«Scheisse.» Das eine Wort war für Claudia Sommer* das Quäntchen zu viel. Die Bildhauerin hatte ihrer Mutter froh erzählt, dass sie ihre Skulpturen in einer Ausstellung präsentieren könne, dass ihr eine bekannte Galerie eine Chance gebe. Zurück kam von der Mutter bloss: «Was? Deine Objekte sind Scheisse, das habe ich doch immer schon gewusst.» Aus «Chance» machte sie «Scheisse». Mit voller Absicht. 

«Gehts noch?», dachte Claudia Sommer empört. «Wieso macht mich meine Mutter runter, statt mir zu gratulieren?» Sie hatte schon länger gespürt, dass etwas in der Beziehung zu ihrer Mutter nicht stimmte. Nun wurde ihr schlagartig bewusst: Die Mutter hatte sie ihr Leben lang so behandelt. Immer wurde sie gedemütigt und beschimpft. Nie genügte sie. Aber jetzt reichte es. Sommer griff zur radikalsten Massnahme, die einer Tochter bleibt: Sie brach den Kontakt zu ihrer Mutter ab Kontaktverlust Wenn Eltern und Kinder nicht mehr miteinander reden . Das war an Ostern vor vier Jahren. Seither hat sie kein Wort mehr mit ihr gesprochen.

 

«Die Entscheidung, den Kontakt abzubrechen und dies auch durchzuziehen, gehört zum Schwierigsten, was eine Frau je tun kann. Letztendlich geht es darum, zwischen der Mutter und dem eigenen Wohlergehen zu entscheiden.»** 

 

Wenn Claudia Sommer an ihre Kindheit denkt, an die sensiblen Jahre als Heranwachsende, kommen ihr die immer gleichen Szenen in den Sinn: Ihre Mutter ist wütend, ohrfeigt sie und sagt Sätze wie «Du hast mein Leben versaut», «Ich hätte dich abtreiben sollen, als es noch ging» oder «Du bist schuld, dass es mir so schlecht geht». Sommer sagt: «Das macht einen kaputt.» Erst mit 16 beginnt sie, sich zu wehren. Sie habe ihrer Mutter gesagt: «Wenn du mir nochmals eine schmierst, knalle ich dir eine zurück.» Sie war damals schon grösser als ihre Mutter. Die körperlichen Züchtigungen hörten auf, die psychischen Verletzungen blieben.

 

«Mütter spielen im Leben ihrer Töchter lebenslang eine zentrale Rolle, egal, ob sie sich gegen sie positionieren oder nicht.»**

 

Für Claudia Sommer war der Kontaktabbruch eine Befreiung, obwohl sie noch lange mit Gewissensbissen zu kämpfen hatte. «Es ist ja doch meine Mutter. Normal ist, dass man seine Mutter liebt, zu ihr steht. Nicht, was ich gemacht habe», sagt sie. «Früher wollte ich, dass ich ihr etwas bedeute. Jetzt habe ich akzeptiert, dass dem nicht so ist.» Ihre Mutter habe sie unterdrückt, ihr weder Liebe noch Geborgenheit geschenkt. «Sie hat mich nie umarmt oder mich getröstet, wenn ich es gebraucht hätte. Sie hat gar nicht gemerkt, wenn es mir schlecht ging. Immer musste sie im Zentrum stehen», erzählt Sommer. Als Kind habe sie das nicht einordnen können, sie kannte ja nicht anderes. 

 

«Meine Mutter machte mich immer schlecht, um sich besser zu fühlen.»

Claudia Sommer, Künstlerin

 

Wahrgenommen, dass etwas schief ist, hatte sie schon. «Als ich zehn war, liebte ich die Blauringlager. Ich verstand nicht, wieso andere Kinder vor Heimweh weinten. Ich hatte nie Heimweh – im Gegenteil, ich wollte im Lager bleiben und nicht nach Hause zu meiner Mutter», erinnert sich Sommer. Niemand habe gewusst, was ihre Mutter ihr antat. «Nach aussen waren wir eine perfekte Familie», sagt die heute 44-Jährige. Mit Familie meint sie ihre Mutter und ihren Stiefvater. Ihren leiblichen Vater kennt sie nicht, die Mutter sagte ihr nie, wer er war Der Fall Auf der Suche nach den eigenen Wurzeln . «Meine Mutter wurde sehr jung schwanger. Sie macht mich für ihr verpfuschtes Leben verantwortlich», sagt Sommer. Es stimme einfach nicht, dass mütterliche Gefühle vom Tag der Geburt an da seien und nie mehr schwinden.

Der Muttermythos ist tief in unserer Gesellschaft verankert, schreibt die US-amerikanische Psychologin Susan Forward. Der Mythos besagt: Mütterliche Liebe ist selbstlos, die reinste Liebe überhaupt. Jede Mutter empfindet sie. Wer gegen den Mythos rebelliert, rührt an ein Tabu. Liebe und Zuwendung der Eltern sind für die gesunde Entwicklung eines Kindes zentral. Auch Söhne, die in ihrer Kindheit seelisch verletzt wurden, kennen Minderwertigkeitsgefühle Neid und Selbsthass Wie wird man zufrieden? , Panik und Wut. 

 

«Der Muttermythos ist eine wunderbare Tarnung für nicht liebende Mütter, die viel zu oft ungestört agieren, während ihre Ehemänner, die Angehörigen und die Gesellschaft jegliche Kritik an der Mutter zurückweisen.»**

Sommers Freunde und Freundinnen reagieren mit Unverständnis. Sie können nicht glauben, dass ihre Mutter so böse sei, dass sie den Kontakt abbrechen musste. «Am Bild der liebenden Mutter zu rütteln ist nicht erwünscht», sagt Sommer. «Meine Freunde waren peinlich berührt, wollten es gar nicht hören.» Einzig einige ihrer Verwandten verstehen sie, weil auch sie ihre «echte» Mutter kennen, die Person hinter der Fassade der attraktiven Frau und liebenden Mama. 

 

«Das Loch, das durch fehlende Liebe entstand, lässt sich nicht stopfen. Man kann nur lernen, damit umzugehen.»

Claudia Sommers Psychiater

 

Als Kind, wenn ihre beste Freundin zu Besuch kam, lobte die Mutter jeweils deren Klugheit und schöne Kleider. Wie stilvoll sie sich anziehe, ganz im Gegensatz zu ihrer unansehnlichen Tochter. «Meine Mutter machte mich immer schlecht, um sich besser zu fühlen. Lange war ich ein dankbares Opfer», sagt Sommer. Sie habe tatsächlich geglaubt, dass sie halt einfach nicht gut genug sei, dass sie hässlich und dumm sei. «Mein Selbstwertgefühl war gleich null.» Sie sei sehr verletzt gewesen, habe aber nicht gewusst, was tun. «Es machte mich traurig zu sehen, wie es meine Freundinnen bei ihren Familien daheim hatten. So anders als bei mir.»

Das Verhalten der Mutter ist typisch für Narzissten, das wisse sie heute. «Ich googelte einmal nach ‹dominante Mutter› – und stiess auf die Website ‹Töchter narzisstischer Mütter›. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich sah, was meine Mutter war: eine total selbstbezogene Person, unfähig zu lieben und nur mit sich selber beschäftigt.»

 

«Junge Töchter narzisstischer Mütter lernen, dass, wenn immer sie im Mittelpunkt stehen, ihre Mütter ebenso ins Rampenlicht treten müssen. Diese Töchter gewöhnen sich daran, zur Seite geschubst, als Anhängsel behandelt zu werden oder im langen Schatten der Mutter zu verblassen. Ihr Selbstvertrauen verpufft. An erster Stelle stehen immer die Bedürfnisse, das Ego und der Komfort der Mutter – nicht die eigenen.»**

 

Sommers Therapeut sagt, dass das Loch, das durch die unterlassene Liebe erzeugt wurde, sich nicht stopfen lässt. «Man kann nur lernen, damit umzugehen», so der erfahrene Psychiater. Nach der Ausbildung zur Innendekorateurin zieht Sommer so schnell wie möglich von zu Hause weg. Seither lebt sie in einer Grossstadt. «Ich fing an zu rauchen. Eine Droge, der ich lange treu geblieben bin.» Sie geriet oft an die falschen Männer – und an Frauen, die sie ausnützten. «Mich faszinieren exzentrische Menschen. Ich fühle mich angezogen von starken Persönlichkeiten, Schauspielern oder Politikern, auch wenn ich weiss, dass sie mir oft nicht guttun.» 

Mit 24 geht sie zum ersten Mal zu einer Therapeutin. Als sie Sommer fragt, warum sie da sei, sagt sie: «Ich möchte mehr Selbstvertrauen kriegen, selbstbewusster werden Erziehung So stärken Sie das Selbstbewusstsein des Kindes .» Damals sei ihr nicht klar gewesen, warum sie sich so schlecht fühlte, worunter sie eigentlich litt. Fehlende Mutterliebe hinterlässt Spuren, die einen oft als Erwachsene einholen. «Ich musste meine Familiensituation auf ein weisses Blatt Papier zeichnen. Ich malte ein Goldfischglas mit drei orangefarbenen hübschen Fischen. Mein Ich-Fisch war ganz klein.» Ihre Familie, gefangen im Glas. Sie habe mit der Zeichnung wohl zeigen wollen, dass von aussen alles schön aussehen kann – aber nicht so sein muss.

 

«Auf Töchter wird enormer Druck ausgeübt, nicht über die verbalen, emotionalen oder gar körperlichen Grausamkeiten aus ihrer Vergangenheit zu sprechen. Sie lernen, die Wahrheit totzuschweigen, herunterzuspielen und anzuzweifeln.»**

 

Claudia Sommers Mutter ist seit kurzem todkrank. Sommer weiss nicht, was sie tun soll. Einerseits hat ihr der Abbruch des Kontakts ein neues Leben geschenkt, anderseits lässt sie der Gedanke an ihre leidende Mutter nicht los.

*Name geändert

**aus Susan Forwards Buch «Wenn Mütter nicht lieben». Susan Forward ist eine US-amerikanische Psychologin, die seit mehr als 35 Jahren Frauen therapiert, die von ihren Müttern emotional verletzt wurden. Forward selber litt unter einer solchen Mutter.

«Woche für Woche direkt in Ihre Mailbox»

Birthe Homann, Redaktorin

Woche für Woche direkt in Ihre Mailbox

Der Beobachter Newsletter