Im Briefkasten liegt wieder mal ein Flyer – «Bitte keine Werbung»-Schild hin oder her. Darauf zu sehen sind eine gebückte Frau und der erste Teil des Slogans: «Drogen lösen alles …». Und auf der Rückseite: «… nur Probleme lösen sie nicht.» Interessierte werden aufgefordert, ein Büchlein zu Fakten über Drogen zu bestellen.

Der Anbieter ist mit dem klingenden Namen «Narconon» aufgeführt. Das Bauchgefühl sagt, dass hier eine Recherche angezeigt ist …

Narconon preist sich als Selbsthilfeprogramm an, um von Drogen wegzukommen. Der Verein Narconon ist in der Deutschschweiz registriert und bietet hierzulande vor allem Prävention und Beratung zu Drogenmissbrauch an – für Abhängige oder auch mit Vorträgen an Schulen.

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Narconon ist jedoch international aufgebaut. So findet das Entzugsprogramm selbst nicht in der Schweiz statt, sondern in einem der Zentren in Dänemark, Italien oder den Vereinigten Staaten. 

Die Schweizer Website wirkt altbacken – hochprofessionell hingegen der internationale Internetauftritt. Idyllische Bilder, ansprechende Videos laden ein zum Drogenentzug. Wer genauer hinschaut, entdeckt jedoch schnell Lücken im Hochglanzauftritt: Zum Thema Wirksamkeit finden sich wirre Tabellen und in die Jahre gekommene Studien.

Ist dieses Angebot wirklich seriös? «Das Angebot von Narconon ist gemäss unseren Informationen von keinem Kanton anerkannt, und es ist auch nirgends im Suchtfachbereich vernetzt», sagt Franziska Eckmann, Leiterin von Infodrog, der Schweizerischen Koordinations- und Fachstelle Sucht.

Direkt in eine neue Abhängigkeit 

«Schritt für Schritt Freiheit von Abhängigkeit» – so wirbt Narconon für ihren Drogenentzug. Dass während des Programms mutmasslich Schritt für Schritt eine neue Abhängigkeit aufgebaut wird, verschweigt die Organisation geflissentlich. Wer allerdings das Entzugsprogramm genauer liest, wird hellhörig. 

Das Narconon-Programm beginnt mit einem «drogenfreien, nicht medizinischen Entzugsverfahren». Bereits während des Entzugs kommen «objektive Übungen» dazu, die helfen sollen, sich «wieder in der Gegenwart zu orientieren».

«Wichtig ist Transparenz. Der Zusammenhang zu Scientology sollte deutlich erkennbar sein.»

Georg Schmid, Religionsexperte

Weitere Bestandteile sind Nahrungsergänzungsmittel und ausgedehnte Saunasitzungen, um «Drogenrückstände im Fettgewebe» auszuschwitzen. Nach dem Entzug kommen Kurse dazu mit klingenden Titeln wie etwa «Persönliche Werte» oder «Zustände im Leben verändern». Seltsam ist auch, dass von Studenten statt von Patienten die Rede ist. 

Programmablauf und Themen erinnern an Scientology Mit Information gegen Sekte «Samstags klären wir Passanten über Scientology auf» . Und effektiv – wer auf den Websites lange genug scrollt, wird fündig. Versteckt in einer Unterkategorie taucht er dann doch noch auf, der Name des Sektengründers: L. Ron Hubbard. Damit ist die Verlinkung mit Scientology hergestellt. Das Perfide: Konkrete Hinweise auf Scientology fehlen. 

Narconom als Sozialangebot gegen Drogenmissbrauch

«Narconon ist ein Sozialangebot von Scientology, und die Rehazentren arbeiten nach der Methode von Ron Hubbard», bestätigt Susanne Schaaf, Geschäftsleiterin der Fachstelle für Sektenfragen Infosekta. «Neben der Psychiatrie ist die Drogenthematik ein zentraler Bereich von Scientology, um ihre Sichtweise zu transportieren und Menschen auf die Organisation aufmerksam zu machen.» 

Georg Schmid von Relinfo, der Evangelischen Sekten-Informationsstelle, bestätigt, dass Narconon eine der aktivsten Frontorganisationen von Scientology ist. «Scientologen sind angehalten, neue Mitglieder anzuwerben – Flyer verteilen und Schulen Vorträge anbieten sind fester Bestandteil dieser Werbung.»

Der Erfolg dieser Aktionen sei schwer einzuschätzen. Immer wieder bekomme Relinfo Anfragen zu Narconon. Schmid geht jedoch davon aus, dass die meisten danach von deren Angeboten Abstand nehmen.

Scientology bleibt im Verborgenen

Zum Flyer im Briefkasten sagt er: «Wichtig ist Transparenz. Der Zusammenhang zu Scientology sollte deutlich erkennbar sein.» Von Scientology ist jedoch auf dem Flyer nichts zu lesen. Im ganz klein Gedruckten findet sich noch ein Hinweis auf ABLE (Association for Better Living and Education) – eine weitere Frontorganisation. Wer danach oder nach Narconon googelt, findet die benötigten Hinweise schnell. 

Eine Anfrage bei Narconon für eine Stellungnahme blieb leider unbeantwortet.

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