Herr Jäncke, das Bewusstsein entzieht sich bisher einer wissenschaftlichen Erklärung. Können Sie uns trotzdem sagen, was Bewusstsein ist?
Lutz Jäncke: Derzeit gibt es tatsächlich keine über alle Disziplinen hinweg akzeptierte Definition. Eine allgemeine Beschreibung des Bewusstseins würde ich als das Erleben von mentalen oder psychischen Zuständen beschreiben. Mentale Zustände sind zum Beispiel Denken, Wahrnehmung, Fühlen und Handeln. Immer wenn wir diese Zustände erleben und beschreiben können, sprechen wir von Bewusstsein. Alles, was wir nicht erleben, ist eben unbewusst.


Und was davon ist im Gehirn messbar?
Mit modernen neurowissenschaftlichen Methoden messen wir Hirnaktivitäten, die mit psychologischen Funktionen verbunden sind, die uns in über 90 Prozent der Fälle nicht bewusst sind. Wichtig ist aber, dass aus der Sicht der Neurowissenschaften das Bewusstsein wie auch das Unbewusste durch neurophysiologische Prozesse erzeugt werden. Ohne Aktivität des Nervensystems gibt es weder Bewusstsein noch das Unbewusste.

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Das heisst, unser Geist und also unser Hirn kreieren uns in gewisser Weise. 
So sehe ich das auch. Unser Gehirn erzeugt alles Denken, Fühlen und Handeln; sowohl das Bewusste wie auch das Unbewusste. Entscheidend ist dabei, dass unser Gehirn formbar angelegt ist, so dass Erfahrungen und Lernen sich auch in neurophysiologischen und neuroanatomischen Veränderungen niederschlagen.


Können wir uns denn umprogrammieren durch positives Denken Positive Psychologie Warum man Glücksmomente intensiv geniessen sollte , wie es früher genannt wurde, oder Inner Engineering?
Ja, das ist in der Tat möglich. In unserem Gehirn ist vieles gespeichert, was wir in unserem Leben erlebt haben. Hinzu kommt, dass unser Gehirn ständig versucht, die Welt auf der Basis der gespeicherten und gerade anliegenden Informationen zu interpretieren. Das bedeutet, dass diese Interpretationen höchst individuell sind. Fügen wir dem Interpretationsapparat Gehirn neue Informationen hinzu, wird das Ergebnis anders ausfallen. Das nennt man Lernen und Erfahrung.


Was können wir über unser Gehirn aussagen?
Unser Gehirn ist ein faszinierendes Organ. Es ist sehr klein und macht nur zwei Prozent des Körpervolumens aus. Es verfügt über zirka 80 Milliarden Nervenzellen. Jede Nervenzelle ist mit mindestens 10'000 anderen Nervenzellen verbunden. Das Gehirn ist also ein ungeheuer grosses Nervenzellnetzwerk – das einen Fünftel der Gesamtenergie des Körpers verbraucht.


Gilt das auch, wenn wir geistig nichts Forderndes tun?
Ja, diese Energie verbraucht das Gehirn in Ruhe, wenn wir also nichts tun. Wenn Sie anstrengende geistige Tätigkeiten ausführen, nimmt der Energieverbrauch nur um maximal ein bis fünf Prozent zu.

«Wenn Sie kreativ sein wollen, dann müssen Sie auch mal hinter die Kulissen schauen.»

Lutz Jäncke, Hirnforscher

Sie schreiben in Ihrem Buch «Von der Steinzeit ins Internet», dass unser Gehirn nur ein Millionstel der Informationen, die jede Sekunde eintreffen, bewusst verarbeiten kann. Was ist mit dem Rest?
Dass wir nur den kleinsten Teil bewusst wahrnehmen, ist erst mal eine Erkenntnis, die uns zu denken geben sollte. Was mit dem Rest passiert, können wir nicht präzise sagen. Der grösste Teil der Informationen, die auf unser Gehirn einprasseln, wird also nicht beachtet. Wir gehen aber davon aus, dass trotzdem ein grosser Teil irgendwie den Weg ins Unbewusste findet. Aber der grösste Teil dürfte verlorengehen.


Trotzdem erinnern wir uns ja mitunter an Dinge, von denen wir nie geglaubt hätten, dass wir sie uns merken können.
Ja, ich vergleiche das gern mit einer Taschenlampe. Da, wo es in einem Moment gerade hell ist, kriegen wir sehr vieles mit. Darum herum ist Finsternis. Dieses Phänomen zeigt uns, dass wir sehr selektiv durch die Welt marschieren und vieles gar nicht mitbekommen.


Kann man das ändern und das Gehirn trainieren?
Ja, dafür muss man die Taschenlampe auch dahin richten, wo man es nicht gewohnt ist, hinzuschauen. Ein Perspektivenwechsel hilft uns, das zu trainieren. Das beginnt schon in der Kommunikation. Wenn man sich etwa in die Welt des Partners versetzt und versucht, sie mit seinen Augen zu sehen, dann sieht einiges anders aus.


Können unbewusst gespeicherte Informationen helfen, anders zu denken?
So ist es, aber dafür müssen wir den bequemen Weg verlassen. Denn wir haben in unserem Gehirn gewissermassen Faustregeln hinterlegt, die uns helfen, die Welt zu interpretieren. Dazu gehört eben auch, dahin zu schauen, wo wir uns auskennen, wo wir gelernt haben, dass es sicher ist. Aber wenn Sie kreativ sein wollen So entsteht Kreativität im Gehirn «Ein kreativer Akt par excellence» , andere Menschen verstehen wollen, dann müssen Sie auch mal hinter die Kulissen schauen. Und dafür muss man die Anstrengung leisten, die Perspektive zu wechseln.


Oft wird ja salopp gesagt, wir bräuchten nur einen kleinen Teil des Gehirns. Dabei müssten wir nur versuchen, mehr Türen zu öffnen.
Richtig. Das Gehirn verwendet 90 bis 95 Prozent der Aktivität von Nervenzellen auf Prozesse, die uns nicht bewusst werden. Es arbeitet also vorwiegend unbewusst. Aber dieses enorm grosse Neuronennetzwerk kann flexibel je nach individuellen Anforderungen unterschiedlich zusammengeschaltet werden. Dies eröffnet uns sehr viele Möglichkeiten, dynamisch und flexibel Netzwerke zu erstellen, und ist damit die Grundlage unserer Individualität.


Durch die Digitalisierung ist Multitasking Stress durch Multitasking «To-do-Listen sind gefährlich» heute gang und gäbe geworden. Hat das einen Effekt auf unsere Fähigkeit, Dinge gleichzeitig zu verarbeiten – oder trifft das Gegenteil zu?
Eher das Gegenteil, leider. Weil wir Menschen von Natur aus keine Multitasker sind. Wir sind zum konzentrierten Fokussieren auf das Wesentliche konstruiert. Wenn wir beispielsweise den ganzen Tag von einer Information zur andern wechseln, aufs Handy schauen, TV-Kanäle wechseln und dazu noch mit jemandem reden, bombardieren wir unser Gehirn mit zu vielen Informationen gleichzeitig. Dann stellt es – ausser bei wenigen entsprechend trainierten Menschen – auf einen Lazy-Modus. Wir werden Sklaven der Reize und reagieren nur auf die Informationen, die wir super oder toll finden. Die Google-Suche spuckt so viele spannende Reize aus, dass wir zig Dinge anklicken und oft bald nicht mehr wissen, was wir anfänglich gesucht haben.


In einem Selbstversuch zeigten Sie, wie Vivaldis «Vier Jahreszeiten» in Ihrem Gehirn alle Regionen aktivierte. Wie erklären Sie das?
Wenn ich diese Musik höre Die Macht der Klänge Was im Körper passiert, wenn wir Musik hören oder machen – und zwar in einem meiner Labore auf einem bequemen Stuhl sitzend, das Licht ausgeschaltet –, dann erkennt man, dass neurophysiologische Erregungswellen mein ganzes Gehirn erfassen. Da werden neben dem Hörkortex der Sehkortex, das Riechhirn, motorische Areale und viele andere Hirngebiete aktiv. Und das passt sehr gut zu meinen Gedanken, die beim Hören dieser Musik in meinem Gehirn generiert werden. Wenn ich den Herbst von Vivaldis «Vier Jahreszeiten» höre, sehe ich die farbigen Blätterwälder des Indian Summers vor mir. Ich habe den Geruch der von den Bäumen gefallenen und faulenden Blätter in meiner Nase. Ich empfinde die Ermüdungserscheinungen in meiner Muskulatur. Dies sind alles Erfahrungen, die ich Mitte der Neunzigerjahre in Connecticut gemacht habe.


Das heisst, Musik kann als eine Art Trigger gespeicherte Erinnerungen hervorrufen.
Jedes Mal, wenn ich diese Musik höre, erinnert sich mein Gehirn an meine Zeit in Boston. Die neurophysiologischen Erregungen finden in Hirngebieten statt, in denen diese Bewusstseinsinhalte gespeichert sind. Durch die Musik werden diese Hirngebiete aktiviert und erzeugen die Wahrnehmungen, die ich empfinde. Man erkennt daran, wie im Gehirn Vernetzung wirkt und Assoziationen erzeugt werden können. 


Helfen solche Hirnscans, besser zu verstehen, wie unser Hirn funktioniert?
Natürlich! Um das Gehirn zu verstehen, müssen wir dem Gehirn quasi bei der Arbeit zuschauen. Wir müssen lernen, seine Sprache zu verstehen. Dazu dienen diese Hirnscans.

Der Mensch wächst aus einem Embryo, also aus einem winzig kleinen Zellhaufen. Irgendwann wird ein Fötus daraus, es bildet sich ein Gehirn, das etwa Stimmen wahrnehmen kann. Wie und wann tritt Bewusstsein ein?
Das ist eine Frage, die wir bis heute nicht perfekt beantworten können. Fest steht aber, dass die Nervenzellen, die sich aus dem Zellhaufen entwickeln, ein Gehirn beziehungsweise ein neuronales Netz formen, das uns unser Bewusstsein schenkt. Wie ich schon sagte: Ohne Nervenzellen passiert gar nichts. Sie sind essenziell für unser Denken, Fühlen, Wahrnehmen und Handeln.


Warum erwacht Materie scheinbar plötzlich zum Leben mit einer eigenen Wahrnehmung?
Auch diese Frage können wir bis heute eigentlich nicht wirklich beantworten, ohne ins Spekulative abzugleiten. Das Bewusstsein gibt uns die Fähigkeit, uns als Individuum zu sehen. Ich denke, das ist der wichtige Punkt. Sich als Individuum zu sehen, ist eine Grundvoraussetzung, um in Gruppen verantwortungsvoll mit sich und den Gruppenmitgliedern umzugehen.


Ergibt sich – unter gewissen Voraussetzungen – automatisch so etwas wie Bewusstsein?
Auch wenn Sie das erstaunt oder gar erschreckt: Ich gehe davon aus, dass Bewusstsein durch ein bestimmtes Zusammenspiel der vielen Nervenzellen entsteht. Wir erkennen das an den Hirnaktivitäten, die mit bewussten Erfahrungen einhergehen. Sie fallen durch eine besondere Intensität und Netzwerkstruktur der Nervenzellaktivität auf. Mit anderen Worten: Es ist die Art der Hirnaktivierungen, die mit Bewusstsein einhergeht. Wichtig hierbei ist: Nervenzellnetzwerke benötigen eine kritische Grösse, damit sie das menschliche Bewusstsein generieren können.

«Ob ein Wurm oder eine Eintags­fliege über ein Bewusstsein verfügen, ­wage ich zu bezweifeln.»

Lutz Jäncke, Hirnforscher

Wo könnte man denn eine Grenze ziehen zwischen Lebewesen mit und ohne Bewusstsein? 
Ich gehe davon aus, dass auch Tiere über ein Bewusstsein verfügen. Wir sprechen von einem Protobewusstsein, einem Vorbewusstsein. Manche Tiere verfügen über diese Form des Bewussten in einem besonderen Ausmass, andere nur ansatzweise. Alle Primaten sind sicherlich bewusstseinsfähig. Viele erkennen sich und andere auf Fotografien und im Spiegel. Sie verfügen über ein Gefühl der Individualität und können die Individuen ihrer Gruppe gut unterscheiden. Ich vermute, dass auch Hunde über eine Grundform des Bewusstseins verfügen. Es ist sicher nicht so komplex wie bei uns, aber sie verfügen über ein Bewusstsein. Ob ein Wurm oder eine Eintagsfliege über ein Bewusstsein verfügen, wage ich zu bezweifeln. Denn ihre Gehirne sind sehr klein und verfügen über relativ wenige Nervenzellen – wohl über zu wenige für Bewusstsein.


Wenn das Erkennen von Nachkommen ein Zeichen für Bewusstsein ist, müsste dann auch Bäumen, die ihre Jungpflanzen gezielt mit mehr Nährstoffen versorgen, eine Art Bewusstsein zugebilligt werden?
Pflanzen verfügen nicht über Nervenzellen, die zusammengeschaltet werden können. Sie können bloss elektrische Signale leiten. Insofern fehlt ihnen die grundsätzliche Voraussetzung für das Bewusstsein: ein differenziertes, weit verteiltes, grosses und flexibles Neuronennetzwerk.


Leitet sich daraus ab, wie Gedanken entstehen, die uns ja manchmal zuzufliegen scheinen?
Ja, auf jeden Fall. Diese Gedanken entstehen aufgrund von Aktivitäten in Nervenzellgeflechten, die durch neurophysiologische Erregungswellen erfasst werden, um dann eine bestimmte Aktivierungsstärke und -dauer zu erreichen.


Entscheide fällen wir teils Sekundenbruchteile vor dem bewussten Entscheid. Wie viel Raum bleibt denn für wirklich eigene Entscheidungen?
Ist das nicht auch eine eigene Entscheidung, wenn unser Gehirn schon vorbewusst Entscheidungen trifft? Diese Entscheidung entsteht doch aufgrund der in unserem Gehirn gespeicherten individuellen Erfahrungen. Das bedeutet, dass auch die unbewusst getroffenen Entscheidungen unsere Entscheidungen sind.


Wo aber beginnt der freie Wille?
Wir verfügen über den sogenannten freien Willen, denn wir nehmen ihn ja bewusst wahr. Aber oft hat er nicht die Funktion, die wir ihm zuschreiben. Wir glauben ja, dass der bewusst werdende, freie Wille unseren Entscheidungen vorausgeht, sie also auslöst. Das ist aber in der Regel nicht der Fall. Der bewusst empfundene freie Wille ist bestenfalls eine Begleiterscheinung unserer Entscheidungen. Sie werden durch unbewusst bleibende neuronale Erregungen eingeleitet, ausgelöst und gefolgt.


Das klingt eher nach Intuition.
Intuition ist ein unbewusster oder halbbewusster Vorgang. Dabei bahnt sich eine neuronale Erregung, die eine Entscheidung vorbereitet, zaghaft ihren Weg in unser Bewusstsein.


Wenn Bewusstsein bloss eine Abfolge von Ergebnissen aus Erfahrungen sein sollte, würden Sie sagen, dass auch künstliche Intelligenz ein Bewusstsein entwickeln könnte?
Ich vermute ja. Menschliches Bewusstsein entsteht durch Hirnaktivität. Die Nervenzellen des Gehirns arbeiten gemäss biophysikalischen Gesetzen. Wieso sollte ein künstlich erstelltes neuronales Netz nicht auch Bewusstsein erzeugen?


Im Panpsychismus geht man davon aus, dass Bewusstsein genauso wie Raum und Zeit zur Grundausstattung des Kosmos gehört.
Ich kenne diese Spekulation. Ich vermeide hier bewusst das Wort «Theorie», denn der Panpsychismus kann nicht bewiesen oder widerlegt werden. Die Idee ist witzig, aber ich sehe keine echte Beziehung zur modernen Hirnforschung.


Was, wenn alles nur eine Manifestation von etwas Höherem, letztlich Geistigem wäre?
Interessante These – aber das untersuchen Hirnforscher nicht. Wir beschäftigen uns mit dem Gehirn der Menschen oder der anderen Tiere, um die Fähigkeiten dieser Gehirne zu verstehen. Was für uns vor allem wichtig ist, ist die Suche nach Möglichkeiten der Behandlung von neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen, die durch Ausfall oder Beeinträchtigung eben der Nervenzellverbände entstehen. Wir interessieren uns auch für die Optimierungsmöglichkeiten des Gehirns. Ich denke, dass dies die wichtigen Fragen sind, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen. Gerade die moderne Zeit und vor allem die Zukunft konfrontieren den Menschen mit enormen, nie dagewesenen Herausforderungen, die wir bewältigen müssen. Da wären Optimierungen des Gehirns durchaus interessant und vielleicht auch wünschenswert.

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Zur Person

Lutz Jäncke, 64, ist Professor für Neuropsychologie und lehrt an der Universität Zürich. Der Autor zahlreicher Bücher wurde in Wuppertal geboren, hat zwei erwachsene Söhne und lebt mit seiner Partnerin, der Neuropsychologin Petra Jäncke, in Zürich.

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Quelle: Beobachter Bewegtbild

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