Frage eines Lesers: «Mir ist es unangenehm, wenn meine Kollegen frauenfeindliche Sprüche machen. Wie soll ich reagieren?»

Wir alle haben Erfahrung mit solchen Situationen. Wir treffen vielleicht alte Schulfreunde, die wir schon seit Jahren nicht mehr gesehen haben, für einen netten Abend. Die Stimmung ist heiter und gut.

Lustige Geschichten aus der Schulzeit tragen zur ausgelassenen Stimmung bei, das Bier natürlich auch. Und dann, mitten im heiteren Abend, lässt einer der Kollegen einen Spruch fallen über die damalige Französischlehrerin. Der Spruch ist deftig und sexistisch. Innerlich geraten Sie ins Stocken und versuchen einzuordnen, was da grad passiert ist und wie Sie darauf reagieren sollten. Da lacht ein zweiter Kollege nicht nur mit dem ersten mit, sondern überbietet ihn noch mit einem Spruch über eine andere Lehrerin von damals. Und als der dritte nun noch einen Spruch über eine Frau am Nebentisch macht, würden Sie am liebsten im Erdboden versinken.

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Das haben Sie dann aber eben nicht getan. Sie blieben sitzen und lachten von da an etwas distanzierter mit, wie Sie zu Ihrer Verteidigung sagen.

«Schlag­fertig sind wir nicht alle. Auch wer es ist, ist es nicht immer.»

THOMAS IHDE, FACHARZT FÜR PSYCHIATRIE UND PSYCHOTHERAPIE FMH

Als Sie heimkamen, waren Sie schlecht gelaunt. Ihre Partnerin dachte, es liege am etwas vielen Bier. Sie wussten es besser. Sie waren enttäuscht von und wütend auf sich selbst. Als Sie beim Zähneputzen in den Spiegel blickten, sahen Sie einen Feigling vor sich, dem der Mut fehlte, für seine Werte einzustehen.

Nun, was kann ich Ihnen raten?

Psychologisch gesehen ist die Sache gar nicht so einfach. Das erklärt auch, warum Sie wohl nicht der Einzige sind, der sich in dieser Situation nicht für seine Werte eingebracht hat – etwas, was wir alle von uns erwarten.

Gefragt gewesen wäre hier Schlagfertigkeit. Und die haben wir nicht alle – und auch wer sie hat, hat sie nicht immer verfügbar. Wir haben sie weniger, wenn wir angespannt sind. Und wir haben sie weniger, wenn sie einen Stimmungswechsel herbeiführen würde. Wenn Sie mit Freunden am Strand sind und die Sonne geniessen, würden Sie auch höchst ungern den Knopf drücken, der es plötzlich regnen lässt.

Deshalb war Ihr Kollege so schlagfertig mit einem weiteren Witz, der die Stimmung aufrechterhielt. Und Sie wären viel weniger schlagfertig gewesen mit der Äusserung, dass frauenfeindliche Bemerkungen nicht akzeptabel sind – was die Stimmung hätte kippen lassen.

Ein vorbereiteter Standard-Antwortsatz kann hilfreich sein. Denn so selten sind solche Situationen ja nicht. Etwa: «Ich finde dich sehr witzig, aber dieser Witz hat ein grosses Verbesserungspotenzial – und Frauenfeindlichkeit geht übrigens gar nicht.»

Dieses Beispiel hat einen ersten Teil, der eine Brücke baut, im zweiten Satzteil folgt dann die Kritik. Durch dieses Konstrukt wird auch klar, dass nicht das Gegenüber abgelehnt wird, sondern der Inhalt des Witzes. Am besten wirkt das Ganze, wenn es eher unemotional und ohne Augenkontakt fallen gelassen wird und man auch gar keine Antwort erwartet. Und dann anderthalb Sekunden später bewusst freundlicher und mit Augenkontakt die Frage nachschiebt, ob sonst noch jemand etwas von der Bar möchte.

Der fiktive Kollege

Eine andere Variante ist die der indirekten Konfrontation. «Stefan, ein guter Kollege von mir, würde jetzt intervenieren und darauf hinweisen, dass dieser Witz frauenfeindlich war.» Bei einer direkten Konfrontation, auch wenn sie gerechtfertigt ist, fühlen wir uns in die Defensive gedrängt und vor allem instinktiv bedroht. Die gefühlte Bedrohung kippt einen Schalter, und wir entwickeln einen Tunnelblick respektive vor allem ein Tunnelgehör und hören nur noch sehr selektiv. Das ist der Grund, weshalb wir aus dem Mitarbeitergespräch kommen und uns nur noch an den einen Satz erinnern können, in dem wir uns kritisiert fühlten, und nicht an die 25, in denen wir gelobt wurden.

Dieses Phänomen umgehen wir mit dem (fiktiven) Kollegen Stefan. Es geht hier nicht um den fehlenden Mut, zur eigenen Meinung zu stehen, sondern es geht um ein Austricksen psychologischer Phänomene Sinnestäuschungen Das Gehirn täuscht uns systematisch – und das macht Sinn .

Oft haben wir zudem den Eindruck, nur im Moment reagieren zu können. Dabei wirkt das gerade dann, wenn Alkohol im Spiel ist, denkbar schlecht und ist nicht nachhaltig. Das Gegenüber fühlt sich wie erwähnt abgelehnt und kritisiert und geht in die Defensive Umgang mit Kritik Wie reagiere ich weniger sensibel? .

Wirksamer ist hier deshalb eine Textnachricht am Folgetag. «Habe den Abend mit dir sehr genossen. Merke aber, dass ich immer noch an diesem Witz über die Frau am Nebentisch hänge. Frauenfeindliche Witze finde ich nicht okay. Ich gehe davon aus, dass du das eigentlich ähnlich siehst, oder?»

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