«Ich verspäte mich um fünf Minuten, sorry», stand in der Nachricht. Ich spazierte noch eine Runde um den Block, zum Glück regnete es nicht. Dann kam er und sagte: «Ich war grad noch in einer Tantramassage, ah, es war so geil.» 

Zur Person

Das ist Herr Brunner, Anfang 40, aufgestellt, herzlich, süchtig. Ich begleite ihn seit sieben Monaten und besuche ihn einmal wöchentlich, um ihm beim Administrativen zu helfen. 

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Wir klären jeweils im Erstgespräch, was denn der Bedarf ist, wo sich jemand Unterstützung wünscht. Er braucht eben Hilfe mit den Papieren. Oft weht es Bussen rein. 

Die schönste Antwort

Er will nicht so viel über seine Gefühle reden, das ist auch in Ordnung. Dennoch fragte ich ihn mal: «Bist du zufrieden mit deinem Leben?» Und er sagte: «Oh ja, ich könnte heute sterben, ich hab so ein geiles Leben.» Und ich war baff, denn es kam so von Herzen, es war so ehrlich, und es war die schönste Antwort auf diese Frage, die man sich vorstellen kann. 

Das regte mich zum Denken an. Was ist es denn? Warum bewertet er sein Leben so positiv? Und überhaupt: Was ist ein gelungenes Leben? Ja, tatsächlich, da drängte sich die Gretchenfrage auf, denn: Er hat so viele Probleme, er war erst kürzlich zum Entzug in einer Klinik und braucht jetzt mich, also eine psychosoziale Spitex. Warum also ist er so happy? Nicht, dass ich ihm das nicht gönnen würde, aber warum? 

Erich Fromm sagt, dass krank ist, wer gesund ist, und gesund ist, wer krank ist, denn der fühlt noch etwas. Der traut sich noch, hinzuschauen, hinzuspüren. Froh kann sein, wer noch ein Symptom hat und noch nicht so ein funktionierender Robotermensch ist. Ist es das? Vielleicht auch – ein Stück weit, ja.

Im Reinen sein – auch wenn nicht clean

Aber zurück zu Herrn Brunner. Er ist so happy, weil er es ist. Weil er Freundschaften pflegt. Weil er offen ist und Neues ausprobiert, zum Beispiel das Malen von Bildern. Er kocht leidenschaftlich und gesund, er macht Sport, er hat Sex, ja, nicht wenig, und er ist mit sich im Reinen.

Er ist kein Süchtiger, der anderen die Schuld gibt dafür, und er ist kein Süchtiger, der nicht sieht, dass er süchtig ist. Er weiss es, er ist im Reinen, was nicht heisst, dass da keine Probleme sind. Er versucht, einen Umgang damit zu finden, und schaut das Leben als sportliche Herausforderung an. Mit viel Humor. Und wenn er lacht, lacht er laut. So, wie er lebt.

Ich bin Fan von ihm. Selbst wenn grad die Steuerrechnung hereinschneit und er keine Ahnung hat, wie er diese bezahlen soll. Wir erledigen dann zusammen Anrufe, legen die Blätter in Ordnern ab und schaffen so ein bisschen Ordnung. Orientierung. Er wird nervös, klar, manchmal auch mal etwas ungehalten, aber er schmunzelt dann bald wieder und findet, das Ganze sei wie ein Monopoly-Spiel. 

Es ist nicht so sehr das Was, es ist das Wie. Und das beherrscht Herr Brunner ganz ausserordentlich. 
 

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