie meine Ratschläge umsetzen.

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Quelle: Beobachter Edition