Beobachter: Frau Kuhlmey, Sie sind im besten Alter, Mitte 50. Was werden Sie in 20 Jahren machen?
Adelheid Kuhlmey: Gute Frage. Ich kenne we­nige Gerontologen, die es schaffen, im Alter noch etwas Neues zu machen. Ich denke also, ich werde vieles weitermachen, was ich jetzt auch tue: viel lesen, mich weiter mit dem Alter beschäftigen, ins Theater gehen. Und ich werde versuchen, meine Kompetenzen als Professorin in einen ­generationenübergreifenden Aus­tausch zu bringen. Mit meinem Mann und ein paar Freunden arbeite ich daran, ein Mehr­generationenhaus auf die Beine zu stellen – nicht ganz uneigennützig, damit wir dann pfiffigerweise direkt Hilfe und Unterstützung im Haus haben, wenn wir sie denn brauchen.

Beobachter: Denken Sie oft daran, was im Alter auf Sie ­zukommt?
Kuhlmey: Ja, sehr oft. Historisch erleben wir ja zum ersten Mal diese Situation, dass Generationen fast geschlossen alt werden. Meine Generation, die sogenannten Babyboomer, geht jetzt zusammen ins sechste, siebte und gar achte Lebensjahrzehnt. Das ist neu. Ebenso neu ist, dass wir mit 60 oder 70 Jahren nicht mehr die älteste Genera­tion sind. Über uns sind noch die 80- und 90-Jährigen, und wir erleben, wie diese ­Generation auf unsere Hilfe angewiesen ist. Darum treibt es mich um.

Beobachter: Welche Fragen beschäftigen Sie?
Kuhlmey: Wollen wir die Alterspflege unseren Kindern überlassen? Was können wir tun, um uns präventiv auf diesen Lebensabschnitt einzustellen? Ich kann es fast nicht aus­halten, dass wir heute dieses lange Altersleben völlig der Privatheit überlassen. Erst langsam müht sich die Gesellschaft, das Rentenalter nach oben zu verschieben, und stösst dabei auf Widerstand. Wir haben nicht wirklich gute Rollenmuster für die jungen Alten zwischen 60 und 80.

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Beobachter: Präparate werben mit Sprüchen wie «Keine ­Falten im Alter» oder «Ginseng hält jung». Die ­Industrie will den Alterungsprozess aufhalten.
Kuhlmey: Diese ganze Anti-Aging-Bewegung hat ja einerseits einen präventiven Charakter, und den finde ich gut. Ich habe nichts ­dagegen, dass man sich fit hält im Alter, im Gegenteil. Aber dieses krampfhafte ­Bemühen gegen das Alter, das ist schlimm. Es bringt viel Unsinniges – wer sich im Gesicht liftet, dem bleibt die Falte am Po, da kann ich noch so viel ziehen. Man müsste das Anti-Aging in ein Pro-Aging umtaufen, dazu eine Kampagne machen. Es gibt kein leidensfreies hochbetagtes Leben, da nützen keine Pillen. Wir müssen die Menschen stärken, das Alter anzunehmen und damit gut umzugehen.

Beobachter: Ist langes Leben gar nicht erstrebenswert?
Kuhlmey: Die Menschheit wollte immer schon alt werden. Heute haben wir es erreicht und können die menschliche Lebenslänge fast ganz ausschöpfen. Aber wir wissen nicht, was wir mit der ganzen Zeit anfangen ­sollen. Wir sind immer noch in den drei Lebensabschnitten Kindheit und Jugend, Arbeitsleben und Pensionsalter gefangen. Früher lebte ein Rentner nach der Pensionierung durchschnittlich vielleicht noch fünf bis zehn Jahre, heute sinds 20. Was sollen wir mit dieser gewonnenen Lebenszeit tun? Ältere Menschen sind ein grosses soziales Reservoir. Ihre Teilhabe an der ­Gesellschaft zu gestalten, das ist eines der wichtigsten Themen der nächsten 30 Jahre. Wir können es uns gar nicht leisten, auf die Reserven, das Wissen und Potential der ­alten Leute zu verzichten.

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Beobachter: Wie kann denn diese Teilhabe gestaltet werden?
Kuhlmey: Zum Beispiel mit einem Sozialjahr auch für Senioren. Oder mit Altersteilzeitarbeit, unser Erwerbssystem muss viel flexibler werden. Es ist viel Phantasie gefragt.

Beobachter: Wann fängt Alter eigentlich an?
Kuhlmey: Es gibt nichts so Individuelles wie das ­Alter. Wir haben heute natürlich kalendarische Altersgrenzen, nach dem Austritt aus dem Berufsleben fängt ein junges Alter an und das alte Alter nach dem 80. Lebensjahr. Wir wissen aber, dass es 60-Jährige gibt, die funktional zehn Jahre jünger sind, das Umgekehrte gibt es aber auch. Dieses individuelle Alter wird viel zu wenig berücksichtigt, um beispielsweise Entscheidungen zu treffen, wer wann aus dem Erwerbsleben ausscheiden sollte.

Beobachter: Wie sieht der Plan für ein gesundes, langes ­Leben aus?
Kuhlmey: Wissenschaftlich belegt ist, dass ein heute 70-Jähriger in einem Zustand ist wie vor 30 Jahren ein 65-Jähriger. Wir gewinnen mit der Lebenslänge also durchaus auch gesunde Lebenszeit. Wir müssen aber auch einen Preis zahlen für das längere ­Leben: die Zunahme von Demenzerkrankungen, chronischen Erkrankungen und Mehrfacherkrankungen sowie der Pflegebedürftigkeit in sehr hohen Lebensjahren.

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Beobachter: Nochmals: Was muss man tun, um das Ideal ­eines langen, gesunden Lebens zu erreichen?
Kuhlmey: Die Grundlagen für ein gesundes Altern liegen sehr zeitig im Leben. Ein Beispiel: Häufige Erkrankungen im Alter sind Diabetes Typ 2 oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Übergewicht ist dabei ein grosses Problem, unsere Bevölkerung ist einfach zu fett. Noch nie hatten wir so viele fette Kinder in den Industriestaaten wie heute, leider. Und das ist einfach schon eine ­Weichenstellung für ein gesundes oder krankes Alter. Auch im mittleren und im höheren Alter ist die Mehrzahl der Menschen übergewichtig. Wenn es uns ge­lingen würde, solche Risikofaktoren wie Übergewicht, Rauchen und Bewegungsmangel frühzeitig zu reduzieren, würden wir auch gesünder alt werden. Durch körperliche Bewegung werden übrigens auch geistige Fähigkeiten länger erhalten, das zeigen neue Studien eindeutig.

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Beobachter: Man müsste also im Alter gezielt auch ­körperlich trainieren, nicht nur mental?
Kuhlmey: Ja. Es gibt viele Belege dafür, dass die Ressourcen im Alter nicht voll ausgeschöpft werden. In Experimenten, in denen 70-Jährige täglich trainieren, sehen wir, dass sie eine Muskelleistungs- und Lauffähigkeit erreichen können wie untrainierte 40-Jährige! Das werfe ich auch unserem Gesundheitswesen vor: Es wird viel zu wenig auf Re­habilitation im Alter gesetzt, da das immer noch so einen negativen Touch hat: Wieso jetzt noch? Bringts das? Rehabili­tation ist für die Berufstätigen, die sollen wieder zurück zur Arbeit, da setzen die Versicherungen alles daran. Bei den Pen­sionierten sind die Krankenkassen zuständig, und die haben daran nicht mehr viel Interesse. Dabei könnte so viel Autonomie im Alter erhalten und die Pflegebedürftigkeit hinausgezögert werden.

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Beobachter: Die heute 30-, 40-Jährigen müssen sich also einfach gesund ernähren, sich körperlich und ­geistig fit halten, nicht übergewichtig werden – dann kommt es auch gut im Alter. Eigentlich ganz simpel. Wieso funktionierts nicht?
Kuhlmey: Menschen zu motivieren ist leider nicht einfach. Dabei wäre es wichtiger denn je, da wir ja eben immer älter werden.

Beobachter: Es ist menschlich, erst ­etwas zu tun oder zu ändern, wenn etwas nicht mehr funktioniert.
Kuhlmey: Genau. Dass Gesundheit ein hohes Gut ist, fällt uns erst auf, wenn Krankheitsprozesse massiv einsetzen. Und das kumuliert im Altersprozess. In jungen Lebensjahren sind Ausbildung, Familie und Beruf die wichtigsten Determinanten. Gesundheit wird mit zunehmendem Alter immer wichtiger. Genau hier möchte ich ansetzen: Die ­frischen Ruheständler müssten zu mehr Sport motiviert werden, die haben Zeit und brachliegende Ressourcen. Sportvereine müssten niederschwellige Angebote für Senioren anbieten, da brauchen wir mu­tige Kampagnen. Wie die Vita-Parcours-Anlagen der 1970er Jahre zum Beispiel, das war ein super Sache.

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Beobachter: Was wäre ein modernerer Ansatz?
Kuhlmey: Kürzlich hatte ich ein Treffen mit einem grossen Spielehersteller, der vor allem Puzzles macht. Moderne Puzzles sollen zum Beispiel Menschen im Heim geistig aktivieren. Was die Anbieter da produzieren, ist sagenhaft schrecklich: Im Grunde eine völlige Infantilisierung der 80-, 90-Jährigen. Die gleichen Sachen wie für Kindergartenkinder, nur ein bisschen weniger ­farbig. Das ist doch unglaublich. Die ganze Industrie hat sich noch überhaupt nicht auf diese neue Generation der Alten ein­gestellt. Viel zu wenig Phantasie – Hochbetagte leben oft in der Vergangenheit. Wieso also nicht Puzzles kreieren mit Lebenswelten der 1930er Jahre? Da könnten sie sich dann beim Spielen über die alten Zeiten austauschen, in Erinnerungen schwelgen.

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Beobachter: Was halten Sie von Anreizsystemen? Bonus-Malus-Systemen? Dass beispielsweise Raucher stärker zur Kasse gebeten werden?
Kuhlmey: Von der ganzen Debatte halte ich sehr viel, von der Bonusdebatte, genauer gesagt. Das Malussystem widerspricht meinem humanistischen Gedankengut, Krankheiten dürfen nicht sanktioniert werden. Bonusregelungen erachte ich als sinnvoll. Es gibt schon Kassen, die Nichtrauchern umsonst Fitnesskurse anbieten oder einen Kurz­urlaub. Wir brauchen aber viel, viel mehr, eine breite Bewegung.

Beobachter: Mehr Prävention gleich gesünderes Altern gleich kürzere Pflegephase – so einfach?
Kuhlmey: Jein. Wenn niemand mehr rauchen würde, gäbe es weniger Karzinome. Wenn niemand mehr fettleibig wäre, gäbe es weniger Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Krankheitsbelastungen würden in die höheren Lebensalter verschoben, und wir hätten wahrscheinlich kürzere Zeiten von Pflegebedarf. Damit könnten wir sie aber nicht generell ausschalten. Wer mit 65 nicht an einem Herzinfarkt stirbt, für den steigt natürlich das Risiko, mit 80 an Demenz zu erkranken. Werden Klippen des Versterbens in früheren Lebensjahren eingeschränkt, dann werden Horizonte für andere, spätere Erkrankungen eröffnet, und die kosten dann auch. Aber wir gewinnen so natürlich Räume für gesunde Lebenszeit. Wir Menschen sterben – noch – an Krankheiten und nicht am Alter.

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Beobachter: Wie definieren Sie gesundes Alter?
Kuhlmey: Nicht als Freisein von Krankheit. Wir machen uns diese Idealvorstellung, dass man auch im Alter keinerlei Einbussen haben darf. Man muss lernen, auch mit Einschränkungen umgehen zu können. Gesundheit ist sehr relativ. Studien zeigen, dass Menschen, die ihre Gesundheit als positiv einschätzen, auch die langlebigeren sind und mehr Lebensqualität haben.

Beobachter: Gelingt Ihnen das selber? Mit Einschränkungen des Alterns gut umzugehen?
Kuhlmey: Es ist immer ein Verlust. Ob mir das emo­tional gelingt, weiss ich nicht. Aber rational sicher. Aus den jüngsten Erkenntnissen der Altersforschung weiss ich, dass Menschen eine sehr hohe Anpassungsfähigkeit haben. Sie können sich wunderbar an unterschiedliche Lebenssituationen adaptieren, zum Beispiel akzeptieren, dass grössere Reisen nicht mehr drinliegen oder dass Auto fahren nicht mehr geht. Das finde ich etwas unglaublich Tröstendes. Was ist das für eine schreckliche Idee, diese Vor­stellung vom Turnen bis zur Urne? Eine ­unmenschliche Vorstellung, ich bleibe fit bis zum Schluss, ich habe überhaupt keine Einbussen. Es ist doch auch ein Trost, ­Abschied nehmen zu können. Man muss einwilligen in den Alterungsprozess.

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