Ich konnte beim Erstgespräch nicht dabei sein, darum machte meine Chefin mit mir eine sogenannte Übergabe. Das heisst: Sie berichtete mir vom neuen Klienten, den ich dann übernahm. Ich war irritiert, als sie mir von seinem Problem erzählte.

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Unser erster Kontakt war am Telefon. Wir vereinbarten einen Termin. Schon dieses Telefongespräch ging mir nah, er hatte Redebedarf, aber vorsichtig, zurückhaltend, dankbar. Ich war ein paar Tage später zum ersten Mal bei ihm. Schöne Wohnung, er auch schön. Und freundlich. Es gibt Klienten, die einem Wasser anbieten, andere bieten auch bei 30 Grad nichts an. Er goss gerade Tee für uns auf.

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Was ist eigentlich eine Krankheit?

Er war Mitte dreissig, Studium an einer Universität, guter Job, sportlich, hübsch, Herzschmerz. Ich war bei ihm, weil sein Psychiater im Kriseninterventionszentrum (KIZ) ihm eine psychosoziale Spitex verordnet hatte. Im KIZ war er ein paar Tage, weil sein Liebeskummer so unendlich gross war. Er sei wie tot gewesen, gelähmt vor Schmerz. Und nicht mehr funktionsfähig. Ein Freund begleitete ihn ins KIZ, und er war dankbar darum.

Liebeskummer – ist das eine Krankheit?, fragte ich mich. Bei einer Krankheit gibt es nicht zwei Pole: einer gesund, der andere krank. Nein, es ist ein Kontinuum, und man hat Anteile. Auch ein Kranker hat gesunde Anteile. Und ein Gesunder hat kranke. So weit, so klar.

Mein Klient konnte bald wieder arbeiten, das war ihm auch wichtig. Und er machte viel Sport. Fast täglich. Es war manchmal schwierig, einen Termin zu finden, weil er so beschäftigt war. Er hatte Energie, er konnte arbeiten, er war kräftig. Aber er war so tieftraurig, dass er alles absolut freudlos mache, sobald er allein sei, sagte er. Und wenn er denn mal schlafe, träume er von ihr. Ich sah ihm sein Leiden an. Er war nicht jammernd, er war sogar stark, aber seine Trauer war so spürbar. Vielleicht gerade weil er stark war.

Was tun? Was hilft?

Gegen Angst gibt es Strategien, gegen Psychosen gibt es Medikamente, gegen Einsamkeit gibt es Apps und Spitex – aber gegen Liebeskummer? Was war meine Aufgabe? Gibt es Strategien gegen Liebeskummer? Die Phasen der Trauer von Elisabeth Kübler-Ross zusammen anschauen? Podcasts hören? Die Beziehung und deren Ende analysieren, bis es Sinn ergibt? Wir machten alles, dennoch blieb der Schmerz. Reden darüber tue gut, meinte er. Und dennoch. Dennoch.

Ich fand es schlimm, diesen Herzschmerz meines Klienten auszuhalten, weil ich mich so ohnmächtig fühlte. Ich konnte so wenig für ihn machen. Und womöglich ist es tatsächlich so, dass man mehr mitleidet, wenn man sich den Schmerz vorstellen kann. Weil man ihn vielleicht selbst schon erlebt hat. Er sagte oft, er sei nur noch ein halber Mensch.

Doch irgendwann ging es ihm besser. Und irgendwann brauchte er mich nicht mehr.

Weitermachen. Weitermachen. Schritt für Schritt. Atemzug für Atemzug.

Und Sie?

Kennen Sie Liebeskummer? Was hat Ihnen geholfen? Schreiben Sie uns in den Kommentaren.

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