Die Meldung schockierte viele: Im August stand in den Niederlanden ein Jugendlicher vor Gericht, der eine 15-Jährige umgebracht hatte. Hintergrund waren Auseinandersetzungen auf Facebook. Zwei Mädchen hatten sich über Wochen online bekriegt, bis die eine entschied, die einstige Freundin müsse für ihre Bemerkungen nun sterben. Sie überredete einen 14-Jährigen, die Tat auszuführen. Er tötete das Mädchen mit mehreren Messerstichen in Hals und Gesicht.

Der Fall aus den Niederlanden ist ein besonders krasses Beispiel, doch er steht für ein immer grösser werdendes Problem: Kinder und Jugendliche tragen ihre Konflikte vermehrt online aus, und Fälle von sogenanntem Cyber­mobbing nehmen stark zu. «Vor fünf Jahren hatten wir vielleicht zehn Fälle pro Jahr», sagt Walter Grossenbacher von der Kantonspolizei Bern. «Nun sind es pro Monat 10 bis 15.»

Eine erste Erklärung für diese Zunahme hat Roland Zurkirchen: «Für Kinder und Jugendliche ist die virtuelle Welt ein selbstverständlicher Teil ihrer Realität – daher tragen sie auch ihre Streitereien dort aus», so der Leiter der Fachstelle für Gewaltprävention der Stadt Zürich. Die Folgen sind verheerend: Was einmal im Internet steht, verschwindet nicht mehr. Sondern kann sich, auch wenn man den Originaleintrag löscht, ungehindert verbreiten.

«Die Hemmschwelle, jemanden online anzugehen, ist zudem niedriger», sagt Zurkirchen. Dem Gegenüber etwas direkt ins Gesicht zu sagen brauche mehr Mut.

Unter Cybermobbing verstehen Fachleute, dass jemand im Netz gezielt fertig­gemacht wird, mit Bemerkungen, ­Fotos, Videos. Dahinter können Einzeltäter stecken, oft aber ist es eine Gruppe. Am häufigsten sind Fälle von Cybermobbing in der Altersgruppe der 10- bis 15-Jährigen.

«Hast du die Scheissfrisur gesehen?»

«Oft schweigen die Opfer aus Furcht, dass die Belästigungen und Beleidigungen noch zunehmen, wenn sie die Sache melden», sagt der Sozialpädagoge Mario Antonelli. Er besucht in Zürich Schulklassen, in denen es zu Cybermobbing gekommen ist. Meist gebe es einige wenige aktive Mobber und eine grössere Gruppe, die das Ganze stillschweigend mittrage. «Die Mitläufer, die mehr oder weniger gern mitmachen, sind meist der beste Anknüpfungspunkt, um einen Konflikt aufzudecken.»

Kürzlich etwa musste Antonelli einer 13-Jährigen helfen. Zwei Mädchen aus ­ihrer Klasse gingen sie über Wochen online an. «Bei Mädchen läuft das häufig über ­böse Kommentare zur Erscheinung», sagt Antonelli. Die Mobberinnen schreiben dann etwa: «Sie ist sowieso zu dick.» Oder: «Hast du die Scheissfrisur gesehen?» Ursprung des Mobbings: Das Mädchen hatte bessere Noten als die Kolleginnen.

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Gewaltexperte Zurkirchen berichtet Ähnliches: «In einem Fall hatte es eine Jugendliche geschafft, die gesamte Klasse gegen ein einzelnes Mädchen aufzubringen.» Resultat waren nicht nur abfällige Kommentare im Internet, sondern alle Kinder hätten beschlossen, das Mädchen «existiere nicht mehr»: «Wann immer jemand aus der Klasse Arbeitsblätter verteilte, bekam sie keins.» Wenn sie etwas gesagt habe, hätten die anderen nicht reagiert – schrecklich für die Betroffene, vor allem in einer ohnehin sensiblen Lebensphase wie der Pubertät. Die Situation war so verfahren, dass nur noch ein Schulwechsel half. Dann brauche es professionelle Betreuung, damit sich das Opfer nicht doppelt gestraft fühle. In diesem Fall war das Motiv für die Mobbing­attacke ein Beziehungskonflikt. Das Opfer und die spätere Drahtzieherin waren ursprünglich beste Freundinnen und interessierten sich dann für denselben Jungen.

«Besonders schlimm beim Cybermobbing ist, dass oft das gesamte soziale Umfeld eines Kindes davon erfährt», sagt Zurkirchen. Früher kam jemand vielleicht in der Schule dran, hatte aber immer noch die Kollegen aus dem Sport oder der Pfadi, die von nichts wussten und Betroffenen ­eine andere Rolle ermöglichten. Heute aber sieht ein grosser Teil des Umfelds über Facebook oder Twitter, was läuft. «Das Kind verliert seine Rückzugsmöglichkeiten und Orte, wo es nicht die Opferrolle hat.»

Von Mobbern in den Suizid getrieben

In anderen Ländern haben sich Jugend­liche umgebracht, nachdem sie Opfer von Cybermobbing wurden. Ein tragisches Beispiel ist die Geschichte von Amanda Todd. Die 15-jährige Kanadierin nahm sich im Oktober das Leben, nachdem andere Jugendliche sie jahrelang im Internet gemobbt hatten. Einen Monat vor ihrem ­Suizid stellte sie ein Video auf Youtube, in dem sie ihre Geschichte erzählte. Mit zwölf ­hatte sie sich in einem Webchat dazu überreden lassen, ihre Brüste zu zeigen. Das Bild kursierte anschliessend im Netz, und Todd war Spott und Hohn ausgesetzt. Schulwechsel brachten keine Besserung. Das Mädchen begann zu trinken, sich selbst zu verletzen, unternahm schliesslich einen Suizidversuch. Das nahmen ihre ­Peiniger wiederum zum Anlass, sie online weiter anzugehen – mit «Tipps», wie sie es das nächste Mal «mit mehr Erfolg» versuchen könne. Nach Todds Tod prangerte die Hacker-Community Anonymous in einem Youtube-Video jenen User an, der Todds Bilder als Erster online verbreitet hatte. Sie identifizierte ihn als 32-jährigen Mann.

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In der Schweiz ist bisher kein Suizid wegen Cybermobbings belegt. Experten von Pro Juventute warnen seit längerem, es sei nur eine Frage der Zeit, bis es auch hier so weit komme. Pro Juventute betreibt das Beratungstelefon 147 für Kinder und Jugendliche. Die Kampagne «Stopp Cyber-Mobbing» soll nun das Hilfsangebot noch bekannter machen. In einer Umfrage hatte die Stiftung ermittelt, dass zwei Drittel der Befragten nicht wussten, wohin sie sich im Notfall wenden können.

Den Eltern raten Fachleute, sofort zu reagieren, wenn sie vermuten, das Kind werde online gemobbt. «Es gibt immer Anzeichen für so was», sagt Sozialpädagoge Antonelli, auch wenn sie manchmal subtil seien. Wegzuschauen sei immer falsch. Die Ausrede, man verstehe halt nicht so viel von den sozialen Netzwerken, lässt er nicht gelten. Es gehöre zur Aufgabe der Eltern, sich dafür zu interessieren, was der Nachwuchs online so treibe – oder erleide.

Zudem solle man sich nicht scheuen, professionelle Unterstützung beizuziehen. Und zwar besser früh als zu spät.

Einfach Zugang zum Internet verbieten?

Wenn die Fachleute von der Gewaltprävention in eine Klasse gehen, versuchen sie, das Geschehen in Gesprächen und Rollenspielen aufzuarbeiten. Opfer, Täter und Mitläufer sitzen in einer Runde und sollen sich den Vorkommnissen stellen. «Wir trainieren die Sozialkompetenz der Jugendlichen», sagt Antonelli. Dazu gehöre die Fähigkeit, mit modernen Medien umzugehen – und Konflikte respektvoll auszutragen, egal, ob im Internet, auf dem Pausenplatz oder im Sportverein. Übrigens sei es ganz falsch, den Zugang zum Internet zu verbieten: «Um dazuzugehören, ist das Internet für die Jugendlichen unabdingbar.»

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Ist die Situation schon zu verfahren und eine Intervention an der Schule nicht mehr erfolgversprechend, rät Walter Grossen­bacher von der Kantonspolizei Bern zur Anzeige. Beleidigende und ehrverletzende Aussagen können auf Antrag des Opfers strafrechtlich verfolgt werden. Ab zehn Jahren sind Kinder strafmündig und können wegen Cybermobbings belangt werden.

Auch das Löschen des Facebook-Profils sollten Betroffene in Betracht ziehen. Und zwei Grundsätze müsse man Kindern früh beibringen: online möglichst wenig persönliche Informationen preisgeben – und immer zweimal überlegen, bevor man ­irgendwelche Kommentare oder Bilder in einem sozialen Netzwerk veröffentlicht.

Weitere Infos

 

Download: «My little Safebook»

Die Schweizerische Kriminalprävention (SKP) bietet eine Broschüre an, die für Gefahren im Internet sensibilisiert. Darin werden die Funktionsweise des Web 2.0 und die damit verbundenen Tücken aufgezeigt. «My little Safebook» ist in zwei Versionen erhältlich: Für Eltern und für Jugendliche.