In vielen Schweizer Familien ist Gewalt in der Kindererziehung nach wie vor an der Tagesordnung. In einer Studie der Universität Freiburg im Auftrag der Stiftung Kinderschutz Schweiz gaben rund 50 Prozent der 1605 befragten Väter und Mütter an, ihre Kinder im letzten Jahr körperlich oder psychisch bestraft zu haben.

Im Gegenzug erklärten 62 Prozent, keine Körperstrafen angewandt zu haben – 42 Prozent kamen ohne psychische Gewalt bei den Erziehungsmassnahmen aus (Beschimpfungen, Abwertungen, Drohungen, Erniedrigungen). 

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Regula Bernhard Hug, Geschäftsleiterin der Stiftung Kinderschutz Schweiz, sagt: «Im Langzeitvergleich sehen wir eine positive Tendenz: Wir sind auf einem guten Weg, grundsätzlich erziehen immer mehr Eltern ihre Kinder gewaltfrei. Leider hat sich die Situation aber während Corona verschlechtert, der Trend wurde gebrochen und verharrt jetzt auf viel zu hohem Niveau.» Aus der Perspektive der Kinder sei der Anteil jener Eltern noch immer zu hoch, bei denen psychische oder physische Gewalt zum Alltag gehörten.

Am meisten verbreitet: Schläge auf den Hintern

Bei den körperlichen Strafen sind Schläge auf den Hintern am meisten verbreitet, jedes fünfte Kind leidet darunter. Rund 15 Prozent der befragten Eltern gaben an, ihr Kind gestossen zu haben, knapp 12 Prozent haben ihr Kind an den Haaren gezogen, und jedes zehnte Kind wurde geohrfeigt. Rechnet man andere Körperstrafen ein, die weniger häufig vorkommen, heisst das: Bei 38 Prozent der befragten Eltern kommt es bei der Kindererziehung zu körperlicher Gewalt.

Psychische Gewalt kommt in der Erziehung ebenfalls häufig vor. Fast ein Drittel der befragten Eltern erklärten, sie würden ihrem Kind mit Worten wehtun und es heftig beschimpfen. Etwa ein Viertel hat schon mit Schlägen gedroht, und rund zehn Prozent sagen ihrem Kind regelmässig, dass sie es bei unliebsamem Verhalten nicht mehr gernhaben. Die Befragung zeigt: Bei 21 Prozent der Eltern kommt psychische Gewalt regelmässig vor.

Überfordernde Alltagssituationen

Zu Gewalt in der Erziehung führen vor allem überfordernde Alltagssituationen und die allgemeine psychische Belastung der Eltern. Die Stiftung Kinderschutz weist aber auch darauf hin, dass eigene Erfahrungen in der Kindheit oder in der Partnerschaft dazu führen können, selber ebenfalls Gewalt anzuwenden. Sprich: Wer mit Gewalt aufgewachsen ist, wendet diese auch häufiger an.  

Eine Rolle spielen gemäss Kinderschutz Schweiz auch Verhaltensnormen und Erziehungsziele. Eltern, denen es wichtig ist, dass ihre Kinder zu angepassten Erwachsenen erzogen werden, würden eher zu Gewalt tendieren. Eltern, für die es im Gegenteil wichtig ist, dass sich ihre Kinder entfalten und entwickeln können, würden zu weniger Gewalt tendieren. 

Gewalt gegenüber Kindern wird in der Schweiz womöglich bereits nächstes Jahr verboten. Im Sommer lancierte der Bundesrat einen Vorschlag, um die gewaltfreie Erziehung gesetzlich zu verankern. Derzeit läuft dazu ein Vernehmlassungsverfahren, voraussichtlich werden National- und Ständerat 2024 darüber entscheiden.

«Ein Gesetz zur gewaltfreien Erziehung ist dringend nötig», sagt Kinderschutz-Geschäftsleiterin Regula Bernhard Hug. Und weiter: «Ein Gesetz wäre ein klares Stoppsignal an alle Teile der Bevölkerung. Wir müssen uns hoffentlich bald nicht mehr fragen, warum es verboten ist, eine erwachsene Person zu ohrfeigen, dieselbe Ohrfeige gegenüber einem Kind jedoch toleriert wird.»

So gelingt eine gewaltfreie Erziehung

Als körperliche Gewalt gelten Handlungen wie Schlagen, Treten, Stossen, Boxen oder das Ziehen an den Haaren. Psychische Gewalt wendet an, wer ein Kind als wertlos behandelt, abwertet, es zurückweist oder verachtet und seine emotionalen und körperlichen Bedürfnisse nicht ernst nimmt.

Erleben Sie schwierige Situationen in der Erziehung? So reagieren Sie richtig: Tipps zu einer gewaltfreien Erziehung.