Die böckelnden Schafe, das gedämpfte Holz. Brigitte Witschi braucht keine Fotos, um sich an den Bauernhof mit Sägerei zu erinnern, wo sie aufgewachsen ist. Sie hat ihre Nase. «Mit ihr kann ich sehen und kommunizieren», sagt die Bernerin. «Sie ist ein Wunderding.»

Der Geruchssinn ist der unmittelbarste aller Sinne. Anders als visuelle oder akustische Impulse wirken Duftreize direkt auf das limbische System im Gehirn, wo die Emotionen verarbeitet werden. Düfte verankern sich als Bilder von Orten oder Menschen – als Erinnerungen, die sich nicht mehr verändern lassen. «Im Guten wie im Schlechten», sagt Witschi. Die Redensart, man könne jemanden nicht riechen, kommt nicht von ungefähr.

Düfte wecken Erinnerungen und Emotionen

Als Duftmischerin verbindet Brigitte Witschi Gerüche ausschliesslich mit positiven Emotionen. «Düfte rufen nicht nur gespeicherte Erinnerungen im Kopf ab, sie lösen auch Gefühle aus.» In ihrem Atelier Art of Scent in der Berner Altstadt kreiert sie massgeschneiderte Parfüms für Kunden. Dazu kommen olfaktorische Stadtführungen. 

«Düfte sind ein Herz- und Seelenöffner», sagt Witschi. Erlebt hat sie das in ihrer heilpädagogischen Arbeit mit blinden und mehrfachbehinderten Kindern und Jugendlichen. Sie setzte Aromatherapie ein und stellte eine positive, beruhigende Wirkung fest. «Wenn die visuellen Reize fehlen, ist der Geruchssinn eine besonders intensive Empfindungsdimension.»

Der Wald ist eine Geruchswohltat

Sie sei als «Nasenmensch» geboren, habe stets zuerst gerochen, wo andere geschaut hätten. Noch heute ist ihr Riechorgan im 24-Stunden-Betrieb. Wo immer sie ist, nimmt sie Witterung auf. Eine Wohltat ist das im Wald, wo sie ihre Lieblingsnoten findet. Dann steht sie einfach da und schliesst die Augen, «so kann ich besser riechen». 

Im vollen Zug dagegen würde sie manchmal am liebsten fliehen. Viele Leute auf engem Raum, «das plaget mi». Schweiss, Ungepflegtheit, überdosierte Parfüms, manchmal auch Angst und Stress stechen ihr unliebsam in die Nase. Dann zeigt der Geruch sein verschupftes Geschwisterchen: den Gestank.

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Serie «Sie haben etwas mehr im Sinn»

In unserer fünfteiligen Serie stellen wir Menschen vor, bei denen ein Sinnesorgan besonders ausgeprägt ist. Sie alle haben im jeweiligen Bereich eine verschärfte Wahrnehmung. Die wachen Sinne können dabei ein Segen sein – oder aber zum Fluch werden, wenn sie zu scharf sind.

 

Teil 1

Absolutes Gehör: «Ich dachte, alle hören so wie ich»

Die meisten Menschen hören, ob die Musik laut oder leise ist. Karin Streule erkennt dank absolutem Gehör zusätzlich, um welchen Ton es sich handelt und ob sie die richtige Tonhöhe haben. 

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Teil 2

Synästhesie: Wenn Töne nach saurer Zitrone schmecken

Wache Sinne sind ein Segen. Für Elisabeth Sulser ist ihre zusätzliche Sinneswahrnehmung mitunter aber auch ein Fluch: Als Synästhetikerin sieht sie Töne als Farben oder schmeckt sie auf der Zunge.

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Teil 3

Fotografisches Gedächtnis: Jedes Bild brennt sich ins Gedächtnis ein

Wenn Walter Aeberli beim Zugfahren aus dem Fenster schaut, erinnert er sich auch Jahrzehnte danach noch an jedes Detail der vorbeiziehenden Landschaft. Seine besondere Gabe stellt der Rentner nun der ETH zur Verfügung.

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Teil 4

Misophonie: Wenn jemand in einen Apfel beisst, flippt sie aus

Wer an Misophonie leidet, für den sind gewisse Geräusche unerträglich. Doch bislang ist nicht mal klar, ob die Störung überhaupt eine Krankheit ist. Eine Betroffene erzählt von ihrem Spiessrutenlauf mit Geräuschen.

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Teil 5

Hochsensibler Geruchssinn: Sie hat einen guten Riecher

Brigitte Witschi ist ein Nasenmensch. In ihrer Erinnerung speichert sie zu Orten und Menschen vor allem die Düfte. Und sie kann riechen, wenn jemand Angst hat.

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«Lesen Sie, was wir beobachten.»

Dani Benz, Ressortleiter

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