Stolz und unnahbar wirkt das Matterhorn im fahlen Abendlicht. Ein Monument für die Ewigkeit, das täglich auf Millionen Handybildern in die Welt hinaus geschickt wird. Doch oben auf der Hörnlihütte trügt der Schein. Man hat Abschied genommen von der Illusion, dass dieser Riese aus Stein ein unveränderliches Denkmal ist. Der Berg lebt – und er leidet. Die Hitze hat die Ikone unberechenbar gemacht.

Ausgerechnet die Erben der Erstbesteiger, die Zermatter Bergführer, schlagen Alarm und meiden ihr geliebtes «Horu». Es ist kein Akt der Feigheit, sondern eine Lektion in alpiner Demut. Anlass ist ein Aufruf des lokalen Verbandes, bis auf Weiteres auf eine Besteigung zu verzichten, sofern man die Kundschaft nicht kennt. Einheimische Bergführerinnen und Bergführer gehen deshalb nur noch mit langjährigen Privatgästen, um das Sicherheitsrisiko zu minimieren. Denn Steinschlag und Bergrutsche bedrohen die Alpinisten. Und schuld daran sind ausgerechnet sie selbst!

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Die Natur verändert sich

«Was wir gerade erleben, ist krass, viele Amateure überschätzen sich massiv und sind oft schon kurz nach dem Einstieg überfordert», sagt Martin Lehner (57), Hüttenwart und Bergführer in der dritten Generation. 117 Mal erlebte er den Sonnenaufgang auf 4478 Metern, zuletzt mit seiner Frau Edith (60) und Sandra und Debora, die während der kurzen Saison in der Hörnlihütte mit anpacken. Sohn Lukas ist gerade in Ausbildung als Bergführer-Aspirant.

Lehners stehen an vorderster Front, sind die Hüter eines Monuments, das die Grenzen der Belastbarkeit längst erreicht hat. Martin ist überzeugt: «Die Natur verändert sich – doch das Profil der Alpinisten passt sich den Gefahren nicht an. Das Matterhorn wird diesen Sommer überstehen, und auch die nächsten Jahrtausende. Die Frage ist nicht, was aus dem Berg der Nation wird. Die Frage ist, ob wir Menschen klug genug sind, die Warnsignale zu verstehen.»

Edith und Martin Lehner vor der Hörnlihütte - Am Matterhorn schmelzen nicht nur die Gletscher. Zermatter Bergführer erleben, wie sich der Berg unter ihren Füssen verändert – und warum sie jetzt handeln müssen

«Wir suchen einen Nachfolger»: Seit neun Jahren führen Edith und Martin Lehner auf 3260 Metern die Hörnlihütte. 2027 ist Schluss.

Quelle: Dominic Steinmann

Konkret geht es ums «Dach», eine exponierte Schlüsselstelle, die sowohl beim Aufstieg als auch beim Abstieg passiert wird. Verschiebt sich die Nullgradgrenze auf 5000 Meter, verschwindet nicht nur das Schneefeld, das den Untergrund bislang zusammengehalten hat. Sondern auch die sichtbare Spur, die die täglich bis zu 60 Seilschaften zum Gipfel leitet. Führen unerfahrene Alpinisten am langen Seil, schleifen sie es über das lockere Gestein und treten Geröll los, das den Hang runterdonnert. Wer sich also unterhalb der Route befindet, ist von akutem Steinschlag bedroht.

Das wurde Gianni Mazzone zum Verhängnis. Der Zermatter Bergführer wurde von einem massiven Felsbrocken getroffen. Er und sein Gast wurden verletzt mit dem Helikopter der Air Zermatt ausgeflogen, sind nur knapp dem Tod entkommen.

Gianni Mazzone mit eingebundenem Arm - Am Matterhorn schmelzen nicht nur die Gletscher. Zermatter Bergführer erleben, wie sich der Berg unter ihren Füssen verändert – und warum sie jetzt handeln müssen

Saison vorbei! Ein losgetretener Stein verletzte Mazzone an der Schulter. Auch sein Gast wurde getroffen, beide mussten gerettet werden.

Quelle: Dominic Steinmann

Eine Perlenkette aus Lichtern

Es ist kurz vor vier Uhr. Draussen funkelt der Sternenhimmel über der majestätischen Silhouette. Hastig wird der letzte Schluck Kaffee getrunken. Karabiner klicken, das leise Surren von Reissverschlüssen kündigt den nahen Aufbruch an. Trotz der momentanen Schwierigkeiten, die besondere Achtsamkeit verlangen, haben sich 60 Personen aus fast allen Kontinenten eingefunden.

Vor 2014, als die Hütte noch nicht umgebaut wurde und noch «Belvédère» hiess, waren es 200! Die Luft ist erfüllt von dieser magischen Mischung aus Vorfreude und ehrfürchtigem Respekt. Und dem Wunsch der Alpinistinnen und Alpinisten, heute endlich den Peak ihres Lebens zu erklimmen. Nur Martin Lehner ist in der Hektik die Ruhe selbst. Er kennt den Koloss, seine Launen und seine Schönheit und das Gefühl, wie es ist, über sich selber hinauszuwachsen.

Die Hand liegt auf der Klinke der Hüttentür, die er Punkt vier Uhr freigibt. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass erst die Zermatter Bergführer hinaus in die Nacht treten. Als Einheimische kennen sie den Weg, führen die Karawane mit sicherem Schritt an. Danach folgen die internationalen Bergführer und die führerlosen Alpinisten am Schluss, die sich die Besteigung ohne Guide zutrauen. Wie Glühwürmchen tanzen die Stirnlampen durch die Dunkelheit. Am Einstieg wird es beim Fixseil für einen Moment eng. Trotz des Gedränges herrscht eine spürbare Kameradschaft. Dann zieht sich das Feld auseinander und es beginnt für die Zurückgebliebenen das wohl schönste Schauspiel. Wer jetzt nach oben blickt, sieht eine Perlenkette aus Lichtern, die sich im Zickzack sanft nach oben schlängelt.

Bruno Jelk vor einem Helikopter - Am Matterhorn schmelzen nicht nur die Gletscher. Zermatter Bergführer erleben, wie sich der Berg unter ihren Füssen verändert – und warum sie jetzt handeln müssen

Bruno Jelk hat mehrere Kollegen am Matterhorn verloren. Er leitete 786 Einsätze. Heute bildet er Retter in Nepal und Pakistan aus.

Quelle: Dominic Steinmann


Das Band aus Licht und Hoffnung wird getragen von Getriebenen, die sich der Gefahr bewusst sind. Wer in Momenten wie diesen nicht begreift, wie klein der Mensch im Angesicht der Natur ist, hat vom Bergsteigen wohl nichts begriffen. Am Abend vorher hat Martin Lehner beim Bergführerapéro über die aktuelle Situation informiert. Er wies auf die Dringlichkeit hin, wie wichtig es ist, dass alle das Gehen am kurzen Seil beherrschen. Und dass fallende Steine das grösste Risiko sind. «Gebt aufeinander acht. Ich möchte euch alle wieder wohlbehalten in der Hütte sehen.» Gegen Mittag wird er auf der Terrasse sitzen und durchs Fernrohr blicken, den prächtigen Hörnligrat im Blick. Dann sind die ersten Rückkehrer bereits auf dem Heimweg und feiern ihren Gipfelerfolg bei einer feinen Rösti mit Speck und Spiegelei.

Am Nachmittag gehört die Terrasse den Tagesgästen. Der Ausblick auf die Königin der Alpen ist gigantisch. Das Essen wird im Minutentakt serviert, insgesamt sind es rund 250 Mahlzeiten. Im Gegensatz zur Gipfeltour, die in gut acht Stunden bewältigt werden kann, dauert der Weg vom Schwarzsee hinauf in die Hörnlihütte knapp zweieinhalb Stunden. Dass die Berge bröckeln, Hüttenwege verschüttet, Unterkünfte geschlossen und die klassischen Hochtouren in den Alpen durch den Klimawandel dauerhaft beschädigt oder sogar unpassierbar werden, ist wissenschaftlich belegt.

Trotzdem ist mediale Panikmache fehl am Platz, findet das Ehepaar Lehner, das 2027 die Hütte nach zehn Jahren an einen Nachfolger übergeben will. Auch eine behördliche Sperrung des Matterhorns lehnen sie ab. «Egal, was passiert: Der Berg soll für alle offen bleiben. Wir bieten hier kein Disneyland. Es geht um Eigenverantwortung und Respekt», sagt Edith, die nach der anstrengenden Saison jeweils als Anästhesiefachfrau im Spital arbeitet. «Das Matterhorn ist der Seismograph einer globalen Krise. Es leidet unter seiner eigenen extremen Strahlkraft und ist das globale Gesicht der Schweiz. Vermarktet auf Schokolade, in sozialen Medien, in asiatischen Reisebüros. Es wäre schade, wenn das Horu seine Seele verliert.»

Diskussionen um Lösungsansätze

Braucht es Lenkungssysteme für Alpinisten? Eine Obergrenze oder ein Slot-System, ähnlich wie am Mount Everest? Oder die konsequente Transformation hin zu einem Ganzjahres-Tourismus, bei dem sich das klassische Bergsteigen komplett in den Mai und Juni verlagert, wenn noch schützender Altschnee liegt? Die Zukunft des Bergsports wird sich radikal verändern. Es ist die fundamentale Frage der Zukunft: Wo klettern wir hin, wenn das Matterhorn wegbricht und der geliebte Riese eine Atempause braucht? «Es gibt ja noch 47 weitere Viertausender in der Schweiz», sagt Martin Lehner entspannt und lacht. «Da findet sich sicher eine Alternative.»

Hinweis: Dies ist ein Artikel der «Schweizer Illustrierten».