Was haben Tilda Swinton, Angela Merkel, Bill Gates und Mark Zuckerberg gemeinsam? Sie alle sind berühmt – und introvertiert. Und vor allem zeigen diese Vorzeigeleute aus Politik, Wirtschaft und Film: Selbst als leiser, zurückhaltender Mensch kann man es sehr weit bringen und im Rampenlicht stehen.

Normalsterbliche Introvertierte müssen sich kaum derart häufig in der Öffentlichkeit bewegen wie diese typverwandten Prominenten. Dennoch kommt auch der gewöhnliche Berufsmensch nicht umhin, sich ab und zu sehen zu lassen: Im Betrieb gibt es einmal mehr einen Empfang mit der Geschäftsleitung. Die Abteilung trifft sich mit einem anderen Team zum Arbeitsessen. Man wird auf eine Fachmesse geschickt oder hat sich für ein Seminar eingeschrieben. Und wer pflicht- und karrierebewusst denkt, hat irgendwann gelernt: Derlei Anlässe Betriebsanlässe Darf ich an der Firmenfeier flirten? dienen nicht zuletzt der Kontaktpflege.

Dass die ruhigen Naturen schon beim Gedanken an Small Talk ein mulmiges ­Gefühl beschleicht, ist kein Wunder, sagt die US-Autorin Devora Zack, die einen Leitfaden für «Networking-Hasser» verfasst hat. Jahrelang sei Berufsleuten eingetrichtert worden, Kontakte zu knüpfen sei die Kernkompetenz der Extrovertierten – diesen dampfplaudernden, omnipräsenten Personen mit ihren weit verzweigten Netzwerken. Die Kommunikativen sind da schliesslich im Element und laufen in Gesellschaft zur Hochform auf.

Zu viele Reize prasseln ein

Verglichen damit sehen sich Introvertierte im Nachteil: Veranstaltungen zu besuchen kostet sie Überwindung, auf andere zuzugehen fällt ihnen schwerer. Und nach einem Anlass mit vielen Leuten fühlen sie sich wie durchgekaut und ausgespuckt und wünschen sich ausgedehnte Erholungsphasen – in absoluter Abgeschiedenheit.

«Das ist völlig normal», beruhigt die deutsche Kommunikationstrainerin Sylvia Löhken. Sie bezeichnet sich selbst als in­trovertiert und unterhält ein Netzwerk für ähnlich gestrickte Menschen. In ihrem «Intro-Biotop» tummeln sich viele Wissenschaftler und IT-Leute. «Introversion hat nichts mit Schüchternheit zu tun, nichts mit der Angst vor sozialen Kontakten Soziale Phobie «Ich schäme mich in Grund und Boden» », sagt sie. Sondern vielmehr damit, dass man sich auf die eigene Innenwelt konzentriert: «Intros» verwenden viel Energie darauf, das, was um sie herum passiert, mit dem abzugleichen, was in ihnen vorgeht. Diese hohe Verarbeitungsrate führt auch dazu, dass diese Menschen leicht überstimuliert sind, wenn zu viele Reize auf sie einprasseln. Daher der brummende Kopf und die Ermattung, wenn sie einen Anlass mit vielen, wild durcheinander quasselnden Teilnehmern besucht haben.

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Die Stärken von Introvertierten

All das bedeutet aber nicht, dass die Stillen und Leisen derartige Veranstaltungen meiden sollten. Im Gegenteil: Sind sie klug, mischen auch sie sich hier und da unters Volk. Verbiegen müssen sie sich dabei nicht, wenn sie es auf ihre Art tun und folgende Regeln einhalten:

 

  1. Die eigenen Bedürfnisse und Stärken kennen und nutzen.
  2. Sich auf wenig Menschen konzentrieren.
  3. Für Ruhepausen sorgen und die Zeit begrenzen.


Entgegen der landläufigen Meinung haben Introvertierte viele Eigenschaften, die beim Netzwerken von Vorteil sind. So gelten sie als ausgezeichnete Beobachter und Zuhörer – und somit als Gesprächspartner, die konzentriert bei der Sache sind und dem Dialog Substanz und Tiefe verleihen. Zudem können sie sich gut in andere hineinversetzen. Sie merken es in der Regel, wenn auch das Gegenüber keine Lust mehr hat auf Konversation. Und sie sind beharrlich, was ebenfalls ein Pluspunkt ist, denn nach Angaben von Experten dauert es gut zwei Jahre, um einen soliden Kontakt aufzubauen.

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Stichwort «strategische Sichtbarkeit»

Bleibt die Frage, ob die Netzwerkpflege für Job und Karriere tatsächlich so wichtig ist, wie in Bergen von Büchern seit Jahren behauptet wird. Und wie Schätzungen vermuten lassen: 85 Prozent aller Managementpositionen werden über Beziehungen vergeben, also an Personen, die man kennt oder die einem empfohlen wurden.

Fachfrau Sylvia Löhken sieht es pragmatisch: «Wer gut vernetzt ist, kommt schneller zu relevanten Informationen.» Das könne sich als wertvoll erweisen. Und warum nicht dafür sorgen, dass die richtigen Akteure erfahren, was man kann und was man leistet? Das habe nichts mit plumper Vermarktung zu tun, sondern mit «strategischer Sichtbarkeit». Denn Tatsache sei: Befördert wird viel Lohn Zahltag, Chef! , aber auch die Fähigsten und Fleissigsten werden übersehen, wenn sie nicht ab und zu auf sich aufmerksam machen.

So überstehen Sie Betriebsfeiern und Netzwerkanlässe

«Was soll ich dort überhaupt?»

Gute Frage. «Wer sein Netzwerk systematisch aufbauen möchte, muss sich über­legen, wen er kennenlernen will und wo er diese Person am ehesten trifft», sagt die Kommunikationsberaterin und Self Branding Spezialistin Petra Wüst. Suchen Sie Kontakte zum örtlichen Gewerbe? Dann treten Sie dem Gewerbeverband bei. Sind Sie Unternehmerin und möchten sich mit Gleichgesinnten austauschen? Dann empfiehlt sich ein Unternehmerinnen-Netzwerk. Möchten Sie potentielle Kunden kontaktieren, besuchen Sie eine Fachtagung. Wichtig: Gehen Sie nicht nach dem Giesskannenprinzip vor. Wählen Sie Veranstaltungen, Klubs und Zirkel sorgfältig aus. Setzen Sie sich realistische Ziele. Kommunikationsexpertin Sylvia Löhken sagt: «Ein einziger Kontakt, der zu einer vertrauensvollen, substanzreichen Beziehung führt, ist mehr wert als ein Stapel Visitenkarten, bei dem ich Mühe habe, Namen mit Gesichtern zu verbinden.»

 

«Ich gehe auf keinen Fall dorthin!»

Networking-Anlässe, schreibt Buchautorin Devora Zack, sind «jene speziellen Augenblicke, in denen Menschen sich in meist grosser Zahl versammeln, um zu plaudern, Kontaktinformationen auszutauschen und ungesundes Essen in unnatürlichen Mengen zu konsumieren». Verständlich also, dass die Teilnahme Überwindung kostet, erst recht nach einem langen Arbeitstag. Aber: Geben Sie sich einen Schubs, wenn Ihr Kommen gern gesehen ist, erwartet wird oder der Anlass für Sie wichtig ist. Und überlisten Sie sich selbst: Eine Anmeldung verringert nach Zacks Erfahrung die Wahrscheinlichkeit eines Rückziehers in letzter Minute. Hilfreich sind zur Vorbereitung ausserdem: planen, was man anzieht; sich ein ruhiges Mittagessen gönnen; die Arbeit etwas früher beenden; kurz innehalten und sich sammeln, bevor man den Veranstaltungsraum betritt.

 

«Ich gehe dort schon gar nicht allein hin!»

Müssen Sie auch nicht. «Segeln Sie im Windschatten einer geselligen Person», empfiehlt Petra Wüst, Basler Expertin für Selbstmarketing. Gehen Sie also möglichst mit jemandem an den Anlass, der viele Leute kennt, leichter Kontakte knüpft – und der Sie anderen vorstellen kann. Ein Verbün­deter könne die Situation entschärfen, findet auch Buchautorin Devora Zack. Dabei darf es durchaus auch eine introvertierte Begleitperson sein.

 

«So viele Menschen auf einem Fleck – furchtbar!»

Gehen Sie etwas früher hin. Es ist ange­nehmer, einen Raum mit wenig Menschen zu betreten als einen, der bereits voll ist. Wenn Sie früher dort sind, können Sie sich nützlich machen, beispielsweise helfen, Namensschilder auszuteilen. Sagen Sie Ihre Hilfe am besten im Voraus zu. Intro­vertierte fühlen sich nach Angaben von Experten in genau definierten Rollen wohl. An der Veranstaltung aktiv mitzuwirken hat zudem den Vorteil, dass es gleich einen Gesprächsanlass gibt. Ausserdem: Auch bei Grossveranstaltungen müssen Sie sich nicht blindlings ins Getümmel stürzen. Überlegen Sie, wen Sie kennenlernen wollen. Picken Sie sich diese Person heraus und bahnen Sie ein Gespräch nur mit ihr an.

 

«Plaudern liegt mir überhaupt nicht.»

Damit befinden Sie sich in guter Gesellschaft: Für viele Menschen sei die Inter­aktion mit Fremden der unattraktivste Teil der Netzwerkpflege, betont US-Expertin Devora Zack. «Ich weiss gar nicht, was ich erzählen soll», werde meist als Grund angegeben. Die Lösung ist denkbar einfach: Sie müssen gar nichts erzählen. Die meisten Menschen sind froh, wenn ihnen jemand Fragen stellt, ihre Antworten interessiert zur Kenntnis nimmt, das Gehörte weiter­entwickelt – alles Stärken der Introvertierten. Was Sie brauchen, ist ein guter Einstieg. Die Frage aller Fragen bietet sich an: Was machen Sie beruflich? Weitere Vorschläge: Was gefällt Ihnen an Ihrer Firma am besten? An welchen Projekten arbeiten Sie gerade? Wie war Ihr Tag? Welche Pläne haben Sie für die Sommerferien?

 

«Das dauert ja sicher wieder ewig.»

Geselligkeit zehrt an den Energiereserven eines introvertierten Menschen, weiss Fachfrau Devora Zack und empfiehlt, auf Anzeichen von Erschöpfung zu achten und rechtzeitig zu handeln. Zu gehen, bevor der Tank leer ist, verringere auch die Anspannung vor der nächsten Veranstaltung. Deshalb: Wer sein Ziel erreicht, seinen Kontakt geknüpft hat, darf ungeniert nach Hause gehen. Das wird Ihnen niemand übelnehmen, erst recht nicht, wenn Sie das Gespräch galant beenden. Vorschläge: «Möchten Sie mir Ihre Karte geben? Ich freue mich, dass ich Sie kennengelernt habe.» Oder: «Sie möchten sich bestimmt noch mit anderen unterhalten – ich will Sie nicht länger aufhalten.»

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Chantal Hebeisen, Redaktorin

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