Leserfrage: «Viele meiner Freunde haben Kinder. Einladungen werden oft zu einem ‹Kindergarten›. Das nervt. Was tun?»

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Antwort von Christine Harzheim, Psychologin FSP und systemische Familientherapeutin:

Mein Rat für Sie: Haben Sie Geduld! Spätestens in 15 Jahren, wenn die Eltern beginnen, sich brennend nach einer erneut kinderlosen Zeit zu sehnen, werden Sie und Ihre Freunde wieder zueinanderfinden…

Aber ernsthaft: Kinder machen tatsächlich einen grossen Unterschied aus. Von einer Horde von ungebundenen, ungezwungenen gut 20-Jährigen mit scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten «kippen» im Lauf der Jahre erst Einzelne, dann immer mehr auf die andere Seite: Sie beenden ihre Ausbildung, binden sich dauerhaft – und gründen Familien. Die Kluft zwischen jenen mit Kindern und jenen ohne Kinder kann immens sein Beziehungen Kind da, Freunde weg .

Man hat sich irgendwie verloren und hofft doch, dass alles beim Alten bleibt.

«Es wird erwartet, dass der Jö-Effekt von kleinen Kindern bei allen wirkt.»

Christine Harzheim, Psychologin FSP und systemische Familientherapeutin

Bei den Zurückgebliebenen macht sich mit der Zeit eine gewisse Fassungslosigkeit breit. Sie schauen zu, wie die jungen Eltern mit der Geburt plötzlich wehrlos zu versinken scheinen in eine Welt, in der nichts Cooles, nichts wirklich Erwachsenes und Freies mehr stattfindet. Stattdessen Müdigkeit, Windelsorten und Selbstaufgabe.

Wie kann das sein? Was passiert hier?

Säuglinge sind über eine lange Zeit auf allumfassende Fürsorge angewiesen. Sie könnten sonst nicht überleben. Gesichert wird dieses Rund-um-die-Uhr-umsorgt-Werden durch angelegte Bindungsmuster bei den Kleinen; bei den Grossen wirkt das, was man Kindchenschema oder Jö-Effekt nennt. Diese biologisch stark wirkenden Muster garantieren, dass das Kind auch in Momenten, in denen die Liebe überstrapaziert wird – in schlaflosen Nächten Erschöpfung Wie finden Eltern genügend Schlaf? , bei stundenlangen Schreiattacken und so weiter –, keinen Schaden nimmt.

Es ist also überaus wichtig und sinnvoll, dass Eltern sich hier ein Stück weit der Selbstaufgabe hingeben.

Erste Zähne statt Prosecco

Kompliziert wird es, wenn Eltern von ihren alten (und kinderlosen) Kolleginnen und Kollegen erwarten, dass diese die neue Sicht dessen teilen, was im Leben wirklich zählt. Sie laden ein zu Kindergeburtstag, Erste-Zähne-Gesprächen und Ausflügen mit Wickeltasche statt Spass und Prosecco.

Gesellschaftlich wird erwartet, dass der Jö-Effekt bei allen Erwachsenen wirkt. Grundsätzlich sollte man Kinder mögen, alles andere wirkt unschön.

Tatsächlich ist dem aber nicht so. Wie im Tierreich wirkt der Welpenschutz meist nur im eigenen Rudel. Auch Comedian Hazel Brugger, die seit einem knappen Jahr Mutter ist, sinniert in einem ihrer Podcasts, ob es nicht mit der Zuneigung zu Kindern so ist, dass man zwar beim eigenen Nachwuchs plötzlich komplett in einen irrationalen Verzückungszustand verfällt, aber eben nur gegenüber diesem einen Kind und nicht gegenüber Kindern an sich. Die der anderen lassen einen oft eher kühl.

Wunde Punkte ansprechen

Was kann man nun tun, wenn sich wegen der Kinderfrage ein Graben auftut zwischen ehemals Vertrauten?

Fakt ist, dass sich an diesem Punkt viele Freundschaften verändern. Sie gehen auseinander oder werden zu Fernbeziehungen. Die Frage ist, wie gut wir mit solchen Veränderungen umgehen können, wie tolerant und verständnisvoll wir wirklich sind. Auch andere Ereignisse können plötzlich ein Leben auf den Kopf stellen und damit das Beziehungsgefüge verändern. Eine neue Partnerschaft, eine Erkrankung oder ein Auslandaufenthalt .

Hier ist es wichtig, sich bewusst zu machen, was für Erwartungen und Wünsche man an die Freunde hat. Was man befürchtet. Das gilt für Eltern und Nichteltern.

  • Wie geht es mir, und wie sieht das beim anderen aus?
  • Was steht zwischen uns?
  • Was können wir aussprechen und klären, und was sind wunde Punkte, die das Ganze gefährden?

Es lohnt sich, hier ohne Furcht den ersten Schritt zu wagen und das Thema anzusprechen. Es geht nicht um Entweder-oder, sondern darum, sich unter neuen Bedingungen aufrichtig zu begegnen.

Aus Gewohnheit einen Kontakt aufrechtzuerhalten, der uns nicht mehr entspricht, und uns dann nach jedem Treffen zu empören oder lustig zu machen, ist nicht fair.

Freundschaften können auch Zeiten auf Eis überstehen. Man geht vorübergehend getrennte Wege. Nicht weil man sich nicht mehr mag, sondern weil die Lebenswelten aktuell nicht mehr übereinstimmen.

Vielleicht lebt die verschworene Gemeinschaft aus vergangenen Zeiten dann wieder auf, wenn die Beteiligten in den Fünfzigern oder Sechzigern sind.

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