Leserfrage: «Mein bester Freund hat politisch komplett andere Ansichten als ich. Wie gehe ich damit um?»

Ein Thema, das wir alle bestens kennen. Man ist vielleicht seit der Jugend befreundet Beziehungen Beste Freunde , ist zusammen erwachsen geworden, trifft sich auch heute noch regelmässig, geht gerne zusammen wandern, tauscht sich dabei aus über den Beruf, die Partnerschaft, Sport und Reisen. Und merkt dann plötzlich, dass die Ansichten in Sachen Politik heute recht unterschiedlich sind. Zum Beispiel bei den Themen Migration, Klima  oder der Rolle des Staats – sie alle verleiten zur Polarisation.

Zuerst möchte ich aber noch auf etwas eingehen, worüber ich in Ihrem Schreiben gestolpert bin. Sie beschreiben sich als Mann Mitte 40, und Sie sprechen von einem besten Kollegen, mit dem Sie einiges unternehmen, aber mit dem Sie vor allem auch Gespräche «über vieles» führen.

Echte Männerfreundschaften sind selten

Ist Ihnen bewusst, wie selten das ist Facebook und Freundschaften «Gibt es noch echte Freunde?» ? Studien zeigen klar, dass Männer über 30 selten Freundschaften zu anderen Männern aufrechterhalten – und emotional recht isoliert sind. Emotionales wird fast nur innerhalb der Partnerschaft thematisiert. 

Es geht hier nicht einmal darum, ob Männer ihren besten Freunden, Kollegen oder Kumpels davon erzählen, dass es in der Beziehung kriselt Partnerschaft Kind da, Liebe weg , der Job auf der Kippe steht oder Prostatakrebs vorliegt. Nein, es geht darum, dass es gar kein männliches Gegenüber gibt, mit dem sie etwas thematisieren könnten, das über Smalltalk hinausgeht. 

Freundschaft auch bei Meinungsverschiedenheit aufrecht erhalten

Der November heisst ja neuerdings auch Movember und ist der Monat der Männergesundheit. Da geht es primär um Prostata- und Hodenkrebs Prostatakrebs Das Leiden der Männer . Eigentlich müsste aber auch psychische Gesundheit Psychische Krise «Nichts tun ist immer falsch» thematisiert werden. Alkoholmissbrauch, Depression und Suizid sind eben auch Themen, die für Männer eine grosse Relevanz haben. Und diese Themen haben mit emotionaler Reserviertheit und Vereinsamung zu tun. Soziale Einbettung sollte breit sein, in einer möglichen Partnerschaft, am Arbeitsplatz, über Hobbys, und es sollte eben auch ein paar langjährige Freundschaften geben, in denen Tiefe möglich ist.

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Mein Hauptratschlag ist, dass Sie die Freundschaft aufrechterhalten. Ich würde die Schwelle relativ hoch ansetzen, bei der ich aufgrund von politisch unterschiedlichen Ansichten eine Beziehung abbrechen würde. Warum? Wir leben in einer polarisierten Welt.

«Wir profitieren besonders von jenen Menschen, die die Welt gerade anders sehen als wir.»

Thomas Ihde, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH

 

Die Polarisierung hat verschiedene Gründe. Wir haben heute eine hohe Selbstbestimmung, wählen, wo wir mit wem wohnen. Das führt aber halt auch zu noch grösseren Unterschieden zwischen einem Stadtquartier, einer Vorortsgemeinde und einem kleinen Dorf mit weniger Durchmischung. Selbstbestimmung ist etwas Wichtiges, hat aber auch gewisse Nachteile. 

Zugleich führen ja beispielsweise Computeralgorithmen Big Data Die unheimliche Macht der Algorithmen dazu, dass wir online vor allem das zu sehen bekommen, was unseren Interessen oder Ansichten entspricht. Auch hier gibt es also weniger Durchmischung.

Andere Meinungen können befruchtend sein

Durchmischung ist aber etwas Wichtiges, Bereicherndes, Mässigendes und Verbindendes. Wir profitieren schon auch von Menschen, die die Welt genauso sehen wie wir, aber eben auch besonders von jenen, die sie gerade anders sehen. Aber nur im direkten Kontakt – online funktioniert das nicht. 

Der Kontakt mit Ihrem Kollegen kann also für beide befruchtend sein. Er reduziert bei beiden auch das Risiko, dass politische Gedanken sich verselbständigen und man die Bodenhaftung verliert. Dazu braucht es aber auch eine Diskussionskultur mit gegenseitiger Achtung und gegenseitigem Interesse.

Neugierig Fragen stellen

Die Meinung des anderen ändert man übrigens nicht durch ein überzeugendes Argument, das perfekt vorgetragen wird. Man ändert sie durch eine interessierte, neugierige Frage, durch die sich das Gegenüber nicht in die Enge getrieben fühlt, und die es zum Reflektieren bringt.

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Setzen Sie aber auch Grenzen. Wenn die Aussagen des besten Kollegen fundamental Ihren Kernwerten widersprechen, müssen Sie auch Stellung beziehen. Teilen Sie ihm mit, dass Sie seine Aussagen als sehr stossend erleben und so eine Freundschaft für Sie nicht mehr möglich ist. Fragen Sie ihn, wie er es erlebt. Geben Sie ihm etwas Bedenkzeit und suchen Sie nach ein paar Wochen nochmals das Gespräch. Falls sich nichts verändert hat, brauchen Sie einen neuen Wanderpartner.

Haben Sie psychische oder soziale Probleme?

Schreiben Sie per Mail an:
thomas.ihde@beobachter.ch

Oder per Post an:

Thomas Ihde
Beobachter
Postfach
8021 Zürich

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