Die Schweiz ist fast Weltspitze, wenn es um Gesundheitskosten geht. Nur in den USA ist es noch teurer, gesund zu bleiben. Schuld daran sind auch die hohen Preise für Medikamente. Sie kommen auf undurchsichtige Weise zustande.

Ein Faktor dabei ist der Kuhhandel zwischen Pharmafirmen, Krankenkassen und Zulassungsbehörden der verschiedenen Länder. Bei den Verhandlungen werden die offiziellen Preise am obersten Limit belassen; später werden darauf Rabatte von 20 bis 60 Prozent erlassen. Wie hoch sie sind, ist Verschlusssache, zeigen Studien mit Beteiligung der Weltgesundheitsorganisation.

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Auch die Schweiz und diverse europäische Länder vergleichen ihre Preise miteinander. Die Basis dafür sind aber die offiziellen, viel zu hohen Preise. Es sei wie beim Teppichhandel auf einem Basar, sagt dazu ein Kadermitglied des Bundesamts für Gesundheit. Jedes Land hoffe, mit den Geheimrabatten besser zu fahren als die anderen.

Das Parlament in Bern berät derzeit über kostendämpfende Massnahmen im Gesundheitswesen. Doch bei den Medikamentenpreisen fehlen Lösungsvorschläge, die wirken. Den Abgleich mit europäischen Ländern stuft sogar der Bundesrat als untauglich ein: «Dies führt zu einer Kostensteigerung (Preisspirale nach oben).» Trotzdem schlägt er vor, die heutige Praxis im Gesetz festzuschreiben. Der Kuhhandel soll also weitergehen.

20 Medikamente mit Geheimrabatten

Eine Studie im Medizinjournal «The Lancet» vom März 2021 zeigt: Bei 51 Medikamenten, die Swissmedic zwischen 2012 und Oktober 2020 zuliess, können höchstens Fachleute die ausgehandelten Rabatte aus dem Kleingedruckten herauslesen. Bei 14 Medikamenten blieben sie sogar völlig geheim; etwa bei den Brustkrebsmitteln Talzenna von Pfizer und Kisqali von Novartis. Inzwischen sind es rund 20 Medikamente mit Geheimrabatten geworden.

«Mit solchen intransparenten Preismodellen liefert sich die Schweiz völlig der Pharmaindustrie aus», sagt Patrick Durisch, Gesundheitsexperte bei der Nichtregierungsorganisation Public Eye.

Auch die Schweizerische Patientenorganisation wehrt sich gegen die Deals. Beratungsleiter Daniel Tapernoux kritisiert insbesondere die intransparenten Rabattvergütungen: «Bei teuren Krebsmedikamenten kassiert die Krankenkasse die Rückvergütung, die Patienten gehen leer aus.»

«Die geheimen Absprachen sind für die Berechnung der Gesundheitskosten schädlich», sagt Gesundheitsökonom Simon Wieser von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Er warnt vor weiteren Kostensteigerungen: «Je mehr Staaten hier mitmachen, desto weniger wissen wir, wie viel global für Medikamente tatsächlich bezahlt wird.»

Generika mehr als doppelt so teuer

Im Aus steht die Schweiz auch bei den Preisen für Generika, die Nachahmerprodukte. Es gibt hier Wettbewerb, weil sich mehrere Hersteller auf dieselben Generika spezialisiert haben. Die Preise gegenüber dem Original sinken daher in ganz Europa. Nur nicht in der Schweiz.

Hier sind Generika im Schnitt mehr als doppelt so teuer wie in Europa. Exakt 165 Prozent, zeigen Berechnungen des Preisüberwachers Stefan Meierhans. Seit Jahren lässt er die Bevölkerung wissen, wie viel zu viel sie für Generika hinblättern muss – und was dagegen zu tun wäre. 

Vor einem Jahr publizierte Meierhans die Preise von 23 Generika. Zwei Beispiele: Für 98 Tabletten des Antidepressivums Venlafaxin zahlt man in Dänemark umgerechnet 9,68 Franken, in der Schweiz 92,75 Franken, also 857 Prozent mehr. 100 Tabletten des Schmerzmittels Ibuprofen (600 Milligramm) kosten in Schweden 5.58 Franken, in der Schweiz mehr als das Fünffache: 28,75 Franken.

An Ostern doppelte Meierhans mit zehn weiteren Mitteln nach. Der Magensäureblocker Pantoprazol etwa ist in der Schweiz 593 Prozent teurer als in Schweden, der Blutdrucksenker Amlodipin 195 Prozent. Bewirkt haben die erschreckenden Zahlen kaum etwas.

«Das ganze System der Medikamentenpreisgestaltung ist hochgradig an den Interessen der Pharma orientiert.»

Rudolf Strahm, ehemaliger Preisüberwacher

Auch die überhöhten Preise für Generika haben mit den teuren Originalprodukten zu tun. Je tiefer die Verkaufszahlen des Originals, desto geringer ist der vorgeschriebene minimale Preisabschlag – in der Praxis zwischen 20 und 70 Prozent. Hinter diesem Preisregime steht die Befürchtung, Hersteller könnten bei zu tiefen Preisen zu wenig Generika auf den Markt bringen. 

Ganz anders läuft es in der EU. Dort sorgen Parallelimporte für markant tiefere Preise bei Generika und Originalmitteln. Der Freihandel erlaubt es Grosshändlern, die günstigeren Mittel aus dem einkommensschwachen Süden in den teureren Norden zu importieren.

Der Parallelimport wirke sogar doppelt preissenkend, sagt Karsten Wurzer, Sprecher des Verbands der Arzneimittelimporteure Deutschlands. Behörden und Krankenkassen erzielten pro Jahr 330 Millionen Euro an direkten Einsparungen. Darüber hinaus komme es zu einer indirekten Preisreduktion. Wurzer sagt: «Pharmafirmen achten im EU-Binnenmarkt sehr genau darauf, dass sie ihre Preise in einzelnen Ländern nicht allzu hoch ansetzen. Sie wissen, dass sonst Parallelimporte die Preisunterschiede zunichtemachen.» In Deutschland belaufen sich die indirekten Kosteneinsparungen auf 4,4 Milliarden Euro pro Jahr. 

Parallelimporte geblockt

Die Schweiz steht bei den Parallelimporten dagegen auf der Bremse. Seit 2009 dürfen zwar patentgeschützte Güter aus Europa importiert werden. Ausgerechnet für die überteuerten Medikamente gilt das aber nicht. Bundesrat und Parlament haben das verboten für Produkte, deren Preise staatlich geregelt sind. Damit soll die einheimische Pharmaindustrie geschützt werden. Rudolf Strahm, der sich als ehemaliger Preisüberwacher seit 2004 für Parallelimporte und den Beitritt zur Europäischen Arzneimittel-Agentur starkmacht, urteilt: «Das ganze System der Medikamentenpreisgestaltung ist hochgradig an den Interessen der Pharma orientiert.»

Das gelte auch für Generika, für die der Importmarkt theoretisch offen wäre. In der Praxis müssten Importe aber die Zulassungshürden der Arzneimittelkommission des Bundesamts für Gesundheit nehmen, wo ein 16-köpfiges Gremium mit zwei Pharmaforschern, vier Apothekerinnen und zwei Industrievertretern die Interessen der Pharmabranche durchsetzt. Strahm sagt es so: «Die Kontrollierten kontrollieren ihre Kontrolleure selber.»

Fixmarge soll Preise senken

Diese Selbstkontrolle geht selbst dem Nationalrat zu weit, zumindest bei den Generika. Denn jedes Produkt aus der EU hat ja bereits ein Zulassungsverfahren durchlaufen. Der Nationalrat will darum Generika-Parallelimport erlauben. Doch beim Ständerat sind bereits Vorbehalte laut geworden. So müsse die Schweiz über Einnahmevorschriften und Nebenwirkungen der Medikamente in mehreren Sprachen informieren. Eine Herausforderung für die Importeure. 

Der Nationalrat setzt an anderer Stelle an. Die Margen für Ärzte und Apotheker bei teuren Medikamenten sollen gesenkt werden. Der Vorschlag kommt von den Krankenkassen. Dazu Mathias Früh, Leiter Gesundheitspolitik bei Helsana: «Ein Arzt, der das Original abgibt, wird heute finanziell belohnt. Eine Ärztin, die sich für das günstigste Generikum entscheidet, dagegen bestraft.»

Dank einer Fixmarge sollen teure Medikamente billiger werden. Der Vorschlag kam beim Bundesrat nicht gut an, denn die Margen für Generika müssten im Gegenzug erhöht werden, was «der Förderung von Generika zuwiderlaufen würde».

Das wirklich heisse Eisen, den Parallelimport für Originalmedikamente, wollen aber weder der Bundesrat noch der Nationalrat anpacken. Obwohl das die grössten Vorteile bei der Preisgestaltung brächte. Das würde allerdings den Beitritt zur Europäischen Arzneimittel-Agentur oder deren Anerkennung voraussetzen. Dafür könnte das fehlende Rahmenabkommen mit der EU hinderlich sein.

Ins Ausland zur Apotheke?

Solche langwierigen Verhandlungen allein seien nicht zielführend, kritisiert die spezialisierte Juristin Valérie Junod von der Uni Lausanne: «Pharmafirmen werden in Verhandlungen immer Maximalpreise fordern.» Und je reicher ein Land sei, umso höher seien heute die Preise. «Das ist kein Gesetz, aber es ist die Praxis.»

Junod macht deshalb einen pragmatischen Vorschlag: «Wenn es die Schweiz erlauben würde, den Kauf von Medikamenten in Apotheken in Frankreich und Deutschland über die Krankenkassen abzurechnen, käme es sofort zu einer massiven Preisreduktion.»

Wie die Pharmaindustrie die Preise hoch hält

Mit verschiedenen Tricks schafft es die Pharmaindustrie, ihre Milliardenerträge noch zu steigern – auf Kosten der Prämienzahler.

  • Patentverlängerung

In den USA stellten Pharmafirmen zwischen 2005 und 2015 60'000 Anträge auf neue Patente. 78 Prozent davon betrafen nicht neue, sondern bestehende Formeln. Sie wurden rezykliert oder neuen Zwecken zugeschrieben. Das zeigt eine Studie von Professorin Robin Feldman von der University of California. Die Industrie wollte auf diesem Weg nur den Patentschutz ausdehnen.
 

  • Neu, aber nicht besser

216 in Deutschland zwischen 2011 und 2017 lancierte Medikamente wurden vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen untersucht. Das Resultat: Nur 22 brachten wirkliche Verbesserungen.
 

  • Doppelter Preis für Kombinationstherapien

Sie seien bei Krebs heute zwar Standard und notwendig, sagt der Schweizer Onkologe und Forscher Thomas Cerny. Oft seien sie aber auch doppelt so teuer, obwohl sie nicht doppelt so gut wirken. Er fordert darum: Es sollte nur der Zusatznutzen vergütet werden, aufgeteilt auf beide Medikamente.
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  • Neue Anwendung, höherer Preis

Wenn sich Medikamente gegen eine andere Krankheit ebenfalls als nützlich erweisen, wird ihr Preis erhöht. Beispiel Avastin: Gegen Nierenkrebs kostet es weniger als gegen Brustkrebs, gegen Lungenkrebs dagegen mehr. Avastin wirkt ebenfalls gegen die feuchte Makuladegeneration, die die Netzhaut des Auges zerstört. Doch weder Roche noch Novartis – vertreibt das Produkt für Roche in Europa – wollen dafür eine Zulassung beantragen. Novartis verkauft gegen diese Krankheit das viel teurere Medikament Lucentis.

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