Beobachter: Herr Ihde, ist es normal, dass sich Leute während der Corona-Pandemie etwas auffälliger benehmen, dass sie grantig, verletzend und selber ver­letzlicher werden?
Thomas Ihde: Ja, das sollten wir bis zu einem gewissen Grad akzeptieren. Mit der ersten Krise im Frühling konnten wir besser umgehen. Jetzt aber haben wir eine anhaltende, lang­wierige Krise, ohne dass ein Ende absehbar ist. Eine normale Reaktion auf diese nicht normale Situation heisst auch, dass man auch mal traurig ist, sich leer fühlt, mal wütend wird, weil sich die Per­spektive sehr verengt hat.


Sollten wir toleranter sein gegenüber solchen Gemütsbewegungen?
Die Toleranz gegenüber Stimmungsschwankungen ist sicher wichtig. Die zeigen die meisten Menschen auch. Mit der gesellschaftlichen Toleranz ist es schwieriger. Die Leute bewegen sich mit ihren Meinungen so weit auseinander, wie wir es bisher kaum kannten, die Solidarität ist brüchiger geworden. Die einen fordern strengere Massnahmen, den anderen geht alles viel zu weit. Sich selber immer wieder neu zu orien­tieren, ist sehr anstrengend, aber unerlässlich.


Es gibt offenbar ein starkes Bedürfnis, Schuldige zu finden für die Situation, in der wir stecken?
Das ist so. Die Wut auf jemanden zum Beispiel, der am falschen Ort gerade keine Maske trägt. Die Ursachen für die Pandemie werden dann schnell vereinfacht, und die Verantwortung wird auf ein­zelne Personen projiziert. Das ist ein Ausdruck von Ohnmacht.

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Unterscheiden sich psychische Beschwerden und auffälliges Verhalten während der ersten und der zweiten Welle?
Die erste Welle war etwas ganz Neues, wir wussten wenig, verschlangen Nachrichten und hatten ein gemeinsames Ziel, das es schnell zu erreichen galt. Wir schränkten Kontakte und unseren Bewegungsradius auch sofort ein, noch bevor der Bundesrat etwas verordnet hatte. Im Nachhinein hätte es einen Lockdown in diesem Ausmass wohl gar nicht gebraucht. 

Jetzt, in der zweiten Welle ist es doch sehr anders. Die Bevölkerung reagiert viel zögerlicher. Als ich Anfang November aus London in die Schweiz zurückkam, bemerkte ich kaum Einschränkungen im Verhalten der Leute. Sie nutzen alle Freiheiten, solange etwas nicht explizit verboten ist. In England war das anders.

«Die Maskenpflicht wird als besonders starke Einschränkung empfunden – eine, die körperlich geworden ist. Und eine, die uns ständig sagt: Es ist nicht vorbei.»

Thomas Ihde, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Präsident von Pro Mente Sana
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Warum ist es während der zweiten Welle schwieriger geworden, Einschränkungen zu akzeptieren?
Es hat uns auf dem linken Fuss erwischt. Nachdem wir die erste Welle so vorbildlich gemeistert hatten, konnten sich die meisten eine zweite Welle gar nicht vorstellen. Jetzt ist sie da und eine Ende nicht wirklich absehbar. Es droht ein Jo-Jo-Effekt, vor dem alle gewarnt haben, weil er für die Wirtschaft aber auch für die Psyche schlecht ist. Darauf waren wir nicht vorbereitet. Zudem wird die Maskenpflicht als besonders starke Einschränkung empfunden – eine, die körperlich geworden ist. Und eine, die uns ständig sagt: Es ist nicht vorbei.


Gibt es Menschen, die jetzt psychisch besonders gefährdet sind?
Leute, die sehr perfektionistisch unterwegs sind. Sie tun sich schwer mit nicht kontrollierbaren Situationen. Das kann auch im Homeoffice sein, wo sie sich nicht mehr zu 100 Prozent auf ihre Arbeit konzentrieren können. Ablenkungen durch Partner oder Kinder sind für sie schwer erträglich. Die andere Gruppe sind Menschen, die das Gefühl haben, im Leben schon immer zu kurz gekommen zu sein. Sie sehen sich von der Pandemie und den Massnahmen besonders betroffen, ent­wickeln Neid und machen Dritte für ihre Situation verantwortlich. Es sind Leute, die schnell von einer Wut aufgefressen werden, schlecht schlafen und ständig gereizt sind. Ihnen fehlt es an Strategien, mit der Situation umzugehen.

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Ältere schaffen das offenbar besser als Jüngere.
Ja, das hat uns alle etwas überrascht. Wir haben uns ja enorme Sorgen um die Seniorinnen und Senioren gemacht, die Kontakte zu Angehörigen einschränken mussten oder gar nicht mehr besucht wurden. Oft litten die Angehörigen aber viel mehr. Die Älteren waren eher bereit, die Einschränkungen hinzunehmen, sahen darin auch einen Sinn, nämlich den Schutz ihrer Kinder und Kindeskinder. Selbst in Heimen entwickelten viele Strategien, um nicht zu vereinsamen. Sie konzentrierten sich stärker auf das Personal oder belebten Beziehungen zu Mitbewohnern. Es braucht aber ein Mindestmass an sozialen Kontakten, um all die Geschehnisse einordnen zu können.


Warum haben Jüngere mehr Probleme mit ­sozialer Distanz?
Beobachten Sie zum Beispiel mal das Verhalten von zwei 17-Jährigen an einem Fussballmatch – und das von zwei über 40-Jährigen. Die Jungen sitzen oder stehen viel näher beieinander, haben automatisch immer wieder Körperkontakt. Es geht in diesem Alter da­rum, Erfahrungen mit Nähe und Distanz zu sammeln, mit Körperlichkeit und Partnerschaft. Und auch darum, sich von den Älteren abzugrenzen. Das kann nicht auf irgendwann aufgeschoben werden.

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Relativieren digitale Kontakte das Problem nicht?
Echte Beziehungen können sie nicht ­ersetzen, es braucht beides. Ab einem gewissen Alter wird eine solche körperliche Einschränkung als weniger einschneidend empfunden. Der Umgang ist viel ritualisierter. Körperlichkeit beschränkt sich dann oft auf das Händeschütteln …


Oder die drei Küsschen. Beides ist mit der Pandemie verschwunden. Für immer?
Die Küsschen werden es schwerhaben. Die empfanden schon vor der Pandemie viele als eher unangenehm. In der Westschweiz dürften sie etwas länger überleben. Nähe und Distanz sind ja stark kulturell geprägt. Nordamerikaner zum Beispiel, die Ferien in Europa verbringen, sind oft irritiert, wie körperlich nah wir uns nur schon in einem gewöhnlichen Gespräch kommen.

«Wichtig ist jetzt, den Jungen trotz Krise den Übertritt in die Arbeitswelt zu ermöglichen. Wenn das misslingt, erodiert einer der wichtigsten Faktoren für spätere psychische Gesundheit: die Integration der Jungen in der Gesellschaft.»

Thomas Ihde, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Präsident von Pro Mente Sana
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Was sind die Folgen, wenn Jüngere auf echte Kontakte verzichten?
Beratungsstellen erhalten deutlich mehr Anrufe zum Thema Einsamkeit. Aber auch Depressionen, Angsterkrankungen und Drogenkonsum können die Folge sein. In anderen Altersgruppen kommt das deutlich weniger vor. Das hat auch mit unserem eher schwedischen Weg durch die Pandemie zu tun. Viel Lebensqualität haben wir aufrechterhalten. In England, wo harte Lockdowns durchgesetzt werden, erkranken auch Ältere öfter. Wichtig ist es jetzt, den Jungen trotz Krise den Übertritt in die Arbeitswelt zu ermöglichen. Wenn das misslingt, erodiert einer der wichtigsten Faktoren für spätere psychische Gesundheit: die Integration der Jungen in der Gesellschaft.


Können die Einschränkungen durch die Pandemie nachhaltige Beschwerden auslösen? Oder nehmen einfach die Episoden bei bereits Erkrankten zu?
Es gibt beides. Wer vielleicht eine Tendenz zur Magersucht hat, konnte vor der Pandemie einigermassen damit umgehen, so lange die Person sozial vernetzt war und einen sicheren Job hatte. Geht jetzt beides verloren und kommen finanzielle Problem dazu, bricht die Krankheit durch die Mehrfachbelastung plötzlich aus. Bei vorbestehenden Erkrankungen können sie zu vermehrten Episoden führen, zum Beispiel starken Depressionen. Es gibt aber auch positive Effekte, wie die Solidaritätswellen, die wir zu Beginn der Pandemie hatten. Wertschätzung ist ein gewichtiger Schutzfaktor für die psychische Gesundheit.

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Gibt es den typischen Patienten, der sie während dieser Krise zum ersten Mal in eine psychiatrischen Behandlung begibt?
Ich arbeite ja im Berner Oberland, wo viele in der Tourismusbranche arbeiten und von Existenzängsten geplagt sind. Das gibt es zum Beispiel den Portugiesen, der seinen Job verliert, seine Familie in der Heimat nicht mehr unterstützen kann und der seine eigenen Kinder wegen der Pandemie nicht besuchen konnte. Da wird ein ganzes Lebensmodell in Frage gestellt und man findet keinen Ausweg. Wir nennen das eine Anpassungsstörung, aus der sich schwere depressive Erkrankungen entwickeln können. Solche Konstellationen werden uns sicher häufiger begegnen.


Wie reagieren Patienten auf die plötzlich maskierte Gesellschaft?
Für manche ist es extrem wichtig, die Mimik ihres Gegenübers interpretieren zu können. Sie müssen ständig zwischen einem freundschaftlich oder feindlich gesinnten Gegenüber unterscheiden, weil sie Traumatisches erlebt haben oder unter einem Verfolgungswahn leiden. Maskentragende sind für sie eine Bedrohung. Ein Problem, das wir auch in den Kliniken unterschätzt haben. Das hat sich etwas entspannt, seit die Maske nicht mehr nur als etwas von oben Verordnetes wahrgenommen wird, sondern wegen der steigenden Fallzahlen als sinnvolle Massnahme.

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«Die Entwicklung der Wirtschaft wird unsere Gesundheit massgeblich beeinflussen.»

Thomas Ihde, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Präsident von Pro Mente Sana

Gibt es auch Patienten, die Einschränkungen als entlastend empfinden?
Ja, wenn jemand das ständige Kommunizieren mit anderen, all die sozialen Kontakte, die ­gepflegt werden sollten, als Belastung erlebt. Das trifft auf gewisse Asper­ger-Patienten zu. Andere haben allerdings mit dem Maskentragen grosse Pro­bleme, weil sie sehr empfindlich auf bestimmte Stoffe reagieren. Auch ein Maskendispens hilft ihnen nur bedingt, weil sie in der Öffentlichkeit schnell als politisch motivierte Maskenverweigerer oder Querulanten missverstanden werden. Weil sie sich gegenüber Dritten nicht ständig erklären können und wollen, ziehen sie sich noch mehr zurück.

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Auch wenn eine Impfung kommen sollte, stehen uns noch viele Monate mit Einschränkungen bevor. Sind wir darauf vorbereitet?
Wir gingen in der Psychiatrie ja eher von einer grösseren Welle an Erkrankungen aus. Je länger die Krise aber dauert, desto eher wird sie noch eintreffen. Wir stellen eine starke Zunahme an Beschwerden im mittleren Kader fest. Also bei jenen Leuten, die ständig neue Arbeitsabläufe in Firmen umsetzen und die Belegschaft dabei auch noch motivieren sollen. Das ermüdet und provoziert Erschöpfungssymptome. Die Entwicklung der Wirtschaft wird unsere Gesundheit massgeblich beeinflussen.


Es gibt unzählige Empfehlungen für eine ausgeglichene und gesunde Lebensweise während der Pandemie. Hilft das?
Schon vor der Pandemie erreichte uns ja die Welle der Selbstoptimierung mit Hunderten von Tipps und entsprechenden Onlineangeboten. Das suggeriert ja immer, dass es nicht gut ist, wie wir gerade sind. Das ist belastend. Ich denke, etwas mehr Selbstakzeptanz, ein Herauskommen aus der ständigen Selbstbeurteilung würde uns mehr helfen. Mit etwas Achtsamkeit merken wir ja selber, wo wir Defizite entwickeln. Zum Beispiel dass wir uns vielleicht ­etwas mehr bewegen oder Freunde und Bekannte wieder mal kontaktieren ­sollten. Dafür braucht es keine aus­geklügelten Onlineangebote.

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Wie stärke ich meine psychische Gesundheit?

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Die Corona-Pandemie löst viele negative Emotionen aus. Im Webinar stellt Dr. med. Thomas Ihde Folgen und Gegenstrategien vor.

Quelle: Beobachter Bewegtbild

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Peter Johannes Meier, Ressortleiter

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