Rolf Seeger sieht aus, als bringe ihn nichts so schnell aus der Ruhe. Der Verkehrsmediziner trägt den Arztkittel locker über Hemd und Jeans. «Ich habe gute Nerven», sagt er schmunzelnd, «die brauche ich auch.» Zweimal pro Woche ist er bei Kontrollfahrten mit älteren Autofahrern dabei, die den Medizincheck beim Hausarzt nicht bestanden haben.

Zur Kontrollfahrt erscheinen die Seniorinnen und Senioren mit dem eigenen Auto. Seeger, Verkehrsmediziner vom Institut für Rechtsmedizin der Uni Zürich, sitzt hinten im Wagen. Vorne neben dem Fahrer sitzt der Verkehrsexperte vom Strassenverkehrsamt. Er muss eingreifen, bevor es knallt. Im Notfall reisst er das Steuer herum oder zieht die Handbremse.

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Brenzlige Situationen hat Seeger viele erlebt. «Einmal schafften wir es nur knapp vor einem Lastwagen noch um die Kurve.» 40 Prozent der Prüflinge sind den Ausweis nach der Kontrollfahrt sofort los. Sie sind nicht mehr gesund genug, um ein Fahrzeug zu lenken. Sie haben Sehschwächen, ihre Beweglichkeit ist eingeschränkt oder sie sind dement. Die übrigen 60 Prozent dürfen – teils unter Auflagen – bis zur nächsten Kontrolle weiterfahren.

Auto als Stück Freiheit empfunden

Alle Fahrer über 70 müssen im Zweijahresrhythmus zur Kontrolle beim Hausarzt. Obwohl das Parlament die Altersgrenze bereits 2016 auf 75 Jahre erhöht hat. Der Bundesrat muss die Änderung noch in Kraft setzen. Wann das geschieht, ist offen.

Die Senioren signalisieren Ungeduld. Sven Britschgi, Geschäftsführer der Vereinigung der Schweizerischen Strassenverkehrsämter: «Die 70-Jährigen wundern sich, warum sie noch aufgeboten werden. Die Strassenverkehrsämter werden mit Anfragen überschwemmt.»

Viele Senioren empfinden die Fahrtauglichkeitsuntersuchung als Schikane. Sie sagen sich: Solange ich mich gesund fühle, kann ich fahren. Das Auto ist für sie ein Stück Freiheit. Und die Medizinchecks gehen ins Geld. Für die erste Untersuchung verlangt der Hausarzt 100 bis 150 Franken. Falls weitere Tests nötig sind, kann es locker 400 bis 800 Franken mehr kosten. Zahlen muss der Senior oder die Seniorin.

Anderseits: Wenn Ältere einen Unfall bauen, sorgt das für Unruhe. Wie letzten April, als im Aargau ein 73-Jähriger einen 18-jährigen Töfflifahrer übersah. Der junge Mann starb auf der Unfallstelle. Schnell taucht in solchen Fällen die Frage auf: Warum durfte der Senior überhaupt noch fahren?

Unter Verdacht steht mitunter der Hausarzt. Hat er beim Kontrolluntersuch ein Auge zugedrückt? War er zu nachsichtig mit seinem langjährigen Patienten? Hat er ihm ein Gefälligkeitszeugnis ausgestellt?

Mit Selbstdeklaration zum Experten

Die entsprechenden Anforderungen an Mediziner wurden 2016 neu definiert. Britschgi von der Vereinigung der Strassenverkehrsämter kritisiert: «Die Bedingungen für einen Hausarzt, um die Stufe 1 zu erlangen, sind zu lasch.» Stufe 1 sind die Seniorenkontrollen. Dazu muss ein Hausarzt eine entsprechende Ausbildung in Verkehrsmedizin vorweisen. Allerdings: «Den Nachweis kann ein Arzt mit einer Selbstdeklaration erbringen», erklärt Britschgi.

Das heisst: Der Hausarzt kann mit ein paar Mausklicks angeben, dass er die Anforderungen erfüllt. Alternativ dazu kann er für die Stufe-1-Zulassung einen eintägigen Fortbildungskurs in Verkehrsmedizin besuchen. Alle fünf Jahre muss er sein Wissen in einem Kurs auffrischen oder seine Kenntnisse per Selbstdeklaration erneut bestätigen.

Derzeit erfüllen rund 4500 Ärztinnen und Ärzte die Stufe-1-Anforderungen. Rund ein Viertel hat einen Fortbildungskurs besucht. Drei Viertel nutzen die Möglichkeit zur Selbstdeklaration. Britschgi wünscht sich, das Verhältnis wäre umgekehrt.

«Früher wurden die Ärzte weder zu einer Weiterbildung noch zu einer Selbstdeklaration verpflichtet. Ich sehe die neue Regelung darum als grossen Fortschritt.»

 

Philippe Luchsinger, Präsident Verband Haus- und Kinderärzte Schweiz

Auch Verkehrsmediziner Seeger ist mit dem neuen System nicht glücklich. «Bei uns im Institut rufen immer wieder Praxisassistentinnen an, die im Auftrag ihres Chefs die Selbstdeklaration ausfüllen sollen», sagt er. «Das gibt mir schon etwas zu denken.»

Bei den Hausärzten klingt das ganz anders. Man sei sich der Verantwortung sehr wohl bewusst, sagt Philippe Luchsinger, Präsident des Verbands Haus- und Kinderärzte Schweiz. «Früher wurden die Ärzte weder zu einer Weiterbildung noch zu einer Selbstdeklaration verpflichtet. Ich sehe die neue Regelung darum als grossen Fortschritt.» Das Interesse der Hausärzte am Thema sei gross. «Verkehrsmedizin-Workshops sind an Ärztekongressen immer sehr gut besucht.»

Ob das tatsächlich reicht, wird die Auswertung der Unfälle zeigen.

Ältere Autofahrer: Zahlen und Fakten

In der Schweiz besitzen rund 700'000 Personen über 70 Jahre einen Führerausweis. Über 40 Prozent davon in der Altersklasse 70 bis 75.

In der Unfallstatistik aber seien sie eher untervertreten, sagt Uwe Ewert von der Beratungsstelle für Unfallverhütung. Bei ungefähr 15 Prozent der Verkehrsunfälle mit Todesopfern seien Senioren über 70 als Lenker beteiligt. Etwa die Hälfte der Todesopfer machten dabei die Senioren-Lenker selber aus. Sie seien verletzlicher als jüngere Leute.

Das Unfallrisiko steigt pro gefahrene Kilometer mit dem Alter an. Denn ältere Fahrer seien weniger auf Autobahnen unterwegs – die statistisch als sichere Wege gelten, sagt Ewert. Senioren legen mehr Kilometer auf unsicheren Wegen zurück, also innerorts oder auf Landstrassen. Allerdings fahren sie seltener alkoholisiert als Jüngere, gurten sich häufiger an und sind weniger oft zu schnell unterwegs.

Ausserdem verursachen Senioren seltener schwere Unfälle in der Dämmerung oder in der Nacht. Das dürfte darauf zurückzuführen sein, dass sie in dieser Zeit weniger häufig unterwegs sind.

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