Leserfrage: In meiner Familie herrscht grosse Aufregung wegen des Coronavirus. Wir wissen nicht, was wir glauben sollen.

Angst ist gut. Eigentlich. Sie schützt uns vor Gefahren, schärft unsere Sinne, und sie gibt uns Energie, um zu handeln. Wenn sie aber zu Panik wird Panikanfälle Ein dunkles Leben mit der Angst im Nacken , verliert sie ihre wichtigen positiven Eigenschaften. Wir werden kopflos, reagieren hastig, unkoordiniert und kurzsichtig. Wir fühlen uns ausgeliefert, diffus bedroht und kraftlos.

Die aktuelle Situation rund um das Auftreten einer neuen, unbekannten Krankheit zeigt deutlich, wie wir hin- und hergerissen werden zwischen Verleugnung («Ich lasse mir doch die Begrüssungsküsse nicht verbieten.») und Weltuntergangsstimmung («Wenn es mich erwischt, werde ich sterben!»).

Gefahr einschätzen ist gar nicht so einfach

Was passiert hier genau? Evolutionsgeschichtlich neigen wir dazu, Negatives, also auch Gefahren, deutlicher wahrzunehmen und klarer zu erinnern als Positives, Harmloses. Das geschieht zunächst mal aus gutem Grund. Wenn wir eine Situation nach ihrem Risiko einschätzen müssen Ängste «Wir fürchten uns vor dem Falschen» (zum Beispiel das Rascheln im Busch), können uns zwei Fehler passieren: Wir überschätzen die Gefahr – oder wir unterschätzen sie.

Die erste Variante hat zur Folge, dass wir hinterher den Kopf schütteln und uns über unsere Hasenfüssigkeit ärgern, weil doch kein Tiger im Busch sass. Der zweite Fehler, nämlich uns sicher zu fühlen, obwohl ein Tiger im Busch lauert, wird uns zum Verhängnis: Ihn machen wir nur einmal.

Coronavirus-Panik lässt uns kopflos werden

Dieser instinktive Mechanismus lässt uns im Zweifel das Schlimmste befürchten. Das ergibt heute keinen Sinn mehr. Wir haben unterdessen unser Gehirn so weiterentwickelt, dass wir nicht jedem Impuls unseres Nervensystems direkt folgen müssen. Wir können analysieren, in die Zukunft schauen, abwägen und besonnen handeln. Mit einer Mischung aus Achtsamkeit, Wissen und gesundem Menschenverstand.

In Bezug auf Covid-19 Covid-19 Was Sie über das Coronavirus wissen müssen wissen wir noch nicht wirklich, was auf uns zukommt. Aber eines ist sicher: Panik hat keinen Sinn. Nicht weil es nicht ernst ist, sondern weil sie uns kopflos und bar jeder Vernunft handeln lässt, oft mit weitreichenden Folgen. Panik legt häufig nicht unsere besten Seiten frei – das äussert sich zum Beispiel, wenn im Spital Flaschen mit Desinfektionsmittel gestohlen werden.

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«Um die Ängste in Schach zu halten, empfiehlt es sich, sämtliche Fähigkeiten unseres Gehirns zu nutzen.»

Christine Harzheim, Psychologin
und systemische Familientherapeutin

Um die Ängste in Schach zu halten, ohne die Augen vor der Realität zu verschliessen, empfiehlt es sich, sämtliche Fähigkeiten unseres Gehirns zu nutzen und uns nicht auf die simplen Reaktionen aus unserer Zeit als Höhlenmenschen zu beschränken. Wir können unsere Gefühle wahrnehmen, ohne uns überfluten zu lassen. Wir haben die Fähigkeit, die Angst nach unten zu regulieren in einen Bereich, in dem wir wieder gut funktionieren können und in dem uns trotz aktueller Widrigkeiten einigermassen wohl ist. 

So halten Sie die Angst vor Coronavirus im Schach

Wie gelingt das?

  • Informieren Sie sich. Wählen Sie eine seriöse, sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse und reale Erfahrungswerte berufende Wissensquelle.
  • Informieren Sie sich nicht stündlich. Einmal in ein bis zwei Tagen reicht. Schotten Sie sich ab vor reisserischen Halbwahrheiten und Behauptungen. Boulevard-Schlagzeilen sind hier nicht die erste Wahl.
  • Ein Lebensmittelvorrat, der zwei Wochen Quarantäne ohne Magenknurren ermöglicht, ist sinnvoll, WC-Papier für zwei Jahre nicht.
  • Nehmen Sie die Lage ernst, aber lassen Sie sie nicht alle Lebensbereiche durchdringen.

Wie erklärt man Kindern das Coronavirus?

Im Umgang mit Kindern:

  • Bevor Sie mit einem verunsicherten Kind über das Virus sprechen, besänftigen Sie zunächst Ihre eigene Angst.
  • Fragen Sie nach, was das Kind gehört hat und was genau seine Angst auslöst.
  • Haben Sie Verständnis für seine Gefühle. Erzählen Sie ihm dann etwas über Krankheiten und die Möglichkeiten, uns zu schützen. Erwähnen Sie, dass viele Wissenschaftlerinnen und kluge Leute dabei sind, herauszufinden, wie die Krankheit behandelt werden kann.
  • Wenn unsere Kinder das Gefühl bekommen, die Welt sei total beängstigend, verlieren sie ihre Neugier und Unbefangenheit. Stellen Sie das Geschehen in einen Bezug. Erzählen Sie von Ihren Ängsten als Kind und von Krankheiten, die Sie bewältigt haben.
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Haben Sie psychische oder soziale Probleme?

Schreiben Sie per Mail an: christine.harzheim@beobachter.ch oder per Post an:

Christine Harzheim
Beobachter
Postfach
8021 Zürich

«Wissen, was dem Körper gut tut.»

Chantal Hebeisen, Redaktorin

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