Markus Arni bittet vor dem Gespräch um sieben Minuten, er muss noch einen Patienten entlassen. Die Diagnose war: ein kaputter Bildschirm. Genesen, weil ersetzt. So einfach geht das für den Display-Doktor aus Solothurn nicht immer: «Reparaturen werden immer aufwendiger», sagt er. Insbesondere bei Apple-Geräten. «Manchmal hat man das Gefühl, Apple will gar nicht, dass die Kunden ihre iPhones reparieren können.»

Gerade bei den neuesten Geräten verwende Apple viele Kleinteile, so Arni, die Apple nur mit eigenen Geräten reparieren könne. Originalersatzteile und Reparaturanleitungen erhalten grundsätzlich nur von Apple zertifizierte Betriebe. Wer ein neues Display auf das iPhone-12-Modell setzt, muss eine Konfiguration durchführen, damit ein Warnhinweis verschwindet.

Dafür braucht es eine App, zu der ebenfalls nur zertifizierte Werkstätten freien Zugang haben. «Für eine Zertifizierung müsste ich meine Buchhaltung offenlegen», sagt Arni. «Das will ich nicht.» Ein weiteres Problem: Die Garantie auf ein iPhone erlischt, sobald eine nicht zertifizierte Werkstatt Änderungen vornimmt. 

Zu kurze Lebensspanne

Apple verneint, bewusst Hürden aufzubauen: «Wir entwickeln Produkte so, dass sie lange halten», lässt der Hersteller verlauten. Zudem verweist er auf das Independent Repair Provider Program: Damit gewährt Apple unabhängigen Dienstleistern Zugang zu Originalteilen, Werkzeugen und Reparaturanleitungen.

Die weltweit 1500 Teilnehmenden sind kostenlos dabei. Um einzusteigen, müsste Arni seine Techniker in einen zweitägigen Kurs schicken. Nicht die einzige Auflage: Kunden, die Garantie auf ihr iPhone haben, dürfte er nach wie vor nicht helfen. 

Am Ende profitieren vor allem zertifizierte Händler und Apple: Sie können Reparaturen durchführen – oder gleich ein neues Handy verkaufen. Und genau da liegt das Problem: Smartphones besitzen eine durchschnittliche Lebensspanne von drei Jahren, analysiert die Umweltorganisation European Environmental Bureau (EEB).

Wenn die Geräte nur ein Jahr länger gebraucht würden, könnte Europa über zwei Millionen Tonnen CO2 einsparen. Das entspricht etwa dem jährlichen CO2-Ausstoss von Malta.

«Die Konsumenten wären bereit, etwas mehr für ein Handy zu zahlen, wenn sie es dafür länger nutzen können.»

Prisca Birrer-Heimo, Präsidentin Stiftung für Konsumentenschutz

Auch der Abbau Zerstörerischer Abbau, inexistentes Recycling Das Lithium-Problem der rund 30 Metalle und sogenannten seltenen Erden, die sich in einem Handy befinden, belastet Mensch und Umwelt. Beispielhaft zeigt sich das auf den indonesischen Inseln Bangka und Belitung. Jahrelang wurde dort unter teils fragwürdigen Arbeitsbedingungen nach Zinn gegraben. Heute sehen die Inseln aus wie eine Mondlandschaft: Die Regenwälder sind weg, und das Wasser um die Inseln ist verschmutzt.

Die EU will jetzt auf ein «Recht auf Reparatur» für Handys setzen. Entwürfe zu konkreten Massnahmen liegen dem Computermagazin «c’t» vor: Zur Diskussion steht, dass Smartphone-Hersteller Ersatzteile an «professionelle Reparaturbetriebe» liefern müssen. Auch sollen sie verpflichtet werden, für mindestens drei Jahre Funktionsupdates zur Verfügung zu stellen und Reparaturanleitungen zu angemessenen Gebühren anzubieten.

Diese Regeln sollen 2023 in der EU in Kraft treten. Die Chancen, dass die Schweiz sie übernimmt, stehen gut: Man wolle eine Übernahme prüfen, heisst es beim Bundesamt für Umwelt. Für Elektrogeräte wie Geschirrspüler oder Waschmaschinen hat die Schweiz auch strengere EU-Vorschriften übernommen: Für diese Geräte gilt seit März 2021 etwa, dass die Hersteller bis sieben Jahre nach Lancierung des Produkts noch Ersatzteile liefern müssen.

Die Politik mischt mit

Offen bleibt, inwieweit das Recht auf Reparatur mit Software-Tricksereien ausgehebelt werden könnte. Die US-Konsumentenschutzbehörde FTC untersuchte im Frühling die Tricks, mit denen Techkonzerne Reparaturen erschweren. Apples Software, die man braucht, um nach einem Displaywechsel eine Konfiguration durchzuführen, wird darin als Beispiel genannt. 

«Konsumenten sollten möglichst überall Zugang zu Reparaturen haben», fordert SP-Nationalrätin Prisca Birrer-Heimo. Die Präsidentin der Stiftung für Konsumentenschutz setzt sich im Parlament für ein Recht auf Reparatur ein.

«Die Konsumenten wären bereit, etwas mehr für ein Handy zu zahlen, wenn sie es dafür länger nutzen können.» Das habe eine Studie der Schweizer Konsumentenschutzorganisationen ergeben. Auch Display-Doktor Markus Arni sagt: «Ich finde, die Idee der EU ist ein Schritt in die richtige Richtung. Die Schweiz sollte sich da anhängen.»

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