Beobachter: Herr Bachmann, warum sind Rückenschmerzen zur Volkskrankheit geworden?
Stefan Bachmann: Es gibt zwei Hauptgründe. Erstens hat sich der Lebensstil verändert, wir haben uns von einer Agrar- zur Dienstleistungsgesellschaft gewandelt. Früher hatten die Leute durch die Arbeit in der Landwirtschaft viel besser trainierte Rückenmuskeln, heute sind wir ein Volk von Schreibtischtätigen. Zweitens ist die Gesellschaft schmerzintoleranter als früher. Während unsere Vorfahren Rückenschmerzen im Rahmen ihrer schweren körperlichen Arbeit akzeptierten, haben solche Befindlichkeits­störungen im heutigen Leben, wo alle jung und dynamisch sein wollen, keinen Platz mehr.

Beobachter: Rückenschmerzen nehmen in allen Industriestaaten zu. In der Schweiz gehen der Wirtschaft gemäss Schätzungen des Seco deswegen jährlich 3,3 Milliarden Franken verloren. Woran krankt das System?
Bachmann: Auch hier spielt vieles zusammen. Gründe sind unter anderem, dass von Rückenweh Geplagte sehr schnell krankgeschrieben, aber medizinisch nicht adäquat betreut werden oder dass sich das Bewusstsein für gesunde Arbeitsbedingungen in den Betrieben noch nicht genügend durchgesetzt hat. Betriebliche Gesundheitsförderung würde viel bringen.

Beobachter: Hat nicht auch der Einzelne Verantwortung?
Bachmann: Natürlich. Wir alle sind heute von Natur aus Bewegungsmuffel. Und wir erwarten – überspitzt gesagt – vom Doktor, dass er uns das Rückenweh wegnimmt, wenn wir ihn aufsuchen, ehe wir uns wieder bewegen. Dabei liegt es erst einmal an uns selber, die Rückenmuskulatur zu stärken.

Beobachter: Sie schreiben in einer Studie, Rückenschmerzen seien in 85 bis 90 Prozent der Fälle unspezifisch. Was bedeutet das?
Bachmann: Das heisst, es gibt keine spezifische Behandlungsmöglichkeit. Und oft findet man trotz ausführlichen Untersuchungen keine eindeutige Ursache für den Schmerz. Auch Röntgenuntersuchungen führen meistens nicht zum Ziel. Man sieht zwar in der Bildgebung häufig Abnutzungserscheinungen an der Wirbelsäule, doch diese haben in der Regel keinen Zusammenhang mit den Beschwerden. Die Wirbelsäule beginnt sich etwa ab dem 18. Altersjahr abzunutzen – ein natürlicher Alterungsvorgang. Bandscheibenverschmälerung, Verschleiss an den kleinen Wirbelbogengelenken, das ist unspezifisch, also völlig normal und kein krankhafter Prozess der Wirbelsäule.

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Beobachter: Was ist ein spezifischer Rückenschmerz?
Bachmann: Es kann passieren, dass mal eine Entzündung im Bereich eines kleinen Wirbelbogengelenks eintritt oder dass eine Bandscheibe vorfällt und auf einen Nerv drückt. Dann haben wir eine spezifische Ursache. Oder es gibt entzündliche Erkrankungen der Wirbelsäule wie Morbus Bechterew. Auch Wirbelbrüche oder Tumore der Wirbelsäule gehören in diese Gruppe.

Beobachter: Die Bildgebung ist in der Medizin immens wichtig geworden. Wann ist beim Rücken eine Aufnahme sinnvoll?
Bachmann: Sicher dann, wenn man aufgrund der Krankheitsgeschichte und der klinischen Untersuchung zum Schluss kommt, dass eine spezifische Ursache vorliegt, die mit Physiotherapie nicht behandelbar ist. Etwa ein Bandscheibenvorfall, der auf einen Nerv drückt. In einem solchen Fall, wenn Rückenschmerzen ins Bein ausstrahlen und noch Lähmungserscheinungen dazukommen, muss man eine Magnet­resonanz- oder eine Computertomographie machen, je nach Indikation. Denn ein solcher Patient könnte von einer Operation profitieren. Aber einfach mal in die Röhre schieben bringt nichts.

Beobachter: Wird zu viel Diagnostik mit Bildern ­betrieben?
Bachmann: Beim chronischen Rückenschmerz bestimmt. Aber es sind auch die Patienten, die Druck aufsetzen, nach dem Motto: «Ich will endlich in die Röhre!» Und irgendwann gibt halt der Hausarzt nach und überweist den Patienten ins Röntgeninstitut. Magnetresonanztomographien werden bestimmt zu viele gemacht, und man entdeckt immer etwas. Man weiss etwa, dass 80 bis 90 Prozent der Menschen über 50 Bandscheiben­vorwölbungen haben.

Beobachter: Muss ein Bandscheibenvorfall in jedem Fall operiert werden?
Bachmann: Nicht in jedem Fall. Aber wenn die Symptome – Schmerzen, Lähmungserscheinungen – mit Physiotherapie und Medikamenten nicht wegzubringen sind und wenn die Bildgebung zu den Symptomen passt, ist ein Eingriff angezeigt.

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Beobachter: Führen unnötige Magnetresonanztomographien zu Operationen, die es nicht braucht?
Bachmann: Manchmal sicher.

Beobachter: Wird generell zu viel operiert?
Bachmann: Ich sehe hier im Rehazentrum ja nur die Fälle, bei denen die Heilung sehr langsam verläuft oder Komplikationen aufgetreten sind. Unter diesen sind einige, bei denen ich den Eindruck habe, man hätte besser nicht operiert. Aber ­generell glaube ich, dass die Kollegen in der Grundversorgung nur diejenigen Patienten überweisen, die auch wirklich eine Operation brauchen. Und umgekehrt sind die Kollegen aus der Neurochirurgie und der Wirbelsäulenchirurgie kritisch genug, dass sie nicht gleich jeden auf den Operationstisch legen. Oft sind es die Patienten selbst, die auf dem Eingriff bestehen.

Beobachter: Kommen wir zurück zum unspezifischen Rückenschmerz: Was ist hier bei der ­Behandlung wichtig?
Bachmann: In der akuten Phase haben Schmerzmittel Priorität, und zwar nicht sparsam, sondern so, dass sich der Patient normal bewegen kann. Bei den allermeisten gehen die Beschwerden nach kurzer Zeit wieder weg. Röntgenbilder anzufertigen hat in der akuten Phase keinen Sinn. Auch Physiotherapie ist nicht unbedingt angezeigt, weil man sonst den Patienten sozusagen auf den Schmerz fixiert.

Beobachter: Was ist zu tun, wenn Rückenschmerzen chronisch werden?
Bachmann: Schmerzmittel sind hier viel weniger wirksam, denn in der chronischen Phase hat der Schmerz seine Funktion als Alarmsignal verloren. Er hat sich zentralisiert, das heisst, die Schmerzempfindung und -verarbeitung im Hirn ist verändert. Hier ist es entscheidend, dass sich die Patien­ten nicht zurückziehen, sondern aktiv bleiben und ihre Muskulatur wieder aufbauen.

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Beobachter: Die Hausärzte beordern Rückenpatienten nach wie vor ins Bett.
Bachmann: Die meisten Hausärzte wissen mittlerweile, dass man die Patienten zum Aktivsein bewegen muss. Sehr viel schwieriger durchzusetzen ist diese Erkenntnis bei den Betroffenen selbst: Viele Patienten sehen nicht ein, dass sie selbst etwas tun müssen, um die Kraft und die Ausdauerleistung der Rückenmuskeln wieder aufzubauen und zu erhalten.

Beobachter: Sie haben in einer Studie beschrieben, wie aus Südosteuropa stammende ­Rücken­patienten besonders Mühe mit der ­Wiedereingliederung in den Arbeitsprozess ­hätten. Wie stark spielen hier kulturelle oder soziale Barrieren mit?
Bachmann: Aufgrund der Daten müssen wir davon ausgehen, dass Leute vom Balkan oder aus der Türkei anders sozialisiert sind. Sie wuchsen mit einem Gesellschaftsmodell auf, das die – aus unserer Sicht – passiven Verhaltensweisen fördert. Auch an die Medizin haben sie andere Erwartungen: Vieles wird innerhalb der Familie gelöst, aber wenn das nicht hilft, soll es der Doktor richten. Oft scheitern wir auch an Sprachbarrieren.

Beobachter: Wie können Rückenpatienten zu mehr ­Eigenverantwortung motiviert werden? Gibt es dazu Programme oder Modelle?
Bachmann: In der Rehabilitation zeigen wir den Betroffenen mit einer wohlwollenden Begleitung, dass sie trotz Rückenschmerzen noch leistungsfähig sind. Die Physiotherapie ist deshalb in mancher Hinsicht ein Coaching, und viele Patienten ­sagen am Schluss: «Ich habe zwar immer noch Schmerzen, aber ich habe gelernt, damit umzugehen; ich kann wieder längere Strecken laufen, ich traue mir mehr zu.»

Beobachter: Welchen Stellenwert haben passive Massnahmen wie Massagen, Fangopackungen oder Elektrotherapien?
Bachmann: Vor 15 Jahren boten wir keine passiven Massnahmen an, mittlerweile haben wir sie wieder eingeführt. Erstens fördern sie das Wohlbefinden der Patienten, zweitens können wir mit Wärme oder Massage die Muskeln lockern, so dass sie fürs aktive Training besser vorbereitet sind.

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Beobachter: Führen chronische Schmerzen auch zu psychischen Problemen?
Bachmann: Ja. Viele Rückenpatienten erleiden eine Anpassungsstörung im Sinne einer depressiven Reaktion. Hier gilt es, Unterstützung zu geben – mit Medikamenten und mit psychologisch-psychiatrischer Begleitung.

Beobachter: Können umgekehrt seelische Wunden ­Rückenschmerzen auslösen?
Bachmann: Auslösen nicht, aber fördern schon. Wer neben chronischen Schmerzen auch noch Unverarbeitetes mit sich herumträgt – etwa Gewalt in der Kindheit, Unzufriedenheit am Arbeitsplatz, Partnerschaftsprobleme –, spürt das an der Wirbelsäule. Ein solcher Patient sollte unbedingt zum Psychiater. Hier in Valens gehört dies übrigens zu unserem Behandlungskonzept. Auf der rein körperlichen Ebene können wir nicht viel erreichen, wenn gleichzeitig die Seele krank ist.

Stefan Bachmann ist Chefarzt der Klinik für Rheumatologie und internistische Rehabilita­tion der Kliniken Valens SG. Der Rheumatologe hat zahlreiche Studien über Rückenschmerzen veröffentlicht, ­unter anderem im Rahmen des ­Nationalfonds-Projekts «Muskuloskelettale Gesundheit – chronische Schmerzen».

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Die Rheumaliga Schweiz befragte in einer repräsentativen Erhebung die Schweizer Bevölkerung zur Rückengesundheit.

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Quelle: Rheumaliga Schweiz (Rückenreport Schweiz 2011); Infografik: Beobachter/dr

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