Der Kanton Aargau will sein Contact-Tracing massiv reduzieren. 15 der aktuell 140 Tracer sollen entlassen werden. Weitere 59 erhalten Änderungskündigungen. Sie sollen nur noch auf Abruf arbeiten, etwa wenn es zu einer weiteren Infektionswelle kommt. Die Staatspersonalverbände kritisieren diese Pläne. Durch eine bessere Planung hätte sich die Massenentlassung verhindern lassen, sagen sie. Die meisten Tracer haben befristete Arbeitsverträge bis Ende Jahr und stehen nun doch auf der Strasse.

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Im Personalmanagement scheint einiges im Argen zu liegen. Mehrere Mitarbeitende berichten dem Beobachter, noch bis im Mai seien neue Contact-Tracer eingestellt worden – obwohl die Fallzahlen am Sinken waren. Intern habe es geheissen, man werde das Tracing im gleichen Umfang weiterführen. In den Medien hat sich auch die bis Ende Mai fürs Contact-Tracing zuständige Kantonsärztin Yvonne Hummel so geäussert. Per 1. Juni habe man dann aber das gesamte Covid-19-Programm einer einzigen Leitung unterstellt und Knall auf Fall den Personalabbau angekündigt. Hummel kündigte wenig später.

Die Personalabteilung sei insgesamt überfordert gewesen, sagt einer der Informanten. «Es gab immer wieder fehlerhafte Lohnabrechnungen und Arbeitsverträge mit falschen Personalien oder Salärangaben.» Manche Arbeitsverträge, die bis Ende Jahr befristet sind, enthielten keine Kündigungsfrist. Die Betroffenen könnten deshalb gar nicht vorzeitig entlassen werden.

Auch beim Tracing selbst habe es Probleme gegeben – mit Folgen für die Mitarbeitenden. Der Kanton Aargau verwendet nicht die Software des Bundes, sondern hat eine eigene entwickelt. Diese sei jedoch mangelhaft. Während der zweiten Infektionswelle im Herbst habe man die Daten der Kontaktpersonen in einem Excel-File erfasst, das ein Mitarbeiter programmiert hatte. «Er war der Einzige, der dieses File bearbeiten konnte, und hat über lange Zeit sieben Tage pro Woche gearbeitet.»

«Die Arbeitslast war allgemein so hoch, dass einige Mitarbeiter gesundheitliche Probleme hatten oder haben. Zum Dank gibt es nun die Kündigung.»

Informant

Das Aargauer Contact-Tracing stand immer wieder in der Kritik, etwa weil Infizierte übers Wochenende keine Codes bekamen für die Covid-App oder weil Quarantäneverfügungen zu spät versendet wurden. Die Kritik sei immer an den Tracern hängen geblieben, tatsächlich habe man aber schlicht keine vernünftigen Instrumente zur Verfügung gehabt, sagt einer der Mitarbeitenden. «Die Arbeitslast war allgemein so hoch Stress am Arbeitsplatz Die Firma haftbar machen , dass einige Mitarbeiter gesundheitliche Probleme hatten oder haben.» 12-Stunden-Tage seien keine Seltenheit gewesen. Die Überstunden seien angeordnet worden. «Zum Dank gibt es nun die Kündigung.»

Auch die Staatspersonalverbände sprechen von einem unprofessionellen Management. Sie rechnen damit, dass viele die Kündigung anfechten werden. Die Sozialpartner seien viel zu spät konsultiert worden, die Betroffenen hätten nicht genügend Zeit gehabt, Stellung zu nehmen. Auch sei fraglich, ob die 59 für Arbeit auf Abruf eingeplanten Personen die Verschlechterung ihrer Anstellungssituation akzeptieren würden.

«Kein Zwang»

Die Aargauer Verwaltung weist die meisten Vorwürfe zurück. Im Mai habe man Contact-Tracer angestellt, die aber auch in anderen Bereichen eingesetzt worden seien. Auch ohne diese Neuanstellungen wäre es nun zum Personalabbau gekommen. 

Die erhöhte Fehlerquote in Arbeitsverträgen erklärt man damit, dass während der zweiten Welle innert kürzester Zeit Dutzende neuer Stellen geschaffen werden mussten. Es gebe neun Mitarbeitende mit Verträgen ohne Kündigungsfrist. Ihre Verträge liefen Ende Jahr aus, das behindere den Abbauprozess nicht.

Dass während der zweiten Welle eine einzige Person zuständig gewesen sei für die Erfassung der Kontaktdaten und lange Zeit sieben Tage pro Woche arbeiten musste, könne man so nicht bestätigen. Zeitweilige Mängel infolge Überlastung habe man öffentlich kommuniziert und nicht auf die Tracer geschoben. Es habe auch nie einen Zwang zu Überstunden gegeben. 

«Viele Mitarbeitende haben von sich aus angeboten, mehr zu arbeiten, und Überstunden können immer kompensiert oder ausbezahlt werden», sagt ein Sprecher. Während der zweiten Welle habe sich niemand wegen gesundheitlicher Probleme aufgrund Überbeanspruchung an die Leitung gewandt. Zur Kritik der Personalverbände heisst es, die Massenentlassung werde nach den gesetzlichen Vorgaben durchgeführt.

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