Frage eines Lesers: «In meinem Team wird so viel gelästert. Mich stresst das. Wie kann ich mich schützen?»

Besten Dank für Ihr offenes Schreiben. Sie sind schon zwölf Jahre bei der Firma, die Arbeit gefällt Ihnen also. Vieles hat sich verändert über die Jahre, gewisse Sachen sind besser geworden, andere schlechter.

Eigentlich gefallen Ihnen aber nur gewisse Teile Ihrer Arbeit: die effektiven Aufträge, die zu erledigenden Aufgaben und die Zufriedenheit der Kundschaft. Dazu kommen Sie aber manchmal kaum, weil ständig Mitarbeitende an Ihr Pult treten – und tratschen.

Geschlagene zwanzig Minuten müssen Sie dann zuhören, wie der Mitarbeiter X über Mitarbeiter Y und die Chefin Z herzieht. Nach einer Stunde wiederholt sich das Ganze, einfach diesmal mit der Mitarbeiterin A, der über die Mitarbeiterin B oder den Chef C lästert.

Sie selbst bezeichnen sich als eher scheu Netzwerke Frau Schüüch wird kühn , Sie möchten niemanden vor den Kopf stossen und fühlen sich dann verpflichtet, zuzuhören. Am schlimmsten ist für Sie, dass das Gegenüber oft den Eindruck hat, dass Sie dem Lästernden beipflichten, nur weil Sie ab und zu aus Freundlichkeit mit dem Kopf nicken.

Grund für Ihr Schreiben war eine Serie von Albträumen, in denen Ihre beste Arbeitskollegin vor dem ganzen Team vorlas, was Sie angeblich alles über andere gesagt hatten. Im Traum wurden Sie so rot wie ein Radieschen, die Mitarbeitenden bewarfen Sie mit Büromaterial, und Sie mussten schliesslich vor dem Mob aus dem Bürogebäude flüchten.

Warum lästern Menschen eigentlich?

Bevor wir aber zu den Tipps übergehen, möchte ich das Lästern ein bisschen beleuchten:

Lästern hat mehrere Aspekte. Fast der wichtigste ist paradoxerweise der Beziehungsaspekt. Lästern ist der Versuch, eine Bindung zwischen zwei Personen Betriebsklima Wenns am Arbeitsplatz menschelt zu stärken, indem über Dritte beziehungsweise Abwesende gesprochen wird. Gestärkt wird also ein «Wir», indem über «die anderen» gesprochen wird. Dabei ist das Inhaltliche oft gar nicht so wichtig, und so sehen Sie den Mitarbeiter X später beim Mittagessen mit dem Mitarbeiter Y lachend zusammen.

Lästern hat aber auch etwas sogenannt Psychohygienisches. Manchmal muss all der Frust einfach mal raus, der Kropf muss geleert werden, und dafür brauchen wir Zuhörende.

«Beim ­Lästern gehts um Allianzen und um ­verdeckte Macht.»

Thomas Ihde, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, Präsident von Pro Mente Sana

Auch hier stimmen Vehemenz und Ausmass des Lästerns so gar nicht mit dem wirklich Gefühlten überein. Das erklärt, warum sich Mitarbeiterin A am Weihnachtsfest dann trotzdem freiwillig neben den Chef setzt.

Beide Phänomene sind übrigens von der Kultur abhängig. Ich habe meine ersten zehn Berufsjahre in den USA verbracht. Lästern war dort zumindest damals sehr verpönt. Ein Leitsatz hiess dort jeweils, dass nur negative Menschen negativ über Abwesende sprechen.

Ich fragte mich nach meiner Rückkehr in die Schweiz oft, warum das amerikanische Arbeitsklima in gewissen Belangen entspannter wirkte und Teamkonflikte seltener waren – das Nicht-Lästern war ein nicht unwesentlicher Teil davon. Lästern zündelt Konflikte an und hat negative Auswirkungen auf das Arbeitsklima Intrigen Wo der Mobbing-Virus gedeiht .

Lästern hat aber auch etwas mit Macht und Struktur zu tun. Beim Lästern geht es um Allianzen und um verdeckte Macht innerhalb von Strukturen. Lästern kann also ein Hinweis sein, dass Führungsstrukturen zu überprüfen sind.

Was kann ich Ihnen nun raten?

  • Setzen Sie sich für sich selbst ein. Sie dürfen Ihre Wünsche äussern oder sogar Grenzen setzen. Dafür gibt es verschiedene Formen, die vielleicht für Sie unterschiedlich viel Mut brauchen.
  • Posten Sie diese Ratgeberseite an Ihre Bürowand – wir neutralisieren die Geschichten immer so, dass Aussenstehende keine direkten Rückschlüsse auf schreibende Personen machen können. Allein der Titel wird vielleicht eine Diskussion oder eine nicht wirklich bewusste Veränderung des Verhaltens auslösen.
  • Sie können auch eine Postkarte gestalten oder auf dem Netz suchen – im Sinne von «ich mag Menschen, die nicht lästern», «Lästern, der emotionale Feinstaub aller Büros» oder «Achtung, meine Büropflanzen welken bei zu viel Lästern» – und irgendwo gut sichtbar platzieren.
  • Sie dürfen aber auch direkter sein und Ihren Bürokollegen kundtun, dass das häufige Lästern und Getratsche für Sie einfach schwierig ist. Ihr Wunsch ist nachvollziehbar und legitim.
  • Eine Möglichkeit ist auch, dass Sie sich eine Beratung bei Ihrem Vorgesetzten, dem HR oder der Sozialberatung Ihres Betriebs suchen. Wichtig ist hier, dass eine Vertrauensebene gegeben ist und Sie entscheiden können, was mit dem Gesagten passiert. Daher kann es auch sinnvoll sein, eine Stunde bei einer Supervisorin zu buchen und sich beraten zu lassen.
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