Ich stand in der Backstube und dachte an Goethe. Dichtung und Wahrheit. Im Kochbuch, ein Klassiker von Betty Bossi, sahen die Zimtsterne perfekt aus: schneeweisse Glasur, fünf wohlgeformte Zacken, ein Guetzli glich dem anderen.

Auf dem Blech jedoch, das ich nach der vorgeschriebenen Zeit aus dem Ofen gezogen hatte, bot sich mir ein deprimierender Anblick: mehr schwarzes Loch als Sternenhimmel. Mein Weihnachtskonfekt hatte mit der Fotografie im Betty-Bossi-Buch etwa so viel zu tun wie das fluguntaugliche Käuzchen Mimi aus der Werbung mit einer richtigen Eule im Wald.

Fröhliche Grittibänzen

Ich begab mich also in die Migros, um bessere Zimtsterne Adventszeit Gut gewürzt durch den Winter zu kaufen. Und blieb bei den Grittibänzen stehen. Auf dem Plakat lachten mir drei fröhliche Bänzen entgegen. Einem steckte eine Pfeife im Mundwinkel, einer trug einen Schal, der dritte hatte ein Schoggistängeli geschultert. Über ihren Köpfen schwebte der Spruch: «Zeit für Grittibänzen».

Als mein Blick dann über die Auslage unter dem Plakat schweifte, erschrak ich gehörig. Dichtung und Wahrheit auch hier, bei den Profis, schon wieder Goethe! Die Grittibänzen, die da nämlich zum Verkauf angeboten wurden, waren angsteinflössende Ungeheuer. Sie sahen aus wie Blobfische. Manche waren einäugig, den meisten fehlte ein Mund. Einem Grittibänz sagt man gemäss Wikipedia auch Weckbobbe, Pumann oder Gebildebrot – allesamt treffendere Bezeichnungen für diese Kreaturen. Wie zum Teufel konnte das passieren?

Gebacken werden die Migros-Bänzen in den Hausbäckereien vor Ort oder bei der Migros-Tochter Jowa. Auf deren Internetseite heisst es über die Grittibänzen: «Besuchen sie jetzt ihre Hausbäckerei in der Migros-Filiale und bestaunen sie die schönen Kunstwerke». Kunst, man weiss es, liegt im Auge des Betrachters. Vielleicht war der Bäcker ja ein Vertreter des Surrealismus.

Placeholder

Mürrische Monster: Grittibänzen, nicht ganz in Form.

Quelle: Peter Aeschlimann
Anzeige

Guetzli mit inneren Werten

Die Frage geht an den Migros-Pressesprecher: Wie kommt es zu dieser Diskrepanz? «Wir stellen sehr viele Grittibänzen her und haben daher eine Optik gewählt, die von den Hausbäckereien in den von uns benötigten (grossen) Mengen gut umsetzbar ist. Durch die Gärung können die als Teig freundlich gestalteten Gesichter ein anderes Aussehen erhalten. Dies liegt in der Natur der Sache und zeigt, dass unsere Grittibänzen von Hand hergestellt werden.»

Wann ist ein Bänz ein Bänz? Die Migros, verrät der Pressesprecher, verwendet eine Mustervorlage. Je nach Rezeptur seien die Grittibänzen mit Hagelzucker bestreut, hätten eine Rute oder seien ganz neutral. «Die Features sind also sehr vielfältig.» Er hoffe, dass mir der Bänz besser geschmeckt habe als er aussah.

Hat er. Und ich schäme mich ein bisschen. Auf die inneren Werte kommt es an! Geht es an Weihnachten nicht gerade auch darum? Wieder zuhause verpacke ich meine selbstgebackenen Guetzli Ernährung Geniessen ohne Reue in einem Säcklein und binde eine rote Schlaufe drum. Die Verwandten werden sich freuen, bestimmt. Ob sie meine Guetzli dann auch essen werden, steht auf einem anderen Stern.

«Für dumm verkauft»

Etikettenschwindel, falsche Preisangaben, haarsträubende Werbung oder sonst ein Reinfall: Für Ärger beim Shoppen ist leider nur allzu häufig gesorgt. Auch Beobachter-Redaktorinnen und -Redaktoren fühlen sich öfters für dumm verkauft. Was sie dabei erleben, lesen Sie jede Woche unter dieser Rubrik.

Schicken Sie uns Ihre persönlichen Shopping-Ärgernisse an redaktion@beobachter.ch!

«Woche für Woche direkt in Ihre Mailbox»

Peter Aeschlimann, Redaktor

Woche für Woche direkt in Ihre Mailbox

Der Beobachter Newsletter