Die Unsicherheit kam per Ultraschall, im dritten Schwangerschaftsmonat. Es gebe ein Problem, beschied die Gynäkologin dem jungen Paar, das sein erstes Kind erwartete. Die gemessene Nackenfalte des Fötus lag zwar innerhalb der Norm, aber nur ganz knapp. Das bedeutete: Das Ungeborene könnte Trisomie 21 haben, die Veranlagung zum Downsyndrom. Oder eine andere Anomalie der Chromosomen. Eventuell.

Die Gynäkologin empfahl weitere Tests, aus der guten Hoffnung der Eheleute war von einem Tag auf den anderen eine Hochrisikoschwangerschaft geworden. Obwohl dem Kind letztlich nichts fehlte.

Eine unberechenbare und komplexe Welt

Ein typischer Fall. Denn eine Schwangerschaft gilt heute an sich als Risiko. Es ­könnte ja so viel schieflaufen! Die Mütter werden immer älter, die Gefahr von Fehlgeburt oder Behinderung nimmt stetig zu. Und überhaupt: Ist es denn nicht grundsätzlich ein äusserst waghalsiger, störanfälliger Akt, wenn mütterliche und väterliche Chromosomen verschmelzen?

Doch nicht nur werdendes, das Leben an sich birgt eine Menge Risiken. Natürlich war auch schon dem frühen Homo sapiens klar, was er bei der Mammutjagd aufs Spiel setzte. Aber heute wird unter «Risiko» mehr als die Wahrscheinlichkeit eines Schadens verstanden, heute sind die Risiken unberechenbar. Die vernetzte Welt ist voller Ungewissheit und komplex. «Je entwickelter eine Gesellschaft ist, desto beträchtlicher sind die Risiken, mit denen sie zu rechnen hat», sagte der ETH-Historiker David Gugerli 2013 bei einem Vortrag der NZZ. Kurz: Wir sind eine «Risikogesellschaft».

Der deutsche Soziologe Ulrich Beck prägte 1986 den Begriff «Risikogesellschaft» mit seinem gleichnamigen Buch. Beck vertrat die These, dass sich die Welt im Umbruch befinde, indem die moderne Wohlstandsgesellschaft systematisch Risiken produziere. Fortan müsse sie sich «wesentlich um Folgeprobleme der technisch-ökonomischen Entwicklung selbst» kümmern – also um die Kehrseite der Medaille, um die Nebenwirkungen der Therapie.

Fast zeitgleich mit dem Erscheinen des Buchs ereignete sich im April 1986 im Kernkraftwerk Tschernobyl eine nukleare Katastrophe. Der bis dahin schlimmste Unfall in einem AKW setzte ganz Europa unter Schock. Nach 1986 änderte sich einiges, wie David Gugerli festhält: «Wo die Gegenwart einigermassen platt erschien, wurde zukünftiges Risiko immer plastischer, immer aufgeblähter, und es wurde allgegenwärtig, ja normal.» Beck ortete im zufälligen Zusammentreffen des Reaktorunfalls und des Erscheinens seiner Thesen einen «bitteren Beigeschmack von Wahrheit».

Atomkraft löst die grössten Ängste aus

Tatsächlich scheint seit etwa drei Jahr­zehnten die Gefahr immer und überall zu lauern. Kaum war der erste Schrecken von Tschernobyl vorbei, ging Ende 1986 ein Chemielager der Sandoz am Rhein in Flammen auf. Das Ereignis ging als «Brand von Schweizerhalle» in die Geschichte ein. Es folgten saurer Regen und Waldsterben, die Angst vor HIV und anderen neuartigen Viren, BSE und Sars, Vogel- und Schweine­grippe, Ozonloch und Abschmelzen der Gletscher, Finanzkrise und Big Data, das Grausen vor Gen- und Nano- und überhaupt vor neuen Technologien. Die Klimaerwärmung malen die Forscher mit jedem neuen IPCC-Bericht in schwärzeren Farben, wobei uns immerhin der «Trost» bleibt, dass nicht wir, sondern unsere Nachfahren mit den ärgsten Auswirkungen werden kämpfen müssen. Das grösste ­Risiko geht seit Fukushima ohnehin von Atomkraftwerken aus: Dieser Meinung sind gemäss einer ETH-Umfrage zwei Drittel der Schweizer Bevölkerung.

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«Wer in Blogs stöbert, Zeitung liest, Fernsehen schaut, der hat schon lange den Eindruck, dass wir in der gefährlichsten ­aller Zeiten leben», schreibt der «Brand eins»-Journalist Wolf Lotter. Zum «täglichen Hintergrundrauschen» medial verbreiteter Ängste gesellt sich die eigene Furcht: Lebe ich sicher? Lauert hinter der nächsten Ecke ein Sexualstraftäter, das «unvermeidliche Restrisiko»? Ernähre ich mich gesund und ausgewogen? Wie steht es um mein Herz- oder Krebsrisiko? Sollte ich mit Krafttraining beginnen, weil ich sonst als alternder Mensch den stetigen Verlust von Muskelkraft riskiere?

Mut lässt sich nicht verordnen

Der Staat bemüht sich nach Kräften, ­Risiken vorherzusehen und einzudämmen. «Als ‹verantwortungsbewusst› gelten Intellektuelle, Politiker und Prominente dann, wenn sie Verbote und Regeln fordern», analysiert Wolf Lotter. Das Zauberwort heisst Prävention: Wir tragen ­einen Helm beim Velofahren, rauchen – wenn überhaupt – nur noch im Fumoir, halten uns beim Essen an «5 am Tag» und verfrachten den Nachwuchs selbst dann noch ins Kindersitzchen, wenn er schon bald im Teenageralter ist. Und im Kindergarten lernen die Kinder: «Mut tut gut.»

Lernen sie es wirklich? Haben Mut und Zuversicht in unserer sorgengeplagten Gesellschaft überhaupt noch Platz? Anfang Februar 2018 veröffentlichte das Meinungsforschungsinstitut Sotomo in Zürich eine Studie, die sie zum Thema Mut erstellt hat. Im Auftrag des Versicherers Allianz Suisse befragte Sotomo 12'934 Personen im Alter zwischen 18 bis 70 Jahren. Die Studie zeigt, dass Schweizerinnen und Schweizer eine grosse Sehnsucht nach Mut haben. Vor allem Männer verbinden mit dem Wort Mut vor allem, etwas zu wagen, während Frauen darunter eher verstehen, sich zu etwas zu überwinden.

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Doch bringen Schweizerinnen und Schweizer im Alltag auch selbst Mut auf? Grundsätzlich schätzen sich sowohl Männer als auch Frauen als tendenziell mutig ein – ausser bei Glücksspielen und Geldanlagen. Einen grossen Unterschied gibt es aber beim Sport: Dort empfinden sich Männer selbst als sehr mutig, während Frauen eher zögerlicher sind. Ähnliches zeigt sich auch im Strassenverkehr. Überraschenderweise werden Schweizerinnen und Schweizer mit zunehmendem Alter in den Bereichen Kleidungsstil, Arbeitsleben und Beziehungen mutiger. Etwas weniger überraschend ist hingegen, dass die Probanden angaben, oft nicht den Mut zu haben, Nein zu sagen und Probleme anzusprechen.

Mut lässt sich nicht verordnen. Und niemandem kann man verübeln, wenn er oder sie nicht ausserhalb der Masse stehen will. Was wir hingegen alle brauchen, ist die ­Fähigkeit, mit den allgegenwärtigen ­Risiken fertigzuwerden, ohne dass sie uns ­fertigmachen.

Die Kehrseite des Risikos ist die Chance

Der deutsche Psychologe Gerd Gigerenzer nennt diese Fähigkeit «Risikointelligenz». «Risikointel­ligenz ist eine Grundvoraussetzung, um sich in einer modernen technologischen Gesellschaft zurechtzufinden», schreibt ­Gigerenzer in seinem Buch ­«Risiko. Wie man die richtigen Entscheidungen trifft». Risikointelligenz sei im 21. Jahrhundert genauso unentbehrlich, wie es früher das Lesen und das Schreiben gewesen seien.

Denn die Kehrseite des Risikos ist die Chance. «Ohne die Bereitschaft, Risiken einzugehen, gäbe es keine Innovation mehr, würden Spass und Mut der Vergangenheit angehören», schreibt Gigerenzer. Das Risiko, bei Licht betrachtet, ist der Schlüssel zum Gewinn und zu einem ­gelingenden Leben.

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