«Ändspurt, secklä!», rief ich als Kind bei jeder blauen Tafel, sobald ich sie zwischen den Ästen erahnen konnte. Ich gab alles. Beim Posten hatte ich ein paar Sekunden Zeit, mich zu sammeln. «Ändlich!», rief ich triumphierend und schaute demonstrativ auf die Flik-Flak-Uhr, wenn mein Vater, die lahme Ente, im Ziel eintraf. «Wiä de Blitz», staunte er. Bei jedem der 15 Posten. Seitenstechen war ein Preis, den ich dafür gern bezahlte.

Sonntagmorgen war Vater-Tochter-Zeit, Ausreden gab es keine. Wenns regnete, musste ein «Tschäppi» her, wenn Schnee lag, trug mein Vater neben Stirnband und Brustgurt den «Schnudder» im Schnauz. Wie viele meiner Freunde bin ich mit dem Vitaparcours gross geworden.

Vitaparcours: Ein Erfolgsmodell für Familien

Im vergangenen Jahr feierte der erste Parcours in Zürich-Fluntern, nicht weit vom Zoo entfernt, seinen 50. Geburtstag. Die Eröffnung vor Jahrzehnten verdankte er den Turnern der Männerriege Wollishofen: Regelmässig hatten sie im Wald mit umgestürzten Bäumen, Ästen und Wurzelstöcken trainiert, die dank fleissigen Waldarbeitern aber nie lange liegen blieben. Also wandten sich die Männer mit ihrer Idee ans Forstamt und gewannen die damalige Vita-Versicherung (heute Zurich-Versicherung) als Sponsor.

Was anfangs für Sportler gedacht war, entwickelte sich schnell zum Erfolgsmodell für Familien Sport Wie Mädchen am Ball bleiben . Bereits fünf Jahre nach der Entstehung wurde der 100. Parcours eröffnet, inzwischen zählt die Schweiz 499 Strecken. Das Konzept traf den Zeitgeist. In den 1970er Jahren wurde der Vitaparcours zum Exportschlager: In Deutschland entstanden nach dem Schweizer Vorbild die Trimm-dich-Pfade. Aktuell sind die Vitaparcours bis heute. Sie sind rund um die Uhr kostenlos zugänglich. Besucher trainieren an der frischen Luft, allein oder gemeinsam.

 

43 Übungen, verteilt auf 15 Posten, trainieren Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit und Geschicklichkeit.

 

Nach Jahren sportlicher Einsamkeit renne ich an einem Februarnachmittag, der bereits nach Frühling riecht, wieder in Gesellschaft. Der Mann an meiner Seite ist ein neuer: Personal Trainer Marton Gintner trägt kein Stirnband, keinen Brustgurt, keinen Schnauz. Aber er strahlt beim Joggen Herzfrequenz Joggen im Takt , so einer ist das. Und schon laufe ich ein Stück schneller, als es die Kondition eigentlich zulässt. Lange durchhalten muss ich aber nicht, denn schon nach wenigen Minuten sehe ich die erste blaue Tafel. Den Sprint verkneife ich mir.

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Erst mal ruhig Blut

Als Kind hätte ich mich über die gelbe Markierung gefreut. Damals stand sie für «bubieinfach», heute lese ich, dass der Posten «Beweglichkeit und Geschicklichkeit» trainiert. Am liebsten würde ich weiterjoggen – jetzt, wo der Atem regelmässig geht, der Puls endlich gleichmässig ist. Muss ich wirklich unterbrechen, um meine Waden zu stretchen? Oder um beim zweiten Posten mit den Armen eine Acht in die Luft zu zeichnen?

Gintner ist streng: «Die Übungen zu Beginn des Parcours wärmen den Körper auf und bereiten ihn auf strengere Posten vor.» Tatsächlich gehts danach schnell ans Eingemachte: Bei der ersten Kraftübung, rot gekennzeichnet, hüpfe ich wie ein aufgescheuchter Frosch über den Baumstamm. «Runter mit dem Gesäss», fordert Gintner, «das muss brennen!»

App mit Videos in Planung

Der Personal Trainer besucht den Vitaparcours oft mit Kunden. «Viele von ihnen haben im Berufsalltag wenig Zeit für Sport Bewegung Sport ist eine Superpille und wollen während dieser möglichst viel erreichen.» Im Gegensatz zu einem Fitnessstudio werden auf dem Vitaparcours nicht nur isolierte Muskeln trainiert, sondern der Körper als Ganzes.

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Wie beliebt der Parcours noch immer ist, zeigt eine Befragung des Bundesamts für Sport: Über die Hälfte der Schweizer Bevölkerung ist schon einmal auf einem Parcours gejoggt, jeder Sechste nutzt ihn mehrmals im Jahr. «Auch bei Gemeinden lässt das Interesse nicht nach – immer wieder treffen Anfragen bei uns ein», sagt Barbara Baumann, Leiterin Zurich Vitaparcours.

 

499 Vitaparcours zählt die Schweiz. Der erste wurde 1968 in Zürich-Fluntern eröffnet. 

 

In den vergangenen 50 Jahren wurden aus 20 Posten mit 20 Übungen 15 Posten mit 43 Übungen. Die jetzige Version stammt aus dem Jahr 1997, ist noch immer aktuell und wurde in Zusammenarbeit mit der heutigen Eidgenössischen Hochschule für Sport Magglingen erarbeitet.

«Wir haben die Übungen stärker individualisiert, die Verletzungsgefahr verringert und verschiedene Steigerungsmöglichkeiten eingebaut», erklärt Walter Mengisen, Co-Rektor der Hochschule. «Übungen dürfen auch dann keinen Schaden anrichten, wenn sie nicht optimal ausgeführt werden.» In Zukunft soll eine App mit Videos bei der korrekten Ausführung helfen.

Es gibt aber auch Kritiker: Sportexperten schätzten die Intensität der Übungen in einer Ausgabe des Magazins «Gesundheitstipp» von 2015 als «eher gering» ein. «Wie jedes Training ist ein Vitaparcours das, was man daraus macht», widerspricht Gintner. «Man kann ihn einfach ablaufen – oder aber die eigenen Grenzen testen und das Schwierigkeitslevel langsam erhöhen.»

Jasmine Helbling und Marton Gintner machen Klimmzüge auf dem Vitaparcours

Mit Hängen und Würgen einen Kraftakt geschafft: Klimmzüge auf dem Vitaparcours.

Quelle: Raphael Zubler
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Den Vitaparcours individuell gestalten

Beim vierten Posten soll ich Klimmzüge machen – und schaffe keinen einzigen. Gintner scheint sich darüber zu freuen, denn nun kommt das elastische Gummiband zum Einsatz, das er in seinem Rucksack mitträgt. Er bindet es in einer Schlinge um die Stange, damit ich ein Knie darauf abstützen kann. Und tatsächlich schaffe ich nun einige. Wir gestalten den Vitaparcours aber nicht nur einfacher, sondern auch schwieriger. Beim Lauf zum nächsten Posten ziehen wir zuerst die Knie hoch, dann sprinten wir.

Als wir die letzte Tafel vor uns sehen, bin ich zwar erschöpft, doch eines darf nicht fehlen: «Ändspurt, secklä!», rufe ich. Gintner flitzt sofort an mir vorbei. Ruhm und Ehre gönne ich ihm. Das Seitenstechen aber auch.

«Wissen, was dem Körper gut tut.»

Chantal Hebeisen, Redaktorin

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