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ADHSVerschwindet die Krankheit mit 65 plötzlich?

Eine Frau hat jahrelang Probleme im Beruf – bis bei ihr ADHS diagnostiziert wird. Sie nimmt Medikamente, die man ihr aber nach der Pension nicht mehr bezahlt.

Ab der Pension zahlt die Krankenkasse nicht mehr für ein Medikament, das ADHS-Betroffene benötigen.
von aktualisiert am 28. Februar 2018

Ihr Arbeitsleben lang hat sich Anita Blum* so durchgewurstelt. «Ich hatte zwar gute Stellen», sagt die Journalistin. «Aber mein Verhalten war für andere nicht haltbar.» Sie litt unter unkontrollierbaren emotionalen Ausbrüchen, wenn etwas nicht perfekt lief. Manchmal schrie sie laut auf vor Wut. Immer wieder fing sie Projekte an, brachte sie aber nicht zu Ende. Sie konnte sich schlecht konzentrieren. Über mehrere Jahre war sie deswegen arbeitslos, bezog eine Zeitlang Sozialhilfe.

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Besserung dank Medikament – aber nur bis zur Pension

Als sie 53 war, diagnostizierte ihr Psychiater eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und verschrieb ihr Ritalin. Zum ersten Mal hatte Blum das Gefühl, ihr Leben im Griff zu haben. «Ich konnte arbeiten, ohne auszuflippen.» Weil Ritalin nur für Kinder und Jugendliche zugelassen ist, wechselte sie auf Anweisung der Krankenkasse zu Concerta. Doch das löste heftige Angstzustände aus. Schliesslich verschrieb ihr der Psychiater erfolgreich Focalin.

Nach ihrer Pensionierung kam der Schock: Die Krankenkasse Atupri beschied ihr, dass sie Focalin für über 65-Jährige nicht mehr vergüte. «Ich muss mich doch auch als Rentnerin konzentrieren können», sagt Blum. Seit sie das Medikament nimmt, muss sie kaum mehr in Behandlung, bestätigt der Psychiater. Es gehe ihr «sehr viel» besser. 

«ADHS stirbt im Alter nicht aus»

Doch Atupri blieb hart: Focalin müsse gemäss Swissmedic-Zulassung angewendet werden. Swissmedic bestätigt, dass Focalin nicht für Pensionäre indiziert ist. «Die Herstellerfirma hat einen Zulassungsantrag gestellt und klinische Studien für die Wirksamkeit bei Patienten im Erwachsenenalter bis 65 eingereicht», so die Mediensprecherin. «Wir prüfen jeweils, was die Firma beantragt.»

Nur: «ADHS stirbt im Alter nicht aus», sagt Daniel Krucker, Präsident der Interessengemeinschaft ADHS Schweiz. «Ich verstehe nicht, warum es für Rentner keine Lösung geben soll.» Weil Blum die neugewonnene Lebensqualität nicht aufgeben will, berappt sie das Medikament jetzt aus eigener Tasche. Obwohl sie wegen ihrer lebenslangen Schwierigkeiten nur eine minimale AHV-Rente erhält. 

* Name geändert

Symptome: ADHS bei Erwachsenen

  • ADHS zeigt sich in Konzentrationsschwierigkeiten, erhöhter Ablenkbarkeit, Vergesslichkeit sowie Schwierigkeiten, Gesprächen zu folgen.
  • Motorische Hyperaktivität zeigt sich in innerer Unruhe sowie der Unfähigkeit, sich zu entspannen oder sitzende Tätigkeiten durchzuhalten.


Weitere Symptome

  • Schnelle Stimmungsschwankungen, schnell gelangweilt.
  • Organisationsschwierigkeiten, Verlegen oder Vergessen von Dingen.
  • Reizbarkeit auch aus geringfügigem Anlass, verminderte Frustrationstoleranz, Wutausbrüche.
  • Impulsivität, Dreinreden, Ungeduld, unüberlegtes Geldausgeben.
  • Emotionale Übererregbarkeit, übertriebene oder ängstliche Reaktionen auf alltägliche Stressfaktoren.
     

Kriterien nach Paul Wender

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Chantal Hebeisen, Redaktorin

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