Kein Zimmer für blinden Musiker
Jahrelang war Stefan Hofmann Gast in einem Aroser Hotel. Jetzt soll sein Aufenthalt wegen seiner Blindheit und einer steilen Treppe zu gefährlich sein.

Veröffentlicht am 7. Juli 2026 - 05:00 Uhr

Schwyzerörgelispieler Stefan Hofmann: «Ich kann selber entscheiden, ob ich eine Treppe nehmen kann.»
Es hätten besondere Tage für Stefan Hofmann werden sollen: die Musik-Kurswochen in Arosa. Über Tausend Profi- und Amateurmusiker treffen sich jeweils im Juli, um voneinander zu lernen und miteinander eine gute Zeit zu verbringen.
Hofmann spielt Schwyzerörgeli, unterrichtet und hat auch CDs aufgenommen. Dass er seit Geburt auf beiden Augen blind ist, hindert ihn nicht daran, an einem solchen Anlass mitzumachen. «Im Gegenteil: Der Austausch war immer ein Aufsteller, weit über das Musikalische hinaus», sagt Hofmann dem Beobachter. Besonders gefiel ihm, dass abends jeweils eine gemeinsame Stubete im Hotel stattfand. Hofmann spielte mit. «Ich war mittendrin, immer dabei – obwohl ich blind bin.»
Drei Jahre lang kein Problem
Drei Jahre lang, von 2021 bis 2023, verbrachte er jeweils eine Woche im Hotel Hold. Ein älteres Haus, aber Hofmann fühlte sich wohl dort. Dass eine steile Treppe zu den Zimmern führt, war für ihn kein Problem. «Ich bin fit und es hat ein Geländer.»
Doch dieses Jahr finden die Musik-Kurswochen ohne Hofmann statt. Zwar hatte er bereits im Februar ein Zimmer im Hold reserviert. Doch Ende April kam die Absage: Das Hotel sei mangels Lift für ihn nicht geeignet, teilte ihm die Veranstalterin Arosa Kultur mit.
Plötzliche Angst
Und die verantwortliche Hoteldirektorin, Margret Wüthrich, schreibt dem Beobachter: «Ein Sturz auf unseren nicht behindertengerechten Treppen könnte das Einkommen unserer Drei-Generationen-Familie beträchtlich gefährden.» Und: «Als Verantwortliche gingen wir in der Vergangenheit ein grosses Risiko ein. Nachträglich erkannt, waren wir zu gutmütig und zu naiv.» Seit der Tragödie von Crans-Montana habe es auch Auflagen von der Gebäudeversicherung gegeben. Die betreffen allerdings nicht die Treppe.
Für Hofmann sind das keine nachvollziehbaren Gründe für die Absage. «Ich kann doch selber entscheiden, ob ich in der Lage bin, eine Treppe zu nehmen. Da muss ich nicht bevormundet werden», sagt der 57-Jährige, der in Begleitung auch mal einen Halbmarathon läuft.
Haftung hat nichts mit Behinderung zu tun
Doch müsste das Hotel überhaupt für einen Unfall haften, wenn jemand auf der Treppe stürzt? «Die Frage stellt sich unabhängig davon, ob jemand eine Behinderung hat, betagt ist oder betrunken war», sagt Beobachter-Rechtsberaterin Irene Rohrbach. Entscheidend sei, ob die Treppe im Hotel einen Mangel habe, der einen Unfall verursacht haben könnte. Also, wenn sie nicht genügend unterhalten wurde oder fehlerhaft konstruiert ist. «Es gibt darum keinen sachlichen Grund, blinde Menschen als Gäste auszuschliessen», so Rohrbach.
Hinzu kommt: Hofmann kennt die Situation vor Ort bestens, und das Hotel wirbt auch nicht mit einer besonders behindertengerechten Ausstattung. Dann ist die Eigenverantwortung des Gastes besonders hoch.
Spielen also andere Gründe eine Rolle? «Mehrmals halfen wir Herrn Hofmann, dass er die Richtung oder einen Tritt nicht verfehlte. Wir unterstützten ihn am Frühstücksbuffet», sagt Wüthrich. Hoffmann stimmt das traurig. «Es gab genügend Kollegen unter den Gästen, die mich unterstützten, falls ich mal Hilfe brauchte.» Und alles Wichtige sei in der Nähe gewesen. Wenn er zum Beispiel während der Stubete auf die Toilette musste oder zurück ins Zimmer wollte.
Alternativen zu kompliziert
Arosa Kultur, der Veranstalter der Musik-Kurswochen, hat Hofmann zwei andere Hotels mit Lift vorgeschlagen. Er lehnte aber ab. «Für mich wären das viel kompliziertere Lösungen, um tagsüber und auch abends an die wichtigen Standorte zu kommen. Dort wäre ich tatsächlich ständig auf Hilfe von Dritten angewiesen.»
Für die Zukunft erhofft sich Hofmann etwas mehr Gelassenheit, wenn es um das Beisammensein mit Blinden geht: «Man sollte uns einfach nicht zusätzlich behindern, dort, wo wir etwas ganz gut können.»
- Gespräch mit Schwyzerörgelispieler Stefan Hofmann
- Stellungnahme Hotel Hold
- Stellungnahme Arosa Kultur




