Bei Tripadvisor sorgte die Netiquette jahrelang dafür, dass sexuelle Übergriffe in Hotels nicht publik wurden. Etwa die Geschichte der Amerikanerin Kristie Love: 2010 macht sie Ferien an der Playa del Carmen in Mexiko. Eines Abends vergewaltigt ein Angestellter des Hotel-Sicherheitsdienstes die 28-Jährige. An der Réception weigert man sich, die Polizei zu benachrichtigen. Zurück in Dallas, will Love andere Touristinnen vor dem Resort warnen, doch Tripadvisor löscht ihren Eintrag im Forum. Grund: Loves Wortwahl entspreche nicht der familienfreundlichen Firmenpolitik. Die Zeitung «Milwaukee Journal Sentinel», die den Fall publik machte, berichtet von mindestens zwei weiteren Frauen, die nach 2010 in besagtem Hotel vergewaltigt worden seien.

Neuer Warnstempel

Die aktuelle Debatte über sexuelle Übergriffe zwang Tripadvisor zum Umdenken. Die Profile problematischer Hotels sind nun mit einem Stempel versehen. Rot eingerahmt steht: «Tripadvisor wurde auf aktuelle Medienberichte oder Ereignisse aufmerksam gemacht, die dieses Unternehmen betreffen und die möglicherweise nicht in den Bewertungen widergespiegelt werden.» Man habe erkannt, dass die frühere Auslegung der Richtlinie zu eng war, heisst es in einer Mitteilung. «Wir sind geschockt darüber, was dem Opfer widerfahren ist, und sind der Meinung, andere Reisende sollten von diesem Vorfall wissen.» Der Forumseintrag von Kristie Love ist seither wieder online, chronologisch eingebettet zwischen anderen sieben Jahre alten Reiseberichten. Laut Tripadvisor wurden bisher die drei mexikanischen Hotels Grand Velas Riviera Maya, Iberostar Paraíso Maya und Iberostar Paraíso Lindo mit dem neuen Hinweis versehen. «Wir gehen damit nicht leichtfertig um», sagt Sprecherin Susanne Nguyen dem Beobachter. Ob vor einer Destination gewarnt werde, entscheide ein internes Gremium.

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«Wir wollen informieren, nicht bestrafen»

Auf das Ranking hat der Stempel keinen Einfluss. Anders als Manipulation mit gekauften Lobeshymnen führt sexuelle Belästigung durch Angestellte nicht zum Absturz eines Hotels im Algorithmus. Tripadvisor: «Wir wollen informieren, nicht bestrafen.» Die drei Hotels in Mexiko sind auch bei Schweizer Reisenden beliebt. Viele Anbieter führen sie auf ihren Onlineplattformen. So etwa Knecht Reisen, deren Sprecherin sagt: «Unsere Verkaufsmitarbeiter sind angehalten, Interessenten auf die angesprochene Problematik hinzuweisen.» Kuoni hat die Unterkünfte aus dem Katalog gestrichen. Auch Hotelplan reagiert: Seine Systeme lassen seit ein paar Tagen keine entsprechenden Buchungen mehr zu. «Wir empfehlen momentan unseren Kunden, ihre Ferien nicht dort zu verbringen», sagt Sprecherin Prisca Huguenin-dit-Lenoir.

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Elio Bucher, Online-Produzent

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