Manchmal geht es um Bruchteile von Rappen. Wenn Marks & Spencer das gleiche T-Shirt anderswo billiger erhält, wechselt die Firma den Produzenten. Wenn es sein muss, dreimal pro Saison. Bei 500'000 Stück macht das für den britischen Kleiderriesen einen Unterschied. Die Folgen sind fatal: rücksichtslose Ausbeutung, Verschleuderung von Ressourcen, systematische Zerstörung von Lebensraum. Es ist Raubbau am Menschen.

«Der Preis ist das letzte Mass der Bekleidungsindustrie. Es geht nur darum, wo man noch billiger produzieren kann. Das Risiko von Skandalen nehmen die grossen Markenhersteller billigend in Kauf.» Peter Waeber sagt das ungefähr so nüchtern wie ein Arzt, der auf der Intensivstation feststellt, der Blutdruck des todgeweihten ­Pa­tienten sei stabil. Er arbeitet seit 40 Jahren in der Textilbranche, kämpft seit 20 Jahren für eine nachhaltige Produktion – seit bald 15 Jahren mit seiner Beratungs­firma Bluesign Technologies in St. Gallen, die schon Hunderte von Textilbetrieben rund um den Erdball kon­trolliert hat. Zu seinen Kunden gehört die Creme der Outdoor-Hersteller, seit Neuestem auch Nike.

Ökologisch und sozial wäre möglich

Waeber, unschweizerisch unbescheiden, will nur eins: die Textilbranche revolutionieren. Kleider sollen ausschliesslich ökologisch verträglich und sozial verantwortbar hergestellt werden dürfen. Das ist keine wirre Vision, sondern wäre möglich. «Wir verfügen seit Jahren über das nötige Know-how, nur liegt dieses Wissen brach», sagt er in seinem Büro im St. Galler Empa-Hochhaus, den Blick auf zwei Plakate mit Extrembergsteigern an aalglatten Felswänden gerichtet. Die Plakate stammen von Waebers erstem Kunden: der kalifornischen Outdoor-Edelfirma Patagonia, die es in den achtziger Jahren schaffte, aus PET-Flaschen feine Fleecestoffe herzustellen. Bis heute zählt man sie zu den Stoffen mit der besten Ökobilanz (siehe «‹Natürlich› ist nicht immer gut»).

Doch Outdoor-Marken sind die Spitze der Textilbranche. Im Modebereich geht es hemdsärmeliger zu und her. «In der einen Fabrik trifft man auf Produk­tionsbedingungen, die punkto Wasser, Energie und Chemikalien vorbildlich sind, nebenan herrschen kata­strophale Zustände», sagt Waeber. «Es kommt auf den einzelnen Betrieb an, nicht auf das Land.» Auch in Bangladesch finde man ­Fabriken, die korrekt produzieren.

Fortschritte hin zu mehr Ökologie seien oft frustrierend klein, beklagt die deutsche Journalistin Kathrin Hartmann in ihrem Buch «Ende der Märchenstunde». Die Verantwortung dafür tragen die grossen Kleiderkonzerne. «Erst wenn die H & Ms und C & As richtig Druck machen, werden die Zulieferfirmen in Asien und Lateinamerika umstellen», bestätigt Waeber. Auf härtere Gesetze zu hoffen sei bestenfalls naiv.

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In vielen Betrieben herrsche Willkür. «Überstunden werden einfach gestrichen. Personal wird nach dem Heuern-und-Feuern-Prinzip angestellt. Arbeitsverträge werden keine ausgestellt. Miese Behandlung, überlange Arbeitstage, Mangel an Nahrung, das Fehlen medizinischer Versorgung – das alles ist Alltag», so Yunus. Und wer sich gegen dieses System auflehne, werde von Banden der Fabrikbesitzer verdroschen oder lande im Gefängnis.

Nach dem Einsturz der Rana-Plaza-Fabrik im April mit 1133 Todesopfern und über 2500 Schwerverletzten waren die Produktionsbedingungen in Bangladesch plötzlich weltweit ein Thema. Um einen Exodus der Textilkonzerne zu verhindern, forderte Yunus tiefgreifende Reformen. Die Modekonzerne sollen in ihren Zuliefer­betrieben dafür sorgen, dass der Minimallohn auf 50 US-Cents pro Stunde verdoppelt wird. Und die Regierung soll eine «Happy Worker»-Steuer einführen: Zehn Prozent des Umsatzes sollen an eine nationale Stiftung gehen, die mit dem Geld die Lebensumstände der Arbeiterinnen und Arbeiter insgesamt verbessern soll.

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Willkür in Textilbetrieben

Doch die grossen Konzerne tun zu wenig. Weil Manager hohe Produktionskosten noch mehr scheuen als tiefe Boni. Dabei könnten sie auf das Wohlwollen der Konsumenten zählen und für fair hergestellte Ware mehr verlangen. Gemäss einer Umfrage des «Stern» vom Mai 2013 wollen 66 Prozent der Deutschen nicht bei Firmen kaufen, die unter menschenunwürdigen Bedingungen produzieren lassen. Gar 85 Prozent würden mehr bezahlen für Kleider, die nachweislich unter umweltverträglichen und fairen Bedingungen hergestellt wurden. Das sind Umfragewerte aus dem Schnäppchenland Deutschland, in der Schweiz dürften sie eher noch höher sein.

Druck aus dem Westen ist dringend ­nötig, insbesondere in Bangladesch: «Die Lebensbedingungen der Textilarbeiter sind so schlecht wie in keinem anderen Indus­triezweig.» Sie seien auch schlechter als in China, Sri Lanka oder Vietnam, sagt der Bangladescher Muhammad Yunus, Friedensnobelpreisträger von 2006. Der monatliche Mindestlohn liegt mit 35 Franken deutlich tiefer als in Kambodscha (74 Franken) oder im südchinesischen Guangzhou (200 Franken).

«Es muss etwas geschehen!»

Die Mehrkosten – 1,8 Milliarden Dollar pro Jahr – seien für die Käufer im reichen Norden verkraftbar. «Ob man für ein Hemd 35.50 statt 35 Dollar zahlt, spielt in New York keine grosse Rolle», meint Yunus. Und die Firmen könnten erst noch mit einem Fairness-Label werben, mit Etiketten wie: «From the Happy Workers of Bangladesh, with Pleasure» – von den glücklichen Arbeitern aus Bangladesch, mit Vergnügen.

«Bangladesch muss die Gewähr bieten, dass so etwas nie wieder passieren kann. Sonst wird ein Kleiderkonzern nach dem anderen dem Beispiel von Walt Disney folgen und sich aus dem Land zurückziehen», so Yunus. Davor fürchten sich in Bangladesch alle. Denn die Textilbranche erwirtschaftet 80 Prozent der Exporteinnahmen und 20 Prozent des Bruttoinlandprodukts. 12 der 150 Millionen Einwohner sind direkt von der Branche abhängig.

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Humane Arbeitsbedingungen seien dringend nötig, sagt auch der Chef des Kleiderherstellers American Apparel, Dov Charney. «Niemand will ein sexy Stück Unterwäsche oder Lingerie tragen, das unter sklavenähnlichen Bedingungen hergestellt wurde.» Er fordert die Chefs der 50 grössten Kleiderfirmen auf, zusammenzukommen und das Problem endlich zu lösen. «Stellen Sie sich das nur vor: 1100 Tote! Bei 9/11 starben 3000 Menschen, und wir in Amerika reden noch heute jeden Tag ­da­rüber. Rana Plaza ist der 11. September der Bekleidungsindustrie. Es muss etwas ­geschehen!»

Faire Schweizer?

Die Schweiz ist zwar Weltmeisterin im fairen Handel, doch Fair-Trade-Produkte fristen mit einem Volumen von 450 Millionen Franken im Jahr 2012 auch hierzulande bloss ein Nischen­dasein. Vom Umsatz entfallen auf Textilien 17,1 Prozent. Das heisst: Schweizerinnen und Schweizer geben pro Jahr im Schnitt Fr. 9.55 für fair gehandelte Kleider aus, sie kaufen also nicht einmal ein einziges T-Shirt aus fairem Handel. «Unser Ziel ist, den Umsatz mit Fair-Trade-Produkten wenigstens zu verdoppeln – damit wir bald zu Recht stolz auf unseren Weltmeister­titel sein können», sagt Sonja Ribi, Geschäftsführerin von Swiss Fair Trade.

Benetton, C & A, Mango, Zara zahlen nicht

Geschehen ist aber herzlich wenig. Nicht einmal die Hinterbliebenen der Opfer wurden bisher einigermassen entschädigt. Als einzige Firma hat das Hongkonger Handelshaus Li & Fung 980 Euro pro Opfer gezahlt, aber nur an die Familien der wenigen Arbeiterinnen, die nach dem Einsturz identifiziert werden konnten. Die Gespräche zwischen Gewerkschaften und den Firmen, die in Rana Plaza Kleider fertigen lies­sen, scheiterten Ende September in Genf. Nur gerade jede dritte betroffene Firma hatte überhaupt Vertreter an die Verhandlungen geschickt. Unter den vielen Abwesenden waren unter anderem Benetton, Inditex (Zara), Mango und C & A. Wie weitere 80 Markenhersteller haben sie nur das Brandschutzabkommen unterzeichnet, für das die Clean Clothes Campaign schon im letzten Winter geworben hatte. «Bis zur Katastrophe von Rana Plaza hatten aber nur zwei Firmen unterschrieben», sagt Oliver Classen, Sprecher der Erklärung von Bern, die die Clean Clothes Campaign in der Schweiz koordiniert. «Dann wollten plötzlich alle dabei sein.»

Maik Pflaum von der deutschen Initia­tive Romero warnt Konsumenten vor falschen Hoffnungen: «Wenn Grossfirmen schreiben: ‹Wir garantieren, dass in unseren Zulieferfirmen die gesetzlich festgelegten Mindestlöhne gezahlt werden›, heisst das übersetzt: ‹Wir garantieren, dass Hungerlöhne gezahlt werden.›» Aber Boykotts von ganzen Ländern wären kontraproduktiv, warnen Martina Hahn und Frank Herrmann in ihrem Ratgeber «Fair einkaufen – aber wie?» Darunter würden nur die Fa­brik­arbeiterinnen und -arbeiter leiden: «Die Alternative ist nicht, keinerlei Billigprodukte mehr aus armen Ländern zu kaufen – sondern Produkte zu kaufen, die dort unter menschenwürdigen Bedingungen hergestellt worden sind.»

Den Lohn verdoppeln löst Probleme nicht

Für Patrick Hohmann ist Baumwolle mehr als der Stoff, aus dem die Kleider sind. Seine Freunde sagen, er habe Baumwolle im Blut. Als Sohn eines Baumwollhändlers wächst er in Ägypten und im Sudan auf. Als ausgebildeter Textilingenieur gründet er 1983 die Handelsfirma Remei, ab 1990 richtet er sie konsequent auf Bio aus. Mit Coop, seinem grössten Kunden, entwickelt Hohmann weltweit anerkannte Standards für den Anbau von Biobaumwolle und die Produktion ökologischer und sozialverträglicher Kleider. Neben Naturaline produziert er zum Beispiel für Mammut und Greenpeace.

Hohmann ist kein Mann der schnellen Lösungen. «Es ist eine Illusion zu glauben, man müsse nur den Mindestlohn verdoppeln, und schon sei das Problem gelöst.» Das heize nur die Inflation an und gefährde die Wettbewerbsfähigkeit von Ländern wie Bangladesch. Vor allem aber ändere sich nichts an den lebensfeindlichen Arbeits­bedingungen.

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Hohmann zahlt seinen 8000 Bauern eine 15-prozentige Bioprämie und garantiert, ihnen die gesamte Baumwollernte abzunehmen. Er lässt nur in Textilfabriken produzieren, die faire Arbeitsbedingungen vorweisen und existenzsichernde Löhne zahlen. Um in Indien und Tansania verantwortungsvoll zu arbeiten, brauche es aber mehr. Deshalb hat Hohmann bereits 1997 die Stiftung BioRe gegründet, die inzwischen 20 Dorfschulen gebaut, diverse mobile Gesundheitszentren eingerichtet, je ein Ausbildungszentrum für Biolandbau in Indien und Tansania geschaffen sowie 2560 Biogasanlagen und 2500 rauchfreie Öfen finanziert hat. Die Stiftung vergibt auch Mikrokredite – wie das Muhammad Yunus’ Grameen Bank seit Jahrzehnten tut.

«Von der Industrie überfahren»

Kleider zu produzieren sei wegen der vielen Arbeitsschritte eine komplexe Sache, sagt Hohmann – vom Anbau und Entkernen der Baumwolle übers Spinnen, Stricken, Färben, Drucken und Konfektionieren bis zum Verkauf. Und die Produktion finde nicht im luftleeren Raum statt, sondern meist in den ärmsten Ländern. «Es genügt nicht, einen Verantwortlichen für Corporate Social Responsibility anzustellen und einen Hochglanz-Umweltbericht zu drucken.» Man müsse wie ein Seiltänzer in Bewegung bleiben und sich ständig auf neue Situationen einstellen.

«Das Schwierigste aber ist, bei allem wirtschaftlich die Balance zu halten. Wer Kleider herstellt, ist meist schon mit zwei Prozent Gewinn zufrieden.» Hohmanns Produktionsmodell kostet aber deutlich mehr als andere. Allein die Prämie für die Bauern verteuert jedes Kleidungsstück um 35 Rappen. Hinzu kommen weitere 35 Rappen für die Sozialprojekte und die Kosten für die aufwendigen Kontrollen vor Ort. «Das funktioniert nur, wenn wir als Zulieferer und der Verkäufer auf etwas Marge verzichten und die Konsumenten einen etwas höheren Preis zahlen», so Hohmann.

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Manchmal reicht das nicht. Letztes Jahr ging Hohmann fast die gesamte Biobaumwollernte in Indien verloren. 20 Prozent der Samen waren nicht gesprossen. Die Bauern beschafften sich auf lokalen Märkten Saatgut und pflanzten neu an. Wie sich hinterher herausstellte, waren die Samen genverändert gewesen. «Wir wurden von der Industrie jahrelang eingelullt und nun richtiggehend über­fahren», sagt Hohmann. In nur acht Jahren eroberten Gentechsorten über 80 Prozent der Anbau­fläche von Baumwolle. Die Züchtung beschränkte sich auf sie. Gutes Saatgut für den Biolandbau ist dagegen nur noch schwierig zu bekommen. Hohmann zog die Konsequenzen. Er gründete mit dem Forschungsinstitut für biologischen Landbau in Frick AG und der Universität Dharwad ein Joint Venture. Das soll Wege finden, wie man die Diversität von gentech-freier Baumwolle erhalten kann.

Die Produktion von A bis Z durchleuchten

Der Lausanner Firmensitz des Mode­labels Switcher gleicht einer grossen Metallbox. Oben links die Büros, rechts das Waren­lager, unten – gleich neben dem Firmenparkplatz – das Büro von Robin Cornelius. Er hatte das Label mit dem gelben Walfisch 1981 gegründet, als Student. T-Shirts waren cool, das Leben war schnell, das Business ein einziges Abenteuer. Nach dem Erd­gipfel 1992 aber las er auf einem Flug nach London erstmals über Sustainability, Nachhaltigkeit. «Ich wusste sofort: Das ­mache ich ebenfalls!» Cornelius baute Switcher in ein Ökolabel um.

Entscheidend für den Erfolg dieser Strategie sei, dass man unbedingt glaubwürdig ist. Das erreichte Cornelius, indem er mit den schärfsten Kritikern der Branche zusammenspannte. Switcher trat der Fair Wear Foundation (FWF) bei und lässt sich seither von ihr kontrollieren. Vor ein paar Jahren ging er einen Schritt weiter und schuf volle Transparenz über den gesamten Produktionsprozess: mit einem sogenannten Traceability Tool, wie es erstmals vom St. Galler Pionier Bluesign für Patagonia eingesetzt wurde und auch von Remei (www.biore.ch) verwendet wird. Auf ­Respect-Code.org geben Switcher-Kunden den aufs Etikett gedruckten Code ein – und sehen dann, woher die Baumwolle kommt, wo der Stoff gewoben und gefärbt und in welcher Fabrik das Shirt genäht wurde.

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Die Kleinen müssten sich zusammentun

Transparenz zu schaffen ist kein Kinderspiel. Man muss sich nur einmal seine Garderobe genauer ansehen. BHs etwa bestehen aus bis zu 80 Teilen, Schuhe aus gut 50, Hemden aus mindestens 10. Knöpfe, Reissverschluss, Faden und Stoff können aus unterschiedlichen Quellen stammen und irgendwo zusammengefügt werden. Eine Jacke ist Stoff gewordene Globalisierung.

Als Cornelius vor einem Jahr Ersatz für seinen indischen Zulieferer suchte, entschied er sich für Portugal, Rumänien und – nicht unproblematisch – für einen Hersteller aus Bangladesch, für Karooni. Dem Entscheid gingen umfangreiche Abklärungen voraus. Die zentrale Frage dabei: Wie lässt sich sicherstellen, dass die Näherinnen tatsächlich existenzsichernde Löhne erhalten? Und das in einer Fabrik, der man nur einen Bruchteil ihrer Jahresproduktion abnimmt? Gilles Dana, seit bald zehn Jahren Nachhaltigkeitsverantwortlicher von Switcher, erfand dafür ein Bonussystem. Es nimmt sich aus wie eine Variante von Yunus’ «Happy Worker»-Steuer oder die Ein-Prozent-für-die Umwelt-Bewegung des Patagonia-Gründers Yvon Chouinard.

Switcher zahlt ein Prozent des Karooni-Umsatzes in einen Fonds, den die Fair Wear Foundation verwaltet. In den ersten zwölf Monaten kamen so 12000 Franken zusammen. Lässt Switcher in einem Jahr noch einmal so viel von Karooni produzieren, erhält jede der 3300 Arbeiterinnen ­einen 5-Franken-Bonus. Bei einem Monatslohn von 40 Franken macht das einen Unterschied. Ziehen andere Marken­hersteller mit, werde es für die Näherinnen irgendwann einen 13. Monatslohn geben, hofft Dana. «Wenn wir Kleinen uns zusammenschliessen, können wir wie ein Grosser auftreten und unsere Vorstellung von fairer und ökologischer Produktion bei den Zulieferern durchsetzen.»

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Fabrikbesitzer haben wenig zu befürchten

Dana versucht sich auch an einer zweiten Reform. Switcher organisiert in der Fabrik Workshops, in denen die Arbeiter über ihre Rechte aufgeklärt werden. Dana sagt des­halb: «Kontrollen zu Arbeitsbedingungen sind eigentlich ein In­strument von gestern. Das Tool des 21. Jahrhunderts heisst Schulung.» Die Arbeiter sollen sich selber wehren können. Im Umweltbereich liegt die Sache anders. «Aus Erfahrung wissen wir, dass es auch in Zukunft ohne Kontrollen leider nicht gehen wird», sagt etwa Peter Waeber von Bluesign.

«Die Tragödie von Rana Plaza hat gezeigt, dass diese Kontrollen nicht immer greifen und manchmal falsche Sicherheit vorgaukeln», sagt Oliver Classen von der Clean Clothes Campaign. Prüfer hatten der Fabrik gute Noten in Sachen Arbeits­­be­dingungen erteilt. Ein TÜV-Mitarbeiter in Bangladesch erklärte diesen Sommer dem deutschen TV-Magazin «Monitor», wie es zu dieser Fehlleistung kommen konnte: 70 Prozent der Kontrollen seien angekündigt, bei weiteren 15 Prozent wissen die Fabrikleiter, wann sie durchgeführt werden. Kinder sieht man in den Fabriken dann keine mehr. Einige Kontrolleure schauen einfach weg. Sie werden bestochen.

Anfang Juli gab es in Bangladesch nur gerade 17 staatliche Prüfer, um die Arbeitsbedingungen in den über 5000 Textilbetrieben zu kontrollieren. Und keinen einzigen Beamten, der die Statik der Fabrikgebäude untersuchte.

Würdig und ökologisch: Faustregeln für Kleider

«Der Blick aufs Etikett verrät dem Kunden nicht, ob der Anzug von einem Kind zusammengenäht worden ist oder ob Arbeiter beim Färben der Baumwolle mit giftigen Stoffen in Berührung gekommen sind.» Das schreiben Martina Hahn und Frank Herrmann im Ratgeber «Fair einkaufen – aber wie?».

Es gibt aber hilfreiche Faustregeln für Konsumenten, die fair und ökologisch hergestellte Kleider tragen wollen.

Je billiger, desto höher das Risiko

Kleider unter zehn Franken sind Risiko­produkte. Das heisst nicht, dass jedes preiswerte Teil unter unwürdigen Bedingungen hergestellt wurde. Falsch ist auch der Umkehrschluss: Teuer heisst nicht automatisch besser. Edelmarken lassen in denselben Fabriken nähen wie Discounter. Teuer heisst vor allem, dass viel PR im Spiel ist und der Markenname kostet.

Fair Trade und Bio gehen vor

Bevorzugen Sie Marken, die transparent über die Herkunft der Kleider berichten und ihr Engagement für bessere Arbeitsbedingungen dokumentieren. Hinweise geben seriöse Labels wie bioRe, Bluesign, GOTS (Global Organic Textile Standard) und Cradle2cradle. Nur Marken, die mit Internettools die Rückverfolgbarkeit ihrer Kleider sicherstellen, sind glaubwürdig.

Weniger supertrendige Mode kaufen

Nur Kleider, die oft getragen werden, haben eine gute Ökobilanz. Schnelle, supergestylte Fashion nicht: Sie gerät schnell wieder aus der Mode und bleibt im Schrank liegen. Weniger extrem geschnittene, gut verarbeitete Stücke bleiben länger in Form und länger modisch.

Reduzieren und wiederverwenden

Auch im ökologischsten Kleidungsstück steckt eine Menge an Rohstoffen und Energie. Halten Sie sich deshalb an die 3-R-Regel: «Reduce, reuse, recycle» (reduzieren, wiederverwenden, rezyklieren).

Nicht kopflos wegwerfen

Statt Kleider mit dem Abfall zu entsorgen, kann man gut erhaltenen Stücken ein zweites Leben schenken: verschenken oder tauschen, alte Stücke zu neuen umschneidern, über ein Secondhand-Geschäft oder Internetplattformen ver­kaufen, an eine wohltätige Organisation abgeben. Einzelne Marken nehmen alte Kleider zurück und bieten sie über Internetplattformen zum Verkauf an.

«Natürlich» ist nicht immer gut

Der Stoff ist der wichtigste Faktor, um die Umweltbelastung von Kleidungsstücken zu messen. Darauf basiert der Nike-MSI-Index, der angibt, wie umweltverträglich die Stoffe sind. Diesen Index hat der Sportartikler in einem acht Jahre dauernden Prozess ermittelt, bei dem 80'000 Materialien von 1400 Zulieferbetrieben analysiert wurden. Die deutsche Sachbuch­autorin Kirsten Brodde («Saubere Sachen») hat aber errechnet, dass Baumwolle bloss 70 Prozent des Gewichts eines Kleidungsstücks ausmacht. Der Rest sind Bleichmittel, Aufheller, Weichmacher, Färbebeschleuniger und Flammschutzmittel. Auf dem Kleideretikett findet sich kein Hinweis auf diese Hilfsstoffe.

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Der Preis eines T-Shirts

An Kleidern verdienen alle richtig gut. Nur jene nicht, die T-Shirts, Hemden und Hosen zusammennähen. Sie erhalten bloss ein Prozent des Verkaufspreises. Ein Klacks im Vergleich zu den 63 Prozent, die das Verkaufs­geschäft in der Schweiz einsackt. Mit solchen Zahlen wollen Organisa­tionen wie Greenpeace oder die Clean Clothes Campaign aufzeigen, wie unfair Arbeiterinnen in Bangladesch, China oder Vietnam bezahlt werden. Doch die ­Realität ist weit brutaler. Das hat das in solchen Fragen unbestechliche «Wall Street Journal» nachgewiesen. Nach Recherchen in Dhaka und Neu-Delhi kam das führende Wirtschaftsblatt zum Schluss: Der Fabrikpreis für ein T-Shirt liegt in Bangladesch zwischen Fr. 1.50 und 5.60. Eine Näherin verdient pro Stück zwischen 9 und 11 Rappen. In London wird das T-Shirt für ­umgerechnet Fr. 5.80 (Walmart) bis 87.– (G-Star Raw) verkauft. Die Nähe­rin verdient im besten Fall zwei Prozent bei Billigst­ware, im schlechtesten Fall ein Promille. Das zeigt: Der Verkaufspreis lässt keinerlei Rückschlüsse auf den Lohn der Näherin zu.