Kontrolluntersuchungen sind heute für viele Menschen Normalität. Schliesslich ist an der Früherkennung einer potenziell tödlichen Krankheit kaum etwas auszusetzen – würde man zumindest vermuten. Doch so einfach ist es nicht.

Dänische Wissenschaftler haben die Vor- und Nachteile von allgemeinen Gesundheitsuntersuchungen erforscht. Sie wollten herausfinden, ob diese die Lebenserwartung erhöhen und ob sie davor schützen, an Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu sterben. Die Gruppe wertete Ergebnisse von über 250'000 Teilnehmenden aus. Resultat: Die Menschen, die Check-ups in Anspruch nahmen, lebten nicht länger und starben auch nicht seltener an Herz-Kreislauf-Erkrankungen als solche, die auf die Check-ups verzichteten.

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US-amerikanische Forscher kamen zum selben Ergebnis: Die Sterberate konnte durch Check-ups nicht gesenkt werden. Immerhin: Studienteilnehmende, deren Blutdruck regelmässig gemessen wurde und die Informationsmaterial zu ihrem spezifischen Risikoprofil erhielten, wurden etwas seltener ins Krankenhaus eingeliefert.

«Wir vergessen, welche Last eine Behandlung oder die Vorsorge darstellen.»

Reto Auer, Forscher für Hausarztmedizin

«Die Weltgesundheitsorganisation misst regelmässig, wie belastend eine Erkrankung für einen Menschen ist. Wir vergessen dabei aber, welche Last eine Behandlung oder die Vorsorge darstellen», erklärt Reto Auer, Hausarzt und Forscher am Institut für Hausarztmedizin der Universität Bern. Seine Aufgabe als Hausarzt bestehe deshalb darin, mit Unsicherheiten zu arbeiten und gemeinsam mit Patienten zu prüfen, welche Massnahmen sie ergreifen können, um eine spätere Erkrankung zu vermeiden.

Vermeidbare Behandlungsfolgen

Ein Beispiel: Mit 80 Jahren haben rund 80 Prozent der Männer Prostatakrebs Prostatakrebs Das Leiden der Männer – nur wenige sterben jedoch daran. Bei einer Vielzahl von Männern, die einen PSA-Test (siehe Box «Welche Vorsorgeuntersuchungen sind sinnvoll?» weiter unten) durchführen, wird also irgendwann Prostatakrebs festgestellt. Obschon viele Erkrankte mit und nicht an Prostatakrebs sterben, sehen sich Getestete mit einer zermürbenden Diagnose und der Frage nach weiteren Behandlungsschritten konfrontiert. «Der schlimmste Fall ist, wenn ein Patient unter den Folgen einer Operation leidet oder sogar verstirbt. Behandlungsfolgen, die man ohne regelmässige Vorsorge gar nicht erst gehabt hätte», gibt Auer zu bedenken.

Trotzdem rät Auer nicht grundsätzlich von Check-ups ab. Falls man ohnehin einen Arzt besuche, sei etwa eine kurze Blutdruckmessung Blutdruck messen Welche Blutdruckmessgeräte zuverlässig sind nicht verkehrt. Allein dafür einen Termin zu vereinbaren, lohne sich aber vielfach nicht. Wichtiger ist es, so Auer, dass sich Menschen mit einer konkreten Sorge an eine Fachperson wenden, die Alter, Geschlecht, individuelle Risikofaktoren, Werte und Präferenzen bei einer Empfehlung berücksichtigt. «Als Hausarzt will ich meine Patienten nur über jene Dinge informieren, die einen Unterschied für sie ausmachen, anstatt sie unnötig in Angst zu versetzen», so Auer. 

Letztlich sind es eben nicht Check-ups, die Leben retten, sondern präventive Massnahmen wie ein gesunder Lebensstil.

Welche Vorsorgeuntersuchungen sind sinnvoll?

Die universitären Zentren für Hausarztmedizin haben ein nationales Programm zur evidenzbasierten Prävention (EviPrev) erarbeitet. Sie empfehlen nicht für alle Männer und Frauen die gleichen Vorsorgemassnahmen.


Blutdruckmessung

Langfristig erhöht Bluthochdruck das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Oft haben Menschen einen hohen Blutdruck, ohne Symptome zu spüren. 

Empfehlung: Männer und Frauen sollten ab 18 Jahren alle drei, ab 40 Jahren jährlich den Blutdruck messen. 

 

Krebsabstrich

Gebärmutterhalskrebs ist in der Schweiz bei Frauen zwischen 20 und 49 Jahren die fünfthäufigste Krebsart. Humane Papillomaviren (HPV) sind der wichtigste Risikofaktor. Seit der Einführung des zytologischen Screenings (Pap-Abstrich) konnte die Anzahl neu auftretender Erkrankungen in der Schweiz massiv reduziert werden. 

Empfehlung: Sexuell aktive Frauen sollten alle drei Jahre ein zytologisches Screening machen (ab 21) beziehungsweise ein zytologisches oder ein HPV-Screening (ab 30). 

 

Mammografie

Mit einem Screening lässt sich Brustkrebs im frühen Stadium entdecken. Das Röntgenverfahren ist aber – unter anderem aufgrund der hohen Zahl von Überdiagnosen – umstritten. Sinnvoll sind regelmässige Mammografien deshalb vor allem für Frauen, deren direkte Angehörige an Brustkrebs erkrankt sind. 

Empfehlung: Frauen ab 50 Jahren sollten mit ihrer behandelnden Ärztin entscheiden, ob sie alle zwei Jahre eine Mammografie in Betracht ziehen möchten. 

 

PSA-Test

Der PSA-Test zeigt die Konzentration eines bestimmten Eiweisses, das in der Prostata gebildet wird. Die Aussagekraft des PSA-Werts ist umstritten. Insbesondere bei Männern mit einem höheren Risiko respektive Fällen von Prostatakrebs in der Familie vor dem 65. Lebensjahr kann sich der Test allerdings lohnen. 

Empfehlung: Männer ab 50 Jahren sollten in einem Gespräch mit ihrem Arzt entscheiden, ob sie alle ein bis zwei Jahre einen PSA-Test in Betracht ziehen möchten.

 

Darmkrebs-Screening

Ab dem 50. Altersjahr steigt das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken. Ein Test auf Blut im Stuhl (FIT) oder eine Darmspiegelung ermöglichen eine frühzeitige Diagnose. Während die erste Variante wesentlich schonender ist, besteht der Vorteil der zweiten darin, dass man während der Darmspiegelung allfällige Polypen im Dickdarm direkt entfernen und somit eine Krebsentwicklung verhindern kann. 

Empfehlung: Frauen und Männer ab dem 50. Altersjahr sollten in einem Gespräch mit ihrer Ärztin entscheiden, ob sie alle zwei Jahre einen FIT oder einmal alle zehn Jahre eine Darmspiegelung machen möchten.
 

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